Kirchenpräsident Jung: "Rassismus vergiftet Gesellschaften"

Gedenken an die Opfer vom Anschlag in Hanau am 20.2.2020

©Boris Roessler/dpa

Eine offizielle Gedenktafel mit den Fotos der neun Opfer erinnert am Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt an die Opfer der Anschläge im Jahr 2020.

Kirchenpräsident Jung: "Rassismus vergiftet Gesellschaften"
Anlässlich des Jahrestags des rassistisch motivierten Anschlags in Hanau hat der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung dazu aufgerufen, Ausgrenzung und Menschenverachtung in der Gesellschaft entgegenzutreten.

Hanau habe gezeigt, dass rassistisch motivierter Terror in der Mitte der Gesellschaft wachse, sagte Jung am Mittwoch in Darmstadt. "Rassismus vergiftet Gesellschaften. In Hanau und überall auf der Welt", betonte er.

Christinnen und Christen seien dazu aufgerufen, "Gottes Liebe, die allen Menschen gilt, in dieser Welt zu bezeugen". Deshalb hätten die Kirchen eine besondere Verantwortung, "aus dem Glauben heraus gesellschaftliche Ausgrenzung zu verhindern und jeder Form von Hass entgegenzutreten", betonte Jung.

Bouffier "fassungslos und traurig"

Unterdessen riefen zahlreiche Kirchengemeinden und Organisationen zu Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen auf. Die Städte Frankfurt am Main und Hanau vereinbarten, im Kampf gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit stärker zusammenzuarbeiten. Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) rief in Wiesbaden zum entschiedenen Kampf gegen Hass und Hetze auf. Am Abend des 19. Februar 2020 hatte ein Mann in Hanau an mehreren Tatorten neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen, bevor er am Ende seine Mutter und sich selbst tötete.

"Was geschehen ist, macht uns auch ein Jahr nach der schrecklichen Tat fassungslos und traurig", sagte Ministerpräsident Bouffier. Er will am Freitag an einer Gedenkfeier zum Jahrestag der Morde in Hanau teilnehmen, bei der auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen wird. Die Veranstaltung wird ab 17.45 Uhr live im HR-Fernsehen übertragen.

Der Tag gelte der Erinnerung an die Getöteten, betonte der Ministerpräsident und fügte hinzu: "Er ist uns aber auch Verpflichtung, überall dort, wo Hass, Hetze und Rassismus drohen, unsere Gesellschaft zu spalten, dem mutig entgegenzutreten und uns für die Freiheit und Mitmenschlichkeit einzusetzen."

Gottesdienst erinnert an Opfer

In Hanau, das größtenteils auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) liegt, finden am Freitag zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. Zu Friedensgebeten wird am 19. Februar die Hanauer Marienkirche von 12 bis 20 Uhr öffnen. Den Auftakt macht um 12 Uhr die kurhessische Bischöfin Beate Hofmann. Unter dem Motto "Ein Licht für Hanau" startet die EKKW auf Facebook eine besondere Aktion unter https://www.facebook.com/kirchenkreishanau/. Hier können virtuelle Kerzen angezündet werden, für jedes online geteilte Kerzenbild soll in der Marienkirche eine echte Kerze entzündet werden. Aus Solidarität haben auch hessen-nassauische Kirchengemeinden zu Aktionen am Jahrestag des Anschlags aufgerufen.

Die Städte Frankfurt am Main und Hanau vereinbarten, ihre beiden Zentren für Vielfalt und zivilgesellschaftliches Engagement "stadtRAUMfrankfurt" und "Zentrum für Demokratie und Vielfalt" zu vernetzen. "Zum ersten Jahrestag des Anschlags in Hanau schaffen wir mit dieser Kooperation eine Grundlage dauerhafter Solidarität im gemeinsamen Kampf gegen Rassismus und für demokratische Werte in unserer vielfältigen Gesellschaft", erklärten die Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Peter Feldmann (beide SPD).

Gedenken als Zeichen für Vielfalt

Auch die zur islamischen Religionsgemeinschaft Ditib in Hessen gehörenden Moscheegemeinden wollen am Freitag den Opfern des Terroranschlags gedenken. Die Predigten am Jahrestag sollten "ein Zeichen für ein vielfältiges und friedliches Zusammenleben und gegen ausgrenzende, gewaltverherrlichende und menschenverachtende Ideologien setzen", wie die hessische Ditib am Mittwoch in Frankfurt am Main mitteilte.

Bei einer Demonstration gedenkt das Bündnis "Düsseldorf stellt sich quer" am Freitag der Opfer des Anschlags. Die Veranstaltung unter dem Motto "1 Jahr Hanau - Kein Vergeben, kein Vergessen" findet ab 17 Uhr am Oberbilker Markt statt. In Nordrhein-Westfalen sind am Freitag weitere Demonstrationen geplant, etwa in Aachen, Bielefeld, Bochum, Bonn, Essen, Dortmund und Köln.

Am 19. Februar 2020 hatte ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen aus Einwandererfamilien erschossen. Nach der Tat soll er seine Mutter umgebracht haben, bevor er sich selbst tötete. Viele evangelische Kirchen öffneten nach dem Anschlag ihre Türen und boten Andachten an. Im Gedenken an die Opfer hatte damals auch die hessen-nassauische Kirche an ihren öffentlichen Gebäuden die Flaggen auf Halbmast gesetzt. Der Hessische Rundfunk (HR) überträgt die Gedenkfeier zum ersten Jahrestag des Anschlags an diesem Freitag, 19. Februar, ab 17.45 Uhr live im HR-Fernsehen. Bei der Veranstaltung wird auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprechen.

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