Die Urne für das Wohnzimmer

Rüdiger Standhardt mit seiner von ihm gestalteten Urne.

© epd-bild/Rolf K. Wegst

Rüdiger Standhardt mit seiner von ihm gestalteten Urne.

Vorbereitung auf den Tod
Die Urne für das Wohnzimmer
Kann man sich auf den Tod vorbereiten, indem man ihn in sein Leben holt? Ein Achtsamkeitstrainer versucht es. Die Idee dahinter: Wer die Fragen zum eigenen Sterben geklärt hat, kann sich intensiv dem Leben widmen.

Im Wohnzimmer von Rüdiger Standhardt steht auf einem kleinen Wandschrank eine Urne, sandfarben mit Mustern, und wer genau hinguckt, entdeckt ein Herz. Standhardt hat die Urne selbst gestaltet. "Da werde ich mal drin sein", sagt der 59-Jährige und schmunzelt.

Standhardt ist Achtsamkeits-Coach in Gießen und befasst sich auch in seinen Kursen mit dem Thema Sterben: "Leben, Sterben, Tod" nennt er eines seiner Trainingskonzepte. Die Idee: Wenn man sich rechtzeitig mit dem eigenen Sterben beschäftigt und Vorbereitungen trifft, dann verliert der Tod seinen Schrecken und wird ein selbstverständlicher Begleiter im Alltag. Das schafft Raum für ein intensives Leben, wie Standhart glaubt: "Ich will ein buntes, erquicktes Leben, um dann sterben zu können." Mit Blick auf seine Urne fragt er: "Was bedeutet der Tag angesichts dieser Urne?"

Für das neunmonatige Training zu "Leben, Sterben, Tod" fanden sich 20 Teilnehmer:innen. Sie trafen sich seit Anfang des Jahres einmal im Monat online, erhielten Studienbriefe mit Texten und Aufgaben wie "Schreibe deinen Verlust-Lebenslauf" und besprachen sich regelmäßig mit einem "Lernpartner".

Wenn man sich rechtzeitig mit dem eigenen Sterben beschäftigt, dann verliert der Tod seinen Schrecken - das schafft Raum für ein intensives Leben, wie Standhart glaubt.

"Viele Menschen vermeiden das Thema, weil sie Angst haben, dass es Schwere in ihr Leben bringt", sagt Teilnehmerin Carola, die selbst Achtsamkeitslehrerin ist. Sie habe viele Impulse bekommen: "Ich bin dankbar, dass ich mit Menschen über so etwas Essenzielles reden konnte, für das sonst in unserer Gesellschaft kein Raum ist."

Ein Teilnehmer erzählt, dass er ein Jahr in den USA verbracht habe, und weil die Zeit begrenzt gewesen sei, habe er sie intensiv erleben können. Diese Erfahrung würde er gern auf sein gesamtes Leben übertragen, das ja auch begrenzt sei. Eine Frau berichtet von einem Tag der offenen Tür in einem Bestattungsinstitut in ihrem Heimatort: "Man konnte im Sarg Probe liegen, es wurde viel gelacht und hatte etwas Humorvolles."

Wenn das Leben nur aus dem Job besteht

Andere Teilnehmer - es sind jüngere und ältere, Frauen und Männer, verstreut über ganz Deutschland, eine wohnt im Ausland - sagen, dass ihr Leben fast nur aus dem Job bestehe. Sie habe den ganzen Tag gearbeitet, erzählt eine Teilnehmerin mittleren Alters beim Onlinetreffen am Abend, "und wenn jetzt nicht das Seminar wäre, würde ich immer noch arbeiten". Standhardt schickt ein Zitat des amerikanischen Bestseller-Autors Stephen R. Covey in die Runde: "Wer bereut schon auf dem Sterbebett, nicht mehr Zeit im Büro verbracht zu haben?"

Der Trainer will die Teilnehmer:innen anregen, sich "achtsam" dem Thema Tod zu nähern, wie er sagt. Das heißt für ihn: das Thema in all seinen Facetten betrachten, von Organspende über Sterbefasten, von invasiver Beatmung oder Zwangsernährung am Lebensende bis zur Vorbereitung der eigenen Trauerfeier.

Einer Teilnehmerin, die beklagt, sich in einem "Hamsterrad" zu befinden, rät er: Sie solle jeden Morgen zehn Minuten lang der Frage nachlauschen: "Was ist heute wesentlich in meinem Leben - angesichts der Tatsache, dass ich in der nächsten Nacht sterben könnte?" Standhardt verschickt eine Aufgabe: "Tue so, als ob du in genau sechs Monaten sterben würdest. Was sind die fünf Dinge, die du vorher noch tun musst oder willst?" Solche Übungen sollen helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Mit ihrem Buch "5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen", landete die Australierin Bronnie Ware vor einigen Jahren einen Bestseller. Sie hatte lange als Palliativpflegerin gearbeitet und kam in ihren Gesprächen mit Sterbenden zu der Erkenntnis: Vielen fehlt der Mut, sich dem zu widmen, worauf es ihnen wirklich ankommt.

Angst vor qualvollem Sterbeverlauf

Standhart sagt, seine Philosophie sei, dass das Thema Tod ganz normal zum Leben dazu gehöre müsse: "Dann gehe ich anders durch die Welt. Wenn jemand stirbt, kann ich für diesen Menschen da sein. Das können die meisten nicht, weil sie mit ihren Ängsten beschäftigt sind."

Es gebe eine "weit verbreitete Angst vor einem qualvollen Sterbeverlauf und auch die Angst vor dem Ausgeliefertsein an lebensverlängernde medizintechnische Maßnahmen", schreibt der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio in seinem Buch "Über das Sterben". Auch er rät, sich rechtzeitig mit Fragen rund um das Lebensende zu befassen. Und er möchte Ängste nehmen: Viele Berufsgruppen, ehrenamtliche und professionelle Helfer unterstützten mittlerweile Sterbende. Die "Hoffnung auf ein menschenwürdiges Lebensende unter guter Betreuung wird für immer mehr Menschen Realität".

Standhardt selbst hat alle wichtigen Dokumenten sorgfältig in Aktenordner geheftet, nach Farben geordnet und in ein Regal gestellt: Testament, Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, auch Vorschläge für die Trauerfeier, eigene Texte. "Das schafft Entspannung für mich und für die Menschen, die mit mir sind." Wo möchte ich bestattet werden, wer soll zur Beerdigung kommen, was sagt die Pfarrerin? Eine Teilnehmerin berichtet im Seminar, dass sie zur Seebestattung recherchiert habe: "Die Ruhe und die Stille, das wäre das Richtige für mich."

Und die Angst vor dem Tod verliere auch ihre Dimension, wenn man die Frage nach dem Danach stelle, meint Standhart: "Was habe ich für ein Bild, was nach dem Tod kommt?" Der studierte evangelische Theologe, der sich als "Freigeist" bezeichnet, malt es sich so aus: "Das Leben ist das große Vorspeisen-Buffet. Dann öffnet sich eine Tür, und zum Vorschein kommt das köstliche Hauptgericht."

Mehr zu sterben, Sterben in Würde
Geschichtenpflegerin Sabrina Görlitz
Was bleibt von mir? Auf der Palliativstation der Hamburger Asklepios Klinik St. Georg blickt Sabrina Görlitz mit Sterbenden auf deren Leben zurück und schreibt deren Geschichten auf. Das hilft ihnen auch loszulassen.
Verdorbene Äpfel liegen im Gras
Der Ohrenweide-Podcast: Helge Heynold liest das Gedicht "Ballade des äußeren Lebens" von Hugo von Hoffmannsthal.

Internet: https://forumachtsamkeit.de/ 

Buch-Info: Gian Domenico Borasio: Über das Sterben, dtv, 9. Auflage 2021. 9,90 Euro Mitch Albom: Dienstags bei Morrie - Die Lehre eines Lebens, Goldmann, 2017. 10 Euro Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben. Knaur, 202., 16 Euro Bronnie Ware: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Goldmann 2013. 11 Euro

Auch wenn das Thema unangenehm ist, hilft es einem selbst und den Angehörigen, beizeiten wichtige Dinge rund um die letzte Lebensphase und den eigenen Tod zu regeln. Zum Beispiel:

  • PATIENTENVERFÜGUNG: In einer Patientenverfügung legt man fest, welche medizinischen Maßnahmen am Lebensende einzusetzen oder zu unterlassen sind. Falls keine Patientenverfügung vorliegt, müssen Ärzte und Angehörige den mutmaßlichen Patientenwillen ermitteln. "Teilen Sie Angehörigen und Ihren Ärzten mit, dass Sie eine Verfügung verfasst haben", schreibt die Verbraucherzentrale in ihrem Ratgeber "Das Vorsorge-Handbuch".
  • VORSORGEVOLLMACHT: Viele Menschen denken, dass bei einem Unfall oder im Fall einer schweren Krankheit automatisch Ehepartner, Eltern oder die Kinder an ihrer Stelle wichtige Entscheidungen treffen dürfen. Das ist aber nicht so. Angehörige benötigen dafür ebenfalls eine Vollmacht, erklärt die Verbraucherzentrale. Ohne Vollmacht ordnet das Gericht eine gesetzliche Betreuung an.
  • SORGERECHTSVERFÜGUNG FÜR KINDER: Wer kümmert sich um die minderjährigen Kinder, wenn beide Elternteile sterben? Eltern sollten in einer Sorgerechtsverfügung festlegen, wer Vormund sein soll. Wenn nichts verfügt ist, bestimmt das Familiengericht einen Vormund.
  • TESTAMENT: Ohne ein Testament oder einen Erbvertrag gilt automatisch das gesetzliche Erbrecht. Entscheidend für die gesetzliche Erbfolge ist die verwandtschaftliche Nähe zum Verstorbenen. Die Erben müssen sich dann über das Erbe einigen. Häufig ist Streit die Folge.
  • ORGANSPENDEAUSWEIS: "In Deutschland ist die Organentnahme nach dem Tod nur dann erlaubt, wenn der Verstorbene dem zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat oder die Angehörigen damit einverstanden sind", heißt es im "Vorsorge-Handbuch" der Verbraucherzentrale. Ein ausgefüllter Organspendeausweis sollte so aufbewahrt werden, dass er im Notfall gefunden wird, zum Beispiel im Portemonnaie.
  • DIGITALER NACHLASS: Immer mehr Menschen verwalten Verträge, Bankkonten und Depots online und abonnieren Dienste. Hinzu kommen Social-Media-Profile. Der Zugriff darauf kann für Angehörige schwierig werden. Die Verbraucherzentrale bietet Vordrucke zum Verfassen eines digitalen Nachlasses an.
  • BESTATTUNG: Welche Bestattungsart wünsche ich? Wie wird die Trauerfeier gestaltet? Wer wird eingeladen? Der Achtsamkeitscoach Rüdiger Standhardt empfiehlt, alle Wünsche hierfür aufzuschreiben und in einem Ordner zu sammeln. Der Verein Aeternitas hat eine Musterformulierung für eine sogenannte Bestattungsverfügung erarbeitet, die individuell ergänzt werden kann. Dort kann man die Hinterbliebenen auch informieren, wer über den Tod unterrichtet werden soll, ob eine Sterbegeldversicherung vorliegt und wer mit der Organisation der Beisetzung beauftragt wird.
  • STERBEBEGLEITUNG: Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben, aber die wenigsten tun es. Dabei ist Sterbebegleitung zu Hause möglich. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio schreibt in seinem Buch "Über das Sterben", dass insbesondere mithilfe der ambulanten Palliativteams der Wunsch, zu Hause zu sterben, realisiert werden kann: "In der Praxis funktionieren die meisten dieser Teams sehr gut." Achtsamkeitstrainer Rüdiger Standhardt rät, frühzeitig Netzwerke zu bilden, die während der letzten Lebensphase zu Hause unterstützen.
  • CHECKLISTE TODESFALL: Wenn ein Mensch stirbt, fallen zahlreiche Aufgaben und Formalitäten an. Im Internet gibt es Checklisten für Hinterbliebene, etwa beim Bundesverband Deutscher Bestatter: Dokumente wie Personalausweis, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Verträge und Verfügungen des Verstorbenen suchen, Bestatter auswählen, Pfarramt verständigen, laufende Zahlungen abbrechen, Verträge kündigen. Wer Angehörige nach dem eigenen Tod entlasten will, kann entsprechende Dokumente und Informationen bereitlegen oder darauf hinweisen, wo was zu finden ist.

Info: Verbraucherzentrale, Das Vorsorge-Handbuch, 6. Auflage 2020, 200 Seiten, 14,90 Euro. 

Weitere Tipps erhält man hier: Checkliste des Bundesverbands Deutscher Bestatter sowie Ratgeber Bestattungsverfügung Aeternitas