TV-Tipp "Tatort: Liebeswut"

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29. Mai, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp "Tatort: Liebeswut"
Wenn ein Mensch erschossen in seinem Bett liegt, die Waffe neben sich, die Schlafzimmertür von innen verschlossen, dann wäre der Fall im wirklichen Leben vermutlich umgehend erledigt. Schon der Auftakt lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass "Liebeswut", der dritte Film mit dem Team aus Bremen, ein in jeder Hinsicht ungewöhnlicher Krimi sein will.

Die düstere Musik lässt Böses ahnen, die ersten Bilder sind ebenso knallrot wie die Vorspannnamen, und aus dem Off sinniert Kommissarin Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) über Tatmotive. Auf ihrer persönlichen Liste stuft sie die Liebe noch stärker ein als den Hass, denn: "Die Dosis macht das Gift." Tatsächlich erklärt dieser Satz, wie sich allerdings ganz am Schluss rausstellt, warum sich Susanne Kramer das Leben genommen hat. Linda Selb (Luise Wolfram) – die beiden Frauen müssen diesmal ohne den Kollegen Andersen (Dar Salim) auskommen – interpretiert den Suizid als "Arbeitsauftrag". Zunächst deutet jedoch alles darauf hin, dass das Opfer psychische Probleme hatte: "Der Teufel spricht zu ihnen durch die Wände", steht in großen Lettern an der Zimmerwand; die Wahrheit hinter diesem Rätsel ist ziemlich gruselig. 

Im weiteren Verlauf des Films hat Selb den Schlüssel zur Lösung irgendwann buchstäblich in der Hand, aber da ist sie noch viel zu fixiert auf eine andere Ebene des Falls: Die beiden Töchter der Frau sind nach der Schule verschwunden, und weil die Kommissarin gesehen hat, wie der Hausmeister (Dirk Martens) an einer vergessenen Strumpfhose schnüffelt, ist sie überzeugt, er habe die Mädchen entführt; ein tragischer Irrtum, der ein zweites Todesopfer nach sich zieht. Weitere Verdächtige sind Thomas Kramer (Matthias Matschke), der von seiner Frau getrennt lebende Vater der Mädchen, sowie ein heruntergekommener Nachbar (Aljoscha Stadelmann), der sich ausgesprochen merkwürdig verhält. 

Das klingt nach einem handelüblichen Sonntagskrimi, aber Regisseurin Anne Zohra Berrached hat aus dem handlungs- und überraschungsreichen Drehbuch von Martina Mouchot einen sehr besonderen "Tatort" gemacht; ob besonders gut oder bloß effekthascherisch, ist allerdings Geschmackssache. Eher unnötig ist zum Beispiel die Zuspitzung sämtlicher Figuren, die zum Teil haarscharf an der Karikatur vorbeischrammen: In diesem Film gibt es praktisch niemanden, der ein durchschnittliches Dasein führt. Nachbar Schoballa, ein Riesenbaby, das ständig ein Eis am Stiel in der Hand hat, ist eine völlig verkrachte Existenz im von oben bis unten bekleckerten Unterhemd, und Kramers neue Lebensgefährtin (Milena Kaltenbach) ist zurechtgemacht wie ein piepsendes Püppchen aus einem koreanischen Popvideo. Die Eltern des Opfers (Ulrike Krumbiegel, Thomas Schendel) sind ebenfalls ziemlich gruselig. Es wirkt alles zu dick aufgetragen, die Bildsprache mit ihren knalligen Farben ebenso wie die allzu präsente Musik (Jasmin Reuter, Martin Glos, Christian Ziegler). 

Auf der anderen Seite liegt gerade in dieser Überdosis der Reiz des Krimis: "Liebeswut" ist stellenweise ein Film wie ein Rausch. Das Szenenbild (Irene Piel) ist zumeist völlig überladen, aber faszinierend. Die eigenwillige optische Gestaltung (Christian Huck) entspricht dem Seelenleben der Beteiligten, zumal auch Moormann neben der Spur ist, weil sie angesichts des erdbeerroten Hochzeitsleids der Toten umgehend von eigenen Dämonen heimgesucht wird: Bislang offenbar verschüttete Erinnerungsbruchstücke deuten ein Kindheitstrauma an, das nun wieder aufbricht. In den entsprechenden Rückblenden trägt die kleine Liv ein Kleid von der gleichen Farbe. Die Verwirrung der Kommissarin wird noch gesteigert, weil der Mann in den Bildern, die durch ihren Kopf geistern, wie eine jüngere Version Schoballas wirkt.

Und so wird "Liebeswut", ein Krimi mit gleich mehreren doppelten Böden, die "Tatort"-Gemeinde garantiert spalten, zumal sich Berracheds Inszenierung immer wieder bei den Genres Horror und Psychothriller bedient, weshalb der Film nichts für schwache Nerven ist; aber solche Werke sind erfahrungsgemäß die interessantesten. Außerdem sind der Regisseurin, die 2017 für ihr Debüt "24 Wochen", ein Mutterschaftsdrama mit Juli Jentsch, den Deutschen Filmpreis bekommen hat,  mehrere Momente gelungen, die außerordentlich berühren; das gilt vor allem für die Szenen mit Bauer und Stadelmann, zumal Schoballa zur zweiten tragischen Figur der Geschichte wird. Schon Berracheds erster "Tatort", "Der Fall Holdt" (2017, ebenfalls mit Stadelmann), der 25. Fall für Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm, war ein sehenswerter Krimi.

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