US-Baptisten debattieren über Reform

Southern Baptist Convention debattiert über Reformen

© dpa/Sven Hoppe

Ein Untersuchungsbericht enthält schwere Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe gegen Vertreter des Südlichen Baptistenverbandes. Jetzt spricht die Kirche über Reformen.

"Zeit für einen Wandel"
US-Baptisten debattieren über Reform
Schwere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs in den eigenen Gemeinden dominieren die Vorbereitungen auf das Jahrestreffen des Südlichen Baptistenverbandes, der größten protestantischen Kirche in den USA.

Tausende Delegierte der evangelikal und konservativ geprägten Southern Baptist Convention (SBC) versammeln sich am Dienstag und Mittwoch im kalifornischen Anaheim - wenige Wochen nach Veröffentlichung eines Untersuchungsberichtes, der viele Gläubige schockiert hat. Nun wird über Reformen debattiert, die Missbrauchsprävention und Opferschutz stärken sollen.

Laut dem Report der Beraterfirma Guidepost Solutions wurden Missbrauchsopfer in der SBC viele Jahre lang ignoriert und eingeschüchtert. Der Baptistenverband legte zudem eine bislang geheim gehaltene Liste mit 600 Namen von Kirchenmitarbeitern vor, die als Missbrauchstäter verurteilt wurden oder unter Verdacht stehen.

Opfer wurden lange ignoriert

Einen konkreten Fall schilderte etwa die Rechtsanwältin Christa Brown den Guidepost-Ermittlern: Ende der 60er Jahre wurde sie als 16-Jährige von ihrem Pastor missbraucht. "Gott liebt dich, Christa", habe der Geistliche jedes Mal gesagt, "wenn er mit mir fertig war". Sie habe Kirchenobere informiert, aber es sei lange nichts geschehen. Der Name des Pastors steht auf der nun bekannt gemachten Täterliste.

In einem Video an die Delegierten machte der Interimspräsident des SBC-Exekutivausschusses, Willie McLaurin, nun klar, worum es bei der Jahrestagung gehen soll: Es sei "Zeit für einen kulturellen Wandel". Beim Umgang mit Missbrauch dürfe künftig nicht der "Schutz der Institution" im Vordergrund stehen, erklärte McLaurin.

Auf dem Tisch liegen mehrere Reformvorschläge. Dazu zählen die Schaffung eines Wiedergutmachungsfonds, einer Datenbank mit Namen von Tätern sowie einer Stelle, an die sich Opfer wenden können. Brown und weitere Missbrauchsbetroffene verlangen zudem eine unabhängige Kommission für neue Beschwerden, eine von der SBC unabhängige Website mit den Namen von Tätern sowie ein Mahnmal vor dem Hauptsitz der Kirche in Tennessee.

Geplant ist die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die die Reformmaßnahmen koordinieren soll. Der Verband könnte Kriterien entwickeln, um Gemeinden auszuschließen, die sich nicht an Missbrauchsrichtlinien halten. Bereits eingerichtet hat das SBC-Exekutivkomitee eine Hotline für Missbrauchsopfer - als "Überbrückung", bis das Jahrestreffen "bedeutendere Reformen" beschließt, hieß es.

Wahl eines neuen Kirchenpräsidenten

Der künftige Reformkurs hängt wohl auch von einer wichtigen personellen Weichenstellung ab. Auf der Tagesordnung der Jahrestagung steht die Wahl eines neuen Kirchenpräsidenten. Als Top-Kandidaten gelten Pastor Tom Ascol von der Grace Baptist-Kirche in Cape Coral in Florida und Bart Barber, Pastor der First Baptist-Kirche in Farmersville in Texas.

Außerhalb des Baptistenverbandes stufe man Ascol und Barber als theologisch und politisch extrem konservativ ein, schrieb das Nachrichtenportal "baptistnews.com". Innerhalb des Verbands repräsentiere Barber das Zentrum, Ascol stehe weit rechts.

Konservativer Ascol attackiert Guidepost

Barber hat sich schon vor Jahren für Maßnahmen gegen Missbrauch ausgesprochen. Ascol indes fiel damit auf, dass er die Beraterfirma Guidepost auf Twitter angriff. Er störte sich daran, dass Guidepost auf seiner Website eine Regenbogenfahne postete und dazu schrieb, die Firma sei stolz, die LGBT+-Community zu unterstützen. Er fühle sich "betrogen", einem solchen Unternehmen Millionen Dollar für Hilfe bei "moralischen und spirituellen Anliegen" gezahlt zu haben, wetterte Ascol.

Die konservative Ausrichtung ist die zentrale Eigenschaft des Verbandes: Die Südlichen Baptisten sind eine der wenigen großen protestantischen Glaubensgruppen, in denen das Pastorenamt Männern vorbehalten ist. Der Verband wurde 1845 durch die Abtrennung von anderen Baptisten gegründet, die die Sklaverei ablehnten.

Zu seiner Glanzzeit 2006 gehörten dem Verband 16,3 Millionen Gläubige an. Inzwischen beklagt die Kirche einen deutlichen Mitgliederschwund: Laut dem jüngsten Jahresbericht ist die Zahl der Mitglieder von 2020 auf 2021 um rund 409.000 auf 13,7 Millionen zurückgegangen.

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