Flutopfer kämpfen um Rückkehr ins Leben

Flutopfer Gabi Gasper

© epd-bild/Meike Boeschemeyer

Gabi Gasper vor ihrem Haus in Altenahr, das abgerissen werden soll.

Blumen gegen die Abriss-Tristesse
Flutopfer kämpfen um Rückkehr ins Leben
Die Flutkatastrophe an der Ahr hat das Leben von Gabi Gasper aus den Angeln gehoben. Ein Jahr später sind sie und ihre Familie immer noch weit von einem normalen Alltag entfernt.

Das Einfamilienhaus im Altenahrer Ortsteil Altenburg macht einen gepflegten Eindruck. Vor dem braun verklinkerten Gebäude blühen Blumen, ein Windlicht steht neben dem Eingang. Aber als Gabi Gasper die Haustür öffnet, zeigt sich im Inneren ein anderes Bild: unverputzte Wände, blanker Estrich und ein beißender Heizölgestank in der Luft. "Den kriegt man auch nicht mehr raus", sagt die Eigentümerin. "Das Haus muss abgerissen werden."

Bei der Flut vor einem Jahr hatte das 1998 erbaute Haus bis in den ersten Stock unter Wasser gestanden. Sieben Monate lang hofften Gabi Gasper und ihr Mann, ihr Zuhause retten zu können. Sie beseitigten den mit Heizöl und Fäkalien durchsetzen Schlamm und entkernten das gesamte Haus eigenhändig. Trocknergeräte in einer Ecke des früheren Wohnzimmers zeugen noch von dem Versuch, das Gebäude wieder bewohnbar zu machen. Doch nach mehreren chemischen Analysen stand fest: Dort zu leben, wäre gesundheitsschädlich. Das Heizöl war zu tief ins Gemäuer eingedrungen.

Die Gaspers sind mit diesem Schicksal ein Normalfall in Altenburg, wo 95 Prozent der Gebäude unter Wasser standen. "Dort waren überall Häuser", deutet die 57-Jährige aus ihrem früheren Wohnzimmerfenster auf mehrere trostlose Schotterplätze. Ein paar Grundstücke weiter trotzt ein Familienvater der Tristesse: Zwei Sprenger wässern einen gepflegten Rasen. Den Garten seines abgerissenen Hauses hat der Mann mit gespendeten Pflanzen schon wieder angelegt.

Abriss von mindestens 40 Häusern

28 Häuser im Ort seien bereits abgerissen, zwölf weitere warteten darauf, berichtet Gasper. "Und das ist noch nicht das Ende. Manche Eigentümer streiten auch ein Jahr nach der Flut noch mit der Versicherung um den Abriss", weiß die 57-Jährige. So wie Nachbarn, die bereits mit der Renovierung begonnen hatten. Doch dann stellte sich heraus, dass die Ölverseuchung doch zu stark, die Luftwerte zu schlecht sind.

Die derzeitige Situation sei zermürbend, sagt Gabi Gasper. "Am Anfang konnte man noch aktiv etwas tun. Jetzt ist es viel schlimmer, weil es nicht vorangeht." Die Gaspers wissen noch nicht, wann ihr Haus wieder aufgebaut sein wird. Nachdem erst Anfang des Jahres klar war, dass es abgerissen werden muss, begann das Ehepaar mit den Planungen. Doch die brauchen Zeit, denn wegen der Hochwasser-Auflagen muss nun völlig anders gebaut werden.

Gabi Gasper beseitigte den mit Heizöl und Fäkalien durchsetzten Schlamm und entkernte das gesamte Haus eigenhändig. Alles umsonst, das Haus ist unbewohnbar.

Bis es soweit ist, hoffte Gabi Gasper mit ihrem Mann in ihrem Elternhaus unterzukommen. Das stand ebenfalls unter Wasser, kann aber renoviert werden. "Aber auch da geht es nur langsam voran." Noch immer stehe das abschließende Schadensgutachten der Versicherung aus. Handwerker seien schwer zu bekommen. Und dann seien die Kostenvoranschläge mitunter so hoch, dass die Architektin abrate, weil sie fürchte, dass die Kosten nicht durch die Versicherung gedeckt würden. "Wir hoffen jetzt, dass wir vielleicht Anfang nächsten Jahres dort einziehen können."

Solange wohnen die Gaspers in einer Mietwohnung in Altenahr. "Glück im Unglück", sagt Gabi Gasper. Denn in der Wohnung, die sie über persönliche Kontakte bekamen, dürfen sie solange wie nötig bleiben. "Viele andere ziehen seit einem Jahr von einer Übergangswohnung in die nächste." Die meisten sehnten sich einfach nur nach einem normalen Alltag. Doch daran sei zunächst nicht zu denken, sagt Gabi Gasper, deren Arbeitsplatz in einer Apotheke ebenfalls der Flut zum Opfer fiel.

Besonders schlimm aber trifft sie der Verlust vieler Erinnerungsstücke. "Wir haben jetzt kein einziges Foto mehr von meinem verstorbenen Vater." Lediglich ein Fotoalbum ihres bei einem Unfall ums Leben gekommenen Sohnes konnte sie in letzter Minute retten. "Das haben wir noch schnell im ersten Stock auf einen Kleiderschrank geworfen." Der Rest versank im Wasser, während Gabi Gasper und ihr Mann sich auf ein Fenstersims im Obergeschoss retteten, wo sie eine Nacht lang ausharrten. Die Angstzustände, die dieses traumatische Erlebnis auslöste, begleiteten Gabi Gasper durch das Jahr. "Jetzt wird es langsam besser. Ich finde allmählich zurück ins Leben."

Den Jahrestag der Flut wollten die meisten Altenburger still begehen, sagt Gabi Gasper. Geplant seien Kranzniederlegungen an den früheren Häusern der drei ertrunkenen Frauen aus dem Ort und eine Menschenkette rund um die Kapelle. Anschließend wollen die Dorfbewohner sich im Versorgungszelt zusammensetzen. Dort, in der neuen Ortsmitte, hat Gabi Gasper - ebenso wie vor ihrem abrissreifen Wohnhaus - mit gespendeten Blumen Beete angelegt, die sie regelmäßig pflegt. "Manche schütteln darüber den Kopf, aber mir tut es gut," sagt sie bestimmt und macht sich Mut: "Irgendwann wird es hier wieder schön."

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Stichwort: Hochwasserkatastrophe 2021
Bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 kamen in Deutschland mehr als 180 Menschen ums Leben: 135 in Rheinland-Pfalz und 49 in Nordrhein-Westfalen. Mehr als 800 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Ganze Orte wurden zerstört, Häuser, Betriebe, Infrastruktur und öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser und Kultureinrichtungen beschädigt.

In NRW sind über 180 Kommunen mit rund 20.000 Privathaushalten und 7.000 Unternehmen betroffen, besonders die Orte Hagen, Erftstadt und Euskirchen. Rheinland-Pfalz zählt 65.000 privat Betroffene und 3.000 Unternehmen. Vor allem im Ahrtal richtete die Flut schwere Verwüstungen an: Etwa 17.000 Menschen verloren ihren gesamten Besitz. Auch in der Eifel wurden Orte wie Schleiden und Bad Münstereifel von den Wassermassen zerstört.

Laut des Rückversicherers Münchener Rück verursachte das Unwetter Schäden in Höhe von 46 Milliarden Euro, davon allein 33 Milliarden Euro in Deutschland. Damit ist die Flut die teuerste Naturkatastrophe, die je in Deutschland und Europa verzeichnet wurde.

Für den Wiederaufbau stellen Bund und Länder gemeinsam bis zu 30 Milliarden Euro zur Verfügung. Anträge können seit September 2021 gestellt werden. Privatleute bekommen Unterstützung in Höhe von bis zu 80 Prozent der Wiederaufbaukosten. Allerdings gibt es Kritik an dem komplizierten Verfahren, das nur online zugänglich ist, und an den anfangs langen Bewilligungszeiten.

In NRW wurden bis zum 1. Juli 1,6 Milliarden Euro Wiederaufbauhilfen bewilligt. In Rheinland-Pfalz lag der Betrag bei bislang 540 Millionen Euro. Hilfsorganisationen zufolge wird der Wiederaufbau noch einige Jahre dauern. Das liegt unter anderem am Personal- und Materialmangel in den betroffenen Gebieten. Auch eine psychosoziale Betreuung ist weiterhin nötig.

Die Katastrophe rief in Deutschland eine große Hilfs- und Spendenbereitschaft hervor: So verzeichnete etwa das Hilfsorganisationen-Bündnis "Aktion Deutschland hilft" die Rekordsumme von 282,2 Millionen Euro, bei der Diakonie Katastrophenhilfe RWL gingen 43,3 Millionen Euro ein. Tausende Menschen halfen in den betroffenen Regionen bei den Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten.

Auslöser für stundenlangen Starkregen und Sturzfluten und die dadurch überquellenden Flüsse, Nebenarme und Bachläufe war das Tiefdruckgebiet Bernd, das tagelang über Mitteleuropa festhing. Wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge werden Extremwetterereignisse wie Überflutungen, aber auch Dürren durch den Klimawandel häufiger.