Experte fordert mehr Distanz in Berichten

Stapel von Zeitungen mit unlesbaren Artikeln und mit unkenntlichen Bildern

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Der Experte Lutz Mükke mahnt äußerste Sorgfalt und kritische Distanz in der Berichterstattung über den Russland-Ukraine-Konflikt an.

Russland-Ukraine-Konflikt
Experte fordert mehr Distanz in Berichten
Medienwissenschaftler und Reporter Lutz Mükke mahnt besondere Sorgfalt und kritische Distanz in der Berichterstattung über den Russland-Ukraine-Konflikt an. "Kompetente Kriegsberichterstattung muss die Aussagen, Narrative und Framings höchster Politiker- und Militärkreise penibel prüfen. Auch wenn sie von den vermeintlich 'Guten' stammen", sagte der Auslandsreporter dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Freitag in Leipzig.

Journalisten tendierten in Kriegszeiten dazu, nationale politische Eliten "unverhältnismäßig herausgehoben zu zitieren und ihnen zu folgen, ohne sie sonderlich zu hinterfragen", erklärte der Autor des Sachbuchs "Korrespondenten im Kalten Krieg". Es sei wichtig, dass sich jeder Journalist in der aktuellen Situation vor Augen führe, dass im Kriegsfall auf beiden Seiten gelogen werde, um die eigene Position zu unterstützen, sagte der 51-Jährige, der selbst bereits als Reporter aus Ländern wie Afghanistan, Somalia und Mali berichtet hat.

Mükke betonte, dass Massenmedien wichtige Propaganda-Mittel seien, um Konfliktgegner als böse oder irrational darzustellen und gezielt Desinformationen zu verbreiten. Jeder Krieg werde parallel auch von einer Informationsschlacht begleitet, sagte er: "Im Russland-Ukraine-Konflikt befinden wir uns schon seit Jahren mittendrin."

Mit Blick auf den russischen Angriff auf die Ukraine am Donnerstag erklärte Mükke, dass die öffentliche Erregung aktuell verständlicherweise sehr groß sei. Jetzt sei kompetenter und vielfältiger Journalismus besonders gefragt. "Alle Journalisten müssen aufpassen: Patriotismus und Journalismus passen nicht gut zusammen." Er betonte, dass Nachrichtliches weiterhin deutlich von Kommentaren getrennt werden müsse. "Der Ruf zu den Waffen und das unreflektierte Proklamieren des 'Endes der Diplomatie' am ersten Tag des Krieges auf fast allen Kanälen haben mich überrascht", kritisierte der Experte, der auch langjähriger Mitherausgeber der Journalismus-Fachzeitschrift "Message" war.

Er rate allen Medienhäusern und Redaktionen, auf ihre unabhängige Recherche-, Reporter- und Korrespondentenarbeit zu vertrauen, sagte Mükke. Langjähriges Fach- und Hintergrundwissen sowie grenzüberschreitende Teamarbeit seien zentral, um "die ganze Fratze des Krieges" mit Opfer- und Täterperspektiven, historischen, geopolitischen und wirtschaftlichen Hintergründen abzubilden. Er warnte außerdem davor, "symbolischen Pseudo-Ereignissen wie täglichen Pressebriefings und Dementis" zu viel Raum in der Berichterstattung einzuräumen. Sie seien gängige Propaganda-Instrumente.

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