Die Romantiker und ihr Verhältnis zur Religion

Ausstellungsansicht im Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt am Main

© epd-bild/Tim Wegner

Das Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt am Main will in die Epoche der deutschen Romantik (ca. 1790–1850) einführen und die Verschränkung der Literatur mit der Kunst, Musik, Philosophie und Gesellschaft aufzeigen.

Zwischen Passion und Phantasie
Die Romantiker und ihr Verhältnis zur Religion
Phantasie, (Todes-)Sehnsucht, Unendlichkeit sind Schlüsselworte der Romantik, die 2022 mit Novalis, Schlegel und Hoffmann gleich mit drei Dichter-Jubiläen gefeiert wird. Die Ideen der frühen Romantiker wirken bis heute nach - auch in der Religion.

Die Szene ist filmreif und wurde auch verfilmt: Ein Dichter sitzt am Krankenbett einer jungen Nonne, manchmal tagelang, über Jahre hinweg. Anna Katharina Emmerick (1774-1824) aus Dülmen trägt Stigmata, die an die Wundmale des gekreuzigten Jesus erinnern und von Zeit zu Zeit bluten. Die Nonne hat Visionen vom Leben und Leiden Christi, von denen sie stammelnd in westfälischem Plattdeutsch spricht.

Der Dichter Clemens Brentano zeichnet alles auf, bis Emmerick stirbt und Brentano in eine weitere Lebens- und Sinnkrise stürzt. Erst Jahre später wird er "Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi" auf Grundlage von Emmericks Visionen veröffentlichen. Es ist wohl das exaltierteste religiös-poetische Projekt der Romantik.

Im Deutschen Romantikmuseum in Frankfurt am Main ist der Episode unter der Überschrift "Das neue Evangelium" eine von 35 Stationen gewidmet, mit denen die Epoche spotlicht-artig beleuchtet wird. "Brentano ist überzeugt, eine neue Evangelistin vor sich zu haben", sagt der Frankfurter Literaturprofessor und Kurator Wolfgang Bunzel. Der Zweifler und Sinnsucher habe in ihren Visionen einen Zugang zu heilsgeschichtlichen Erfahrungen gesehen. Dominik Graf verfilmte die Geschichte um Brentano und Emmerick 2007 in "Das Gelübde".

Die Dichter der Romantik, obgleich überwiegend protestantisch, hatten einen ausgeprägten Hang zu Katholizismus und Mystik. Dort fanden sie den Sinn für das "Geheimnis", dessen Verlust sie im aufgeklärten Denken ihrer Zeit beklagten. Dabei ging es ihnen allerdings nicht um Frömmigkeit im herkömmlichen Sinne, sondern um eine "Kunstreligion".

"Phantasie-Religion oder Religion der Phantasie"

Als deren Erfinder gelten die Dichter Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck mit ihren "Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders" (1797): Durch die Kunst - etwa Raffaels oder Dürers - wird ihrer Ansicht nach Religion erlebbar. In ihrer ästhetischen Erhabenheit wird die Kunst sogar selbst zur Religion, ihr Genuss zum "Gebet". "In diesem Konzept wird die Kunst zum neuen Erlösungsmittel", sagt Bunzel.

"Es war eine Phantasie-Religion oder Religion der Phantasie, nicht eigentlich die christliche", schreibt der Philosoph Rüdiger Safranski in seinem Buch "Romantik" im Blick auf Novalis, alias Friedrich von Hardenberg. Novalis beschwor eine Verbindung von Fantasie und Religion, um Aufklärung, Rationalismus und Wissenschaftsgläubigkeit etwas entgegenzusetzen.

Die Poesie war für ihn das Mittel dazu, dem Endlichen den "Schein der Unendlichkeit" zu geben. In Novalis' mystischem Gedicht "Hymnen an die Nacht" (1798-99) überwindet Christus die Schrecken des Todes. Inwieweit der Dichter selbst an die Auferstehung Christi glaubte, ist Safranski zufolge aber fraglich. Religiöse Inspiration kann sich laut Novalis auch auf andere "Mittler" beziehen, die ein Fenster zur Transzendenz öffnen.

"Vertrocknung des heiligen Sinns" entgegenwirken

Dennoch lebten Hardenberg und seine Freunde in einer religiösen Aufbruchsstimmung. Es gelte der "Vertrocknung des heiligen Sinns" entgegenzuwirken, schrieb Novalis in dem Essay "Die Christenheit und Europa" (1799). Er propagierte ein neues religiöses Zeitalter, das die abendländische Christenheit über nationale Grenzen hinweg einen und weniger auf kirchlichen Dogmen als auf der Verknüpfung von Religion und Poesie beruhen sollte.

Mit Friedrich Schleiermacher hatte ein evangelischer Theologe dazu entscheidende Impulse gegeben. In dem Essay "Über die Religion - an die Gebildeten unter ihren Verächtern" (1799) präsentierte Schleiermacher eine "Gefühlsreligion", an die die Romantiker anknüpfen konnten. "Religion ist Sinn und Geschmack für das Unendliche", heißt es da. Es geht um lebendige ästhetische Erfahrung, die Verschmelzung mit dem Göttlichen oder dem Universum. Begriffe wie Sünde, Erlösung oder Auferstehung spielen dagegen - zum Entsetzen der offiziellen Kirche - keine Rolle mehr.

Schleiermachers "Reden" wurden laut Safranski zum "wirkungsmächtigen Gründungsdokument einer neuen romantischen Frömmigkeit", die anti-institutionell war und aus individueller religiöser Erfahrung und "Anschauung" lebte. Die Folgen reichen bis heute. So spricht der Theologe Wilhelm Gräb von einer "romantischen Gegenwartsreligion der Sehnsucht". Die Menschen seien wenig an der Institution und der Lehre interessiert; viele lebten aber eine Religion des Suchens und Fragens, der Spiritualität und der Offenheit für das Unerklärliche und Transzendente.

Der Katholik Brentano wollte von der Kunstreligion nichts mehr wissen, als er vor 200 Jahren nach Dülmen zog. Er gab vor, alle Kunst hinter sich gelassen zu haben und nur als "Schreiber" zu fungieren. Doch hatte er für "Das bittere Leiden" die Wortfetzen der Nonne gravierend bearbeitet und mit Stoff aus anderen Quellen wie Heiligenlegenden versetzt.

Ein erstes Verfahren zur Seligsprechung Anna Katharinas scheiterte 1928: Der päpstlichen Prüfkommission war rasch klar geworden, dass es auf den 16.000 Folio-Seiten Brentanos nicht um authentische Visionen, sondern um Fantasien ging. Erst 2004 sprach Johannes Paul II. die Nonne selig - ohne Berufung auf den Dichter.

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Buch-Info: Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre. Hanser, München 2007.