TV-Tipp: "München Mord: Im Zweifel für den Zweifel"

Getty Images/iStockphoto/vicnt
31. Januar, ZDF, 20.15 Uhr:
TV-Tipp: "München Mord: Im Zweifel für den Zweifel"
Nachdem es in einem Nobelrestaurant eine Beschwerde eines Gastes gab, wird ein Toter entdeckt. Was haben die beiden Ereignisse miteinander zu tun?

Natürlich spielen der Nervenkitzel und der Spaß am eigenen Ermitteln ebenfalls eine Rolle, aber eine weitere wichtige Erklärung für die ungebrochene Freude des deutschen Publikums am TV-Krimi ist die Sehnsucht nach Ordnung:

Je unsicherer die Welt erscheint, desto größer ist das Behagen, wenn am Schluss Recht und Gesetz obsiegen. In den anspruchsvolleren Geschichten wird gerade diese Sichtweise jedoch gern infrage gestellt. Die Filme aus der ZDF-Reihe "München Mord" beginnen traditionell mit einem Monolog.

Diesmal gibt Oberkommissar Harald Neuhauser (Marcus Mittermeier) das Thema vor: "Gerechtigkeit – gibt’s die überhaupt?" Dabei geht es zwar auch um den Schmerz der Hinterbliebenen, der durch die Verurteilung des Täters nicht getilgt wird, denn die Lücke, die zum Beispiel ein Mordopfer hinterlässt, bleibt ja für immer, aber die Essenz der Geschichte ist eine andere.

Der Titel "Im Zweifel für den Zweifel" paraphrasiert den juristischen Grundsatz "In dubio pro reo": Wenn Ermittlungen voreingenommen durchgeführt werden, weil ein Verdächtiger von vornherein als Täter gilt, hat die Devise "Im Zweifel für den Angeklagten" keine Chance; doch diesen Aspekt greift das Drehbuch von Friedrich Ani und Ina Jung, die sich bislang die meisten Krimis für das ins Souterrain des Münchener Polizeipräsidiums abgeschobene Team ausgedacht haben, erst später auf.

Zunächst führt Regisseur Anno Saul zu den Klängen von "Carmina Burana" in den wichtigsten Schauplatz des Geschehens ein: Weite Teile der Handlung tragen sich in der Küche eines Nobelrestaurants zu. Hier herrscht der zumindest für Krimis übliche harsche Umgangston. Als ein Kunde eine Beschwerde loswerden will, schickt Küchenchef Dobek (Manuel Cortez) seinen Mitarbeiter Oliver Gerg (Shenja Lacher). Der sieht den Gast, erstarrt und macht auf dem Absatz kehrt.

Natürlich weckt der Auftakt die Neugier: Was mag die beiden Männer miteinander verbinden? Mit der Antwort lässt sich das Drehbuch erst mal Zeit, zunächst bleibt der Film im Hier und Jetzt. Wenn solche Kunden König sind, dann ist der Sturz der Monarchie überfällig: Der überhebliche Lokalbesucher beklagt die Qualität des Hirschfilets, legt fünf Euro auf den Tisch ("für den Service") und geht. Für Dobek hat der Vorfall empfindliche Folgen: Der Besitzer des Restaurants gibt ihm einen Monat, um sich einen neuen Job zu suchen. Wutentbrannt folgt der Koch dem Gast auf den Parkplatz und verpasst ihm einen Schwinger. In der folgenden Nacht wird Dobeks Leiche auf dem Parkplatz einer Kneipe entdeckt.

Die Bedienung der Klause ist eine Verflossene Neuhausers, weshalb sie nicht 110, sondern seine Nummer anruft, was Ludwig Schaller (Alexander Held) und seiner Abteilung prompt Ärger einbringt: Das Trio soll sich nach Ansicht des Vorgesetzten, Kriminaloberrat Zangel (Christoph Süß), nur um Fälle kümmern, die sonst keiner haben will.

Der zuständige Staatsanwalt gibt sich ebenfalls gleich mehrfach die Ehre, und das sorgt für die erste buchstäblich faustdicke Überraschung des Films: Lukas Benedikt (Thomas Lobil) ist niemand anders als der unsympathische Gast. Sein Auge ziert ein fettes Veilchen, und jetzt wird die Geschichte interessant, denn für den Staatsanwalt ist der Fall bereits so gut wie geklärt: Er ist überzeugt, dass Gerg, der nach dem Tod des Chefkochs dessen Position übernehmen durfte, seinen Vorgänger auf dem Gewissen hat.

Nun löst das Drehbuch auch die Frage auf, warum er nicht mit dem Gast sprechen wollte: Benedikt hat allein auf der Basis von Indizien dafür gesorgt, dass Gerg vor gut sechs Jahren ins Gefängnis musste, weil er angeblich seinen damaligen Chef getötet hat; einmal Täter, immer Täter.

Die Krimistory ist interessant, zumal Ani und Jung im Hintergrund noch ein etwas unübersichtliches Beziehungsgeflecht einstreut und schließlich auch der Staatsanwalt zu den Mordverdächtigen zählt, aber sehenswert ist "Im Zweifel für den Zweifel" wie stets vor allem wegen des Kern-Ensembles. Alexander Held, Bernadette Heerwagen und Marcus Mittermeier sind derart eingespielt, dass sie als Trio womöglich sogar ohne vorgegebene Dialoge funktionieren würden; andererseits lassen sie nie den Eindruck von Routine aufkommen.

Allerdings beschert ihnen das Drehbuch diverse Situationen, die ein gefundenes Fressen darstellen. Das gilt zwar auch für die Verbalduelle mit Zangel und Benedikt, aber das größte Vergnügen bereitet eine Szene, die sehr schmerzhaft wirkt, als Angelika Flierl im Büro den angeblichen ersten Mordfall nachstellt und sich dafür gleich mehrfach der Länge nach hinschmeißt.