Vor 30 Jahren: Brandsätze in Rostock

Festnahme eines jugendlichen Gewalttäters nach einer Straßenschlacht in Rostock

© epd-bild/Martin Langer

Festnahme eines jugendlichen Gewalttäters nach einer Straßenschlacht zwischen Rechtsextremen und der Polizei bei Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen am 25.08.1992. Vor 30 Jahren ereigneten sich in Rostock die schwersten ausländerfeindlichen Übergriffe nach der Wende. (Archivbild)

Erinnern als Weg gegen Rassismus
Vor 30 Jahren: Brandsätze in Rostock
Auch 30 Jahre nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen geht die Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen weiter. Auf einer Gedenkveranstaltung am 25. August will Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen.

Die Bilder gingen vor 30 Jahren um die Welt: Am 24. August 1992 belagerten Hunderte Jugendliche und Erwachsene das "Sonnenblumenhaus" im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Aus der Menge heraus wurden Steine und Brandsätze geworfen. Etwa 150 Menschen konnten sich nur durch Flucht auf das Dach des Hauses vor dem Feuer retten, darunter 120 Vietnamesen, ein ZDF-Team und einige Rostocker. Dies war der traurige Höhepunkt der vom 22. bis 26. August 1992 andauernden ausländerfeindlichen und rassistischen Krawalle vor der Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende im "Sonnenblumenhaus" und dem benachbarten Wohnheim für Vietnamesen.

Die Rostocker Bürgerschaft bat vor zehn Jahren um Entschuldigung, zum 20. Jahrestag der Ausschreitungen, in einer Erklärung bei den Opfern. Rund 150 Menschen hätten damals um ihr Leben fürchten müssen, während Rechtsextremisten aus ganz Deutschland, aber auch Tausende Rostocker Beifall klatschten, hieß es darin. Die in der Verantwortung stehenden Behörden von Bund, Land und Kommune hätten versagt. Die Ereignisse dürften weder verdrängt noch beschönigt oder vergessen werden. Die Aufarbeitung sei ein immerwährender Auftrag.

Einen weiteren Schritt des Gedenkens ging Rostock vor fünf Jahren mit einer Gedenkwoche, in der fünf Stelen aus Marmor in verschiedenen Stadtteilen eingeweiht wurden, die die Künstlergruppe "Schaum" zum Thema "Gestern Heute Morgen" gestaltet hatte. Eine sechste Stele mit dem Titel "Empathie" kam ein Jahr später im August 2018 auf Initiative des Vereins Waldemar Hof auf dem Doberaner Platz hinzu. Sie ist den Betroffenen des Pogroms von 1992 gewidmet.

Zum Gedenken gibt es im August 2022 zahlreiche Ausstellungen und öffentliche Veranstaltungen in Rostock. "Das Pogrom ist Teil unserer Stadtgeschichte", sagte Chris von Wrycz Rekowski (SPD), Erster Stellvertreter des Oberbürgermeisters. Für alle nachfolgenden Generationen bleibe die wichtige Aufgabe, Rassismus und Hetze gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten zu verurteilen.

Bundespräsident besucht Rostock

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird am 25. August in Rostock erwartet. Er wird am frühen Abend bei einer Gedenkstunde im Rathaus eine Rede halten. Zuvor will das Staatsoberhaupt am "Sonnenblumenhaus" im Stadtteil Lichtenhagen Blumen niederlegen. Anschließend will Steinmeier das dortige Stadtteil- und Begegnungszentrum besuchen, um mit Schülerinnen und Schülern, Anwohnerinnen und Anwohnern ins Gespräch zu kommen. Auch ein Besuch des buddhistisch-vietnamesischen Tempels in Rostock ist eingeplant.

Bereits im Januar 2022 hatte ein zivilgesellschaftliches Bündnis aus Rostock und Mecklenburg-Vorpommern ein Positionspapier zu 30 Jahre Gedenken an das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen veröffentlicht. Darin wird unter anderem gefordert, die Angriffe vom August 1992 als rassistisches und antiziganistisches Pogrom zu benennen und ein nachhaltiges Gedenken zu gestalten.

Am 25. Februar startete das Bündnis ein Gedenkjahr. Hintergrund ist, dass am 25. Februar 2004 der 25-jährige Dönerverkäufer Mehmet Turgut von der NSU-Terrorzelle im Rostocker Stadtteil Toitenwinkel in einem Imbiss erschossen worden war.

Den heutigen Umgang mit Asylsuchenden und das Thema "Rassismus" wollen das Bündnis "Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992" und die Initiative Pro Bleiberecht mit Aktionen thematisieren. Pro Bleiberecht veranstaltet am 21. August drei Kundgebungen am Rostocker Rathaus, am Schweriner Innenministerium und am Asylbewerber-Erstaufnahmelager in Nostorf-Horst (Kreis Ludwigslust-Parchim). Das Bündnis "Gedenken an das Pogrom. Lichtenhagen 1992" ruft zu einer Demonstration am 27. August in Rostock unter dem Motto "Damals wie heute: Erinnern heißt verändern!" auf. Dazu werden rund 5.000 Demonstranten und Demonstrantinnen erwartet.

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Hintergrund der Gedenktage

Vor 30 Jahren, vom 22. bis zum 26. August 1992, ereigneten sich im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen die schwersten rassistisch und fremdenfeindlich motivierten Ausschreitungen nach der Wende. Im Verlauf der vier Tage gerieten dabei 150 Menschen in akute Lebensgefahr, nachdem ein Wohnhaus vietnamesischer DDR-Vertragsarbeiter in Brand gesetzt worden war. Mehr als 200 Polizisten wurden verletzt, einer davon schwer.

Die Gewalt, die sich durch Parolen, Sprechchöre, Steine und schließlich Brandbomben ausdrückte, richtete sich gegen die damalige Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende, gegen Wohnungen der Vietnamesen und gegen die Polizei. Zu den Tätern gehörten auch Rechtsextremisten aus ganz Deutschland. Die Krawalle einiger hundert Gewalttäter wurden durch 2.000 bis 3.000 Sympathisanten und Schaulustige vor Ort unterstützt.

Asylsuchende wurden evakuiert

Die Aufnahmestelle in Rostock-Lichtenhagen war im "Sonnenblumenhaus" untergebracht, einem elfstöckigen Plattenbau aus DDR-Zeiten. Nachdem es der Polizei drei Tage lang nicht gelungen war, die Krawalle zu beenden, wurden die Asylsuchenden am Nachmittag des 24. August in Bussen evakuiert. Am Abend desselben Tages wurde die Polizei für zwei Stunden abgezogen. Mit Molotow-Cocktails setzten Gewalttäter das angrenzende Wohnheim der Vietnamesen in Brand.

Die in diesem Haus verbliebenen Menschen - darunter 120 vietnamesische Vertragsarbeiter, ein fünfköpfiges Fernsehteam des ZDF sowie einige Rostocker - drohten an Rauchvergiftung oder durch das in den unteren Stockwerken entstandene Feuer zu sterben. Die Flucht über das Dach in einen anderen Hausaufgang rettete ihnen schließlich das Leben.

Ausschreitungen hatten eine Vorgeschichte

Über Monate hatten sich die Spannungen vor Ort verschärft. Der damalige Rostocker Ausländerbeauftragte Wolfgang Richter hatte bereits im Sommer 1991 für Oberbürgermeister Klaus Kilimann (SPD) ein Schreiben an den Schweriner Innenminister Lothar Kupfer (CDU) verfasst. Darin stand unter anderem, dass er in diesem Stadtteil für nichts garantieren könne und auch Tötungsdelikte nicht auszuschließen seien, sollte sich an der Situation vor Ort nicht kurzfristig etwas ändern.

In Lichtenhagen war damals ein großer Teil der Bewohner arbeitslos und durch die sozialen Folgen der deutschen Vereinigung verunsichert. Seit Monaten campierten Geflüchtete, die wegen Überlastung von der Erstaufnahmestelle noch nicht aufgenommen worden waren, auf den Freiflächen zwischen den Hochhäusern.