"Queere sollen in katholischer Kirche sichtbar werden"

Fäuste mit dem queeren Buchstaben "LGBTQIA"

© Sharon Mccutcheon/Unsplash

"#OutInChurch" ist eine Kampagne von nicht heterosexuellen Haupt- und Ehrenamtlichen aus der katholischen Kirche, die in einem Manifest ihre Forderungen formuliert haben.

Kampagne "#OutInChurch"
"Queere sollen in katholischer Kirche sichtbar werden"
125 Haupt- und Ehrenamtliche aus der katholischen Kirche haben sich bei der neuen Kampagne "#OutInChurch" als nicht heterosexuell geoutet und in einem Manifest ihre Forderungen formuliert. Einer von ihnen ist der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose. Im Interview spricht er über die Hintergründe und seine Hoffnungen für die Zukunft.

Herr Hose, warum beteiligen Sie sich an der Kampagne "#OutInChurch"?

Burkhard Hose: Mir ist diese Aktion wichtig, weil es eben noch längst nicht selbstverständlich ist, dass sich queere Menschen offen in der katholischen Kirche zeigen können. Ich will, dass sie sichtbar werden. Es ist nämlich tatsächlich noch so, dass viel Angst herrscht und viel Heimlichkeit. Viele Kolleginnen und Kollegen verstecken sich seit Jahrzehnten und sind darüber teilweise auch krank geworden.

Einige beteiligen sich anonymisiert an der Aktion - viele aber auch mit Namen und Gesicht, wie Sie zum Beispiel. Haben Sie keine Angst vor irgendwelchen Konsequenzen?

Burkhard Hose
Burkhard Hose

Burkhard Hose ist katholischer Theologe. Seit 2008 ist er Studierendenpfarrer der Katholischen Hochschulgemeinde Würzburg. Seit Jahren setzt er sich für Geflüchtete, Asylbewerber und Randgruppen ein. Für sein Engagement wurde er unter anderem mit dem Würzburger Friedenspreis ausgezeichnet. 2016 erschien sein Buch "Aufstehen für ein neues Wir".

Hose: Nein, ich habe keine Angst. In meinem direkten Arbeitsumfeld wissen alle schon lange, dass ich homosexuell bin - in meiner Familie sowieso. Und auch gegenüber dem Würzburger Bischof habe ich gerade in den letzten Jahren Wert darauf gelegt, in dieser Frage sehr transparent zu sein und zu mir zu stehen. Es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn diese Offenheit nun irgendwie bestraft würde.

"Das ist mit der Botschaft Jesu nicht vereinbar"

Sie sagen es selbst: In gewisser Weise war Ihre Homosexualität ein "offenes Geheimnis" - Wozu ist diese Kampagne dann dennoch nötig aus Ihrer Sicht?

Hose: Wir wollen mit der Aktion auch den Reformprozess in der katholischen Kirche - den Synodalen Weg - ein Stück weit stärken und befeuern. Letztlich geht es uns auch um eine Änderung der Lehre: Die katholische Dogmatik, die kirchliche Moral, ist beim Thema Sexualität immer noch durch das sogenannte Naturrecht geprägt - demnach leben gleichgeschlechtlich liebende Menschen wider die Natur und wider die göttliche Ordnung. Das muss endlich auch ganz offiziell geändert werden.

Die katholische Kirche unterscheidet in ihrer Sexualmoral ja auch zwischen empfundener und praktizierter Homosexualität. Verstehen Sie als Priester diese Unterscheidung?

Hose: Nein, das ist nicht zu verstehen und völlig aus der Zeit gefallen. Es ist in gewisser Weise auch zynisch. Denn nach der offiziellen kirchlichen Lehre heißt das ja: Man diskriminiert die homosexuellen Menschen mit ihrer empfundenen Sexualität zwar nicht, zugleich sind homosexuelle Partnerschaften aber Sünde, also die praktizierte Homosexualität. So eine Aufspaltung in Mensch und Beziehung, das ist doch schlichtweg Quatsch. Ich bin auch überzeugt: Das ist mit der Botschaft Jesu nicht vereinbar.

"Nicht wir müssen gehen, sondern die Verhältnisse sich ändern"

Jetzt könnte man ja als Außenstehender fragen: Warum beteiligen sich denn jetzt gerade auch noch Priester an der Aktion? Die leben doch ohnehin zölibatär...

Hose: Der Zölibat ist natürlich noch mal ein gesondertes Thema. Und um das klar zu sagen: Wir homosexuellen Priester wollen mit dieser Kampagne jetzt keine Sonderrechte für uns. Vielmehr ist wichtig, dass sich gerade Menschen mit kirchlichen Ämtern bei diesem Thema in die Öffentlichkeit stellen und sagen: Wir wollen in dieser Kirche weiter mitarbeiten! Und es ist nach wie vor so, dass Priester und Bischöfe in der katholischen Kirche ein besonderes Gewicht haben.

Letztlich muss auch die Frage erlaubt sein: Warum bleiben Sie katholisch? Es gibt ja doch auch andere Kirchen, die mit dem Thema Homosexualität - inzwischen - anders umgehen...

Hose: Diese Frage stellen wir uns als Kampagnen-Mitglieder natürlich auch immer wieder selbst. Ich finde, in der Frage steckt die Logik der Diskriminierenden drin. Letztlich bedeutet das doch: Sollen die queeren Personen doch gehen, die katholische Kirche verlassen. Aber warum sollen wir denen weiter den Raum überlassen, die uns nach wie vor diskriminieren wollen? Nein, das kann nicht die Lösung sein. Nicht wir müssen gehen, sondern die Lehre und die Verhältnisse müssen sich verändern!

"Alles hängt vom Erfolg des Synodalen Wegs ab"

Die katholische Kirche steht nicht nur wegen ihrer Sexualmoral in der Kritik, sondern auch wegen des Missbrauchs-Themas. Wann ist denn für Sie das Maß voll?

Hose: Das stimmt, es gibt viele verschiedene Themen, weshalb die katholische Kirche an einer Weggabelung steht: Sexualmoral, Missbrauch, Frauenordination, und so weiter. Letztlich verbinden sich all diese Themen in einem Punkt: Die Kirche muss sich eindeutig zur Anerkennung und auch zum Praktizieren der Allgemeinen Menschenrechte in den eigenen Reihen bekennen. Wir brauchen gerade in der Kirche einen unbedingten Respekt vor der Unverletzlichkeit der Würde eines jeden Menschen.

Wie sieht Ihre Prognose aus: Wo steht die katholische Kirche in fünf Jahren? Sind die von Ihnen genannten Themen dann abgearbeitet?

Hose: Das ist schwer zu sagen. Im Prinzip hängt alles davon ab, ob der Synodale Weg erfolgreich endet - im Sinne der nötigen Reformen. Wenn am Ende allerdings eine Mehrheit der Bischöfe dabeibleiben will, wie Kirche bisher war, dann bin ich sicher, dass es zur Erosion der Kirche in einer bisher nicht für möglich gehaltenen Geschwindigkeit kommen wird - und dass sie am Ende zerbricht.

Das klingt jetzt nur verhalten optimistisch. Was also, wenn der Reformprozess scheitert - bleibt die katholische Kirche dann weiterhin Ihre Heimat?

Hose: Diese Frage kann ich immer nur für den Augenblick und für die Gegenwart beantworten. Ich weiß nur, dass die katholische Kirche in ihrer jetzigen Form so nicht mehr weiterbestehen wird, und das ist nicht nur meine Meinung. Ich habe aber noch Hoffnung, dass sich die Kirche ändert, dass sie zu einer Kirche ohne Angst wird und zu einer Kirche, die wieder auf der Botschaft Jesu beruht.

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Der Initiator der katholischen Outing-Kampagne "#OutInChurch", Bernd Mönkebüscher, fordert eine neue Sexualmoral in der katholischen Kirche. "Die Kirche ist leider groß darin, Dinge wegzuschweigen und auszusitzen, aber ich erhoffe mir, dass das durch unsere Aktion nicht mehr geht", sagte der Pfarrer aus Hamm. "Es ist arbeitsrechtlich so, dass queere Menschen in verkündigungsnahen Berufen eine gleichgeschlechtliche Ehe nicht eingehen dürfen. Sie würden ihren Beruf verlieren", ergänzte der Pfarrer. Langfristig sollte das geltende Arbeitsrecht geändert werden, sagte der Pfarrer: "Ich weiß nicht, wie schnell das geht, aber man kann es ja durchaus erstmal aussetzen." Darüber hinaus forderte der Pfarrer die Politik zum Handeln auf: "Ein politisches Wort ist beschleunigend, dass Kirche sich aufmacht. Und ich glaube, es braucht diese Beschleuniger und letztlich auch die Hilfe von außen."

Der Aachener Bischof Helmut Dieser hat die katholische Queer-Kampagne "#OutInChurch" begrüßt. Sie sei ein Zeichen dafür, dass in der Kirche ein Klima der Angstfreiheit entstehen müsse, sagte Dieser als Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz. Dieser ist Vorsitzender des Forums "Leben in gelingenden Beziehungen - Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" beim katholischen Reformprozess Synodaler Weg. In dem Forum sollen dem Theologen zufolge die von "#OutInChurch" aufgeworfenen Fragen besprochen werden.

Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann (Grüne) hat die Bedeutung des Dialoges zwischen Kirche und Politik betont. "Eine Änderung des Arbeitsrechtes ist allerdings nicht trivial", sagte Lehmann. "Sowas geht nicht kurzfristig und schnell, sondern überlegt und im Dialog mit den Kirchen."

Auch die ARD-Dokumentation "Wie Gott uns schuf" beschäftigt sich mit der Kampagne "#outinchurch". Zu sehen ist sie am 24. Januar um 20.30 Uhr und in der ARD-Mediathek.