Pazifismus contra Hilfe zur Selbstverteidigung

blau-gelbe Friedenstaube aus Holz in Händen einer Person

© Panuwat Dangsungnoen/iStockphoto/Getty Images

Die Forderung nach Frieden ist allgegegenwärtig – in den Medien, auf Demonstrationen, in verschiedenen Aktionen und Gebeten.

Ökumenische FriedensDekade
Pazifismus contra Hilfe zur Selbstverteidigung
Im November feiern Christ:innen traditionell die Ökumenische FriedensDekade. Dieses Jahr stehen die zehn Tage vor Buß- und Bettag unter dem Schlagwort Zusammen:Halt. Warum das derzeit auf mehreren Ebenen eine wichtige Botschaft ist, erklärt Verena Hammes, Geschäftsführerin und römisch-katholische Referentin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK).

Stoppt den Krieg! Das ist seit dem Frühjahr 2022 auf den Anzeigentafeln der Busse eines Hamburger Verkehrsbetriebes zu lesen. Seit der russische Angriffskrieg im Februar auf die Ukraine an Dramatik zugenommen hat, ist plötzlich die selbstverständliche Forderung nach Frieden aktueller denn je. Es herrscht Krieg in Europa. Nicht erst seit diesem Jahr. Russland hatte bereits mit der Annexion der Halbinsel Krim im Jahr 2014 seine Machtansprüche auf das Gebiet der Ukraine unmissverständlich klargestellt. Aber die Eskalationsstufe im Februar dieses Jahres scheint die Menschen in Europa aufgerüttelt und zugleich die Forderung nach Frieden aus ihrer Selbstverständlichkeit herauskatapultiert zu haben.

Friedensdemonstrationen, Aktionen für den Frieden, Friedensgebete und vieles mehr waren daraufhin an der Tagesordnung. Irgendetwas musste man doch tun gegen das Gefühl der Ohnmacht, wenn nur wenige Hundert Kilometer entfernt Menschen sterben, Häuser zerbombt und Lebensgrundlagen zerstört werden. Wir erleben eine "Zeitenwende", in der die jahrzehntelange Garantie für Frieden in Europa sich in Luft auflöst.

Christliche Kirchen und Gemeinschaften in Deutschland haben viel Kraft in Unterstützungsleistungen gesteckt, sei es durch Geldspenden, durch Integration von Geflüchteten oder durch persönlichen Einsatz. Im ökumenischen Kontext wurde auf der diskursiven Ebene klar, wie stark für die christliche Friedensethik der Krieg Russlands gegen die Ukraine einen Prüfstein darstellt: Pazifismus gegen Selbstverteidigungsunterstützung.

Im November feiern Christ:innen traditionell die Ökumenische FriedensDekade, die jedes Jahr die zehn Tage vor dem Buß- und Bettag prägt. Sie hat eine lange Tradition und ist seit ihren Anfängen ökumenisch gestaltet. Christ:innen werden sich so jedes Jahr erneut ihrer Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben in der Gesellschaft und in der Welt bewusst. Im Zugeständnis, dass der Frieden, "der höher ist als alle Vernunft" (Phil 4,7) von Gott kommt, finden in dieser Zeit deutschlandweit ökumenische Gottesdienste für Frieden und Versöhnung statt.

Es geht nur gemeinsam!

Inmitten dieser Situation von Krieg, Ohnmachtsgefühlen, Ängsten, allen damit verbundenen Sorgen um steigende Energie- und Lebensmittelkosten und immer noch ständiger Bedrohung durch die Corona-Pandemie, ruft das Motto der diesjährigen Ökumenischen FriedensDekade: "Zusammen:Halt". Es wirkt auf den ersten Blick wie der Begriff, der in der Corona-Pandemie immer wieder als Schlagwort benutzt wurde. Unter "#zusammenhalt" haben die zivilgesellschaftlichen Akteure zu mehr Solidarität und Gemeinschaftsgefühl in der Pandemie trotz aller zu wahrenden Abstandsregeln aufgerufen. Damit wollten sie deutlich machen: Es geht nur gemeinsam! Im Miteinander sind die Krisen zu bewältigen. Wenn einer auf den anderen achtgibt, geht niemand verloren. Besonders in einer Gesellschaft, in der immer mehr auseinanderzubrechen droht, wo konträre Meinungen zu Gesprächsabbruch führen, wo Fragmentierungen und Polarisierungen das gesellschaftliche Klima bestimmen, setzen die Forderungen nach Zusammenhalt und Gemeinschaft einen Kontrapunkt.

Zusammenhalt ist damit auch ein wichtiges Stichwort für den Frieden. Wer zusammenhält, führt keinen Krieg gegeneinander. Wer miteinander unterwegs ist und einander unterstützt, stellt dem anderen kein Bein. Zusammenhalt ist vielleicht sogar die Voraussetzung für Frieden. Aber noch ein anderer Aspekt steckt in dem Motto, der durch den Doppelpunkt markiert wird. Zusammen "Halt" rufen; den kriegerischen Auseinandersetzungen Einhalt gebieten; gemeinsam gegen Unrecht und die Ausbeutung der Schöpfung aufstehen; sich wehren gegen menschenfeindliche und polarisierende Strömungen; zusammen "Halt" rufen bei allem, was der christlichen Botschaft widerspricht.

Christliches Friedenszeugnis lebt von Jesu Appell

Als Christ:innen haben wir eine besondere Verantwortung für den Frieden. Verbunden in der Zuversicht, dass Gottes Geist den Erdkreis erfüllt und alles zusammenhält (Weish 7,1), sind wir getragen von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden und durch seinen Geist bleibend in der Welt wirkt. "Die Liebe Gottes drängt uns" (2 Kor 5,14), wie der Apostel Paulus schreibt, dazu, "aufeinander zu achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anzuspornen" (Hebr 24,10). Wer liebt, führt keinen Krieg. Wer liebt, macht die Welt besser, friedlicher und lebenswerter für alle.

Das christliche Friedenszeugnis lebt von Jesu Appell: "Liebt einander" (Joh 13,34), denn nur in der gegenseitigen Liebe wird Versöhnung und Frieden möglich. In diesen Tagen wird besonders deutlich, wie sehr Menschen auf der ganzen Welt diesen Anspruch nicht erfüllen können. Gerade deshalb ist der Aufruf der Ökumenischen FriedensDekade zum "Zusammen:Halt" – sowohl zum solidarischen Miteinander als auch zum gemeinsam Einspruch erheben – in diesem Jahr so wichtig und so aktuell.

evangelisch.de dankt seinem Kooperationspartner Evangelische Mission Weltweit e.V.  für den redaktionellen Inhalt.

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