TV-Tipp: "Tatort: Schattenleben"

Fernseher vor gelbem Hintergrund

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12. Juni, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Schattenleben"
Der letzte "Tatort" mit dem Hamburger Duo von der Bundespolizei, "Tyrannenmord", war ein Solo für Wotan Wilke Möhring: Torsten Falke suchte den verschwundenen Sohn eines südamerikanischen Botschafter

"Schattenleben" ist in gewisser Weise ein Pendant zur Episode "Die goldene Zeit" (2020). Der allerdings nicht rundum gelungene Krimi bescherte Falke ein Heimspiel und gefiel sich allzu sehr in Kieznostalgie. Regie hatte Mia Spengler geführt, deren zweiter "Tatort" nun eine Klasse besser ist. Diesmal wird Grosz mit ihrer Vergangenheit konfrontiert: Aus heiterem Himmel bekommt sie einen Anruf von Ela Erol (Elisabeth Hofmann), in die sie während der gemeinsamen Ausbildung verliebt war. Die Beziehung währte jedoch nur einen Sommer, anschließend sind die beiden in mancherlei Hinsicht unterschiedliche Wege gegangen.

Der Titel dürfte sich vor allem auf das doppelte Doppelleben Elas beziehen: Sie ist als verdeckte Ermittlerin tief in die linke Hamburger Szene eingetaucht, aber ihr bürgerliches Dasein als Ehefrau im bürgerlichen Vorort Pinneberg entspricht ebenfalls nicht ihrem eigentlichen Naturell. Weil Ela kurz nach einem Treffen mit Grosz wie vom Erdboden verschluckt ist, nistet sich die Bundespolizistin unter falschem Vorwand in der feministischen WG ein, in der die frühere Freundin lebte. 

Dieser Aspekt allein wäre schon fesselnd genug, aber Lena Fakler sorgt zudem für eine interessante Rahmenhandlung: Seit einiger Zeit gibt es immer wieder Anschläge aus der linken Szene auf die Privatautos von Polizisten. Bislang waren dabei nur die Fahrzeuge betroffen, aber nun ist die Frau eines Beamten lebensgefährlich verletzt worden, weshalb auch der Staatsschutz involviert ist. Unversehens entwickelt sich "Schattenleben" zumindest auf dieser Ebene zum Polizeifilm, denn Falke findet raus, dass gegen die entsprechenden Kollegen wegen unverhältnismäßiger Gewaltanwendung bei Festnahmen intern ermittelt worden ist. Zu einer Anklage kam es jedoch in keinem Fall; es ist eine Frage der Berufsehre, dass sich die Männer gegenseitig decken. Offenbar hat irgendjemand die Namen der Männer nach draußen gegeben. Falke vermutet daher, dass Ela entweder "gekippt" oder aufgeflogen ist. In der WG war sie mit der zornigen jungen Nana (Gina Haller) liiert, die gern mit radikalen Parolen um sich wirft.

Schon bei Faklers im Rahmen der NDR-Debütreihe "Nordlichter" entstandenen Drehbuchdebüt "Am Ende der Worte" ging es um in den Korpsgeist innerhalb der Polizei. Zu "Schattenleben" wurde sie durch eine vor einigen Jahren öffentlich gewordene Enthüllung inspiriert: Damals stellte sich raus, dass die linksautonome Szene rund um die "Rote Flora" durch mehrere verdeckte Ermittlerinnen unterwandert war, die sogar Liebesbeziehungen eingegangen sind. Darauf bezieht sich nicht nur der Einsatz von Ela, sondern auch die nicht legitimierte Aktion von Grosz, die rasch Gefallen am rauschartigen Leben Nanas findet. Darin liegt ein weiterer Reiz des Films: Franziska Weisz darf endlich mal eine völlig andere Seite der sonst so kühlen und kontrollierten Hauptkommissarin zeigen.

Spenglers frühere Arbeiten waren durchaus sehenswert; unter anderem hat sie fürs ZDF einen Beitrag für die Reihe "Fluss des Lebens" ("Yukon – Ruf der Wildnis", 2019) und für Sat.1 die gleichfalls sehenswerte romantische Komödie "Leg dich nicht mit Klara an" (2017) gedreht. Dank "Schattenleben" spielt sie nun in der ersten Liga der TV-Regisseurinnen. Mindestens so bemerkenswert wie ihre Umsetzung, die nicht nur wegen der kraftvollen Farben durch mehr als bloß sorgfältiges Handwerk imponiert (Bildgestaltung: Zamarin Wahdat), ist ihr Mut, beim NDR eine Diversitätsquote durchzusetzen (Fachbegriff "Inclusion Rider"). Auf diese Weise konnte sie hinter der Kamera viel junges weibliches Talent versammeln und ihr Ensemble zudem kunterbunt zusammenstellen. Davon profitieren vor allem Elisabeth Hofmann und Gina Haller, die aufgrund ihres Aussehens bislang viel zu oft durchs Besetzungsraster gefallen sind.

Trotzdem fesselt der Film natürlich in erster Linie durch seine abwechslungsreiche Handlung, zumal Fakler die seltene Mischung aus Krimi und Melodram gelungen ist. Spengler wiederum hat es geschafft, die beiden zentralen Fragen bis zum Schluss offen zu halten: Während Grosz nach Ela sucht, will Falke rausfinden, wer für den Anschlag auf die mittlerweile verstorbene Polizistengattin verantwortlich ist; am Ende landen beide beim selben Ziel. 

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