Evangelische Akademie Frankfurt feiert 75-Jahr-Jubiläum

 Die Evangelische Akademie auf dem Roemerberg in Frankfurt am Main
©epd-bild/Heike Lyding
Die Evangelische Akademie auf dem Römerberg in Frankfurt am Main. Das moderne Gebäude bietet Platz für zwei Veranstaltungssäle, fünf Seminar- und Büroräume.
Evangelische Akademie Frankfurt feiert 75-Jahr-Jubiläum
1946 begann in Echzell Akademiearbeit in Hessen-Nassau
Dialog von Christen und Juden, Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, Aussöhnung mit den Völkern Osteuropas - in der Akademie der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wurde Geschichte geschrieben.
25.06.2021
epd
Dieter Schneberger

Seit Sommer 2017 residiert die Evangelische Akademie Frankfurt am Main in einem markanten Glasbau am Römerberg, im Herzen der Stadt. Im Vor-Corona-Jahr 2019 begrüßten der Direktor Thorsten Latzel und seine sechs Studienleiter-Kolleginnen und -Kollegen in Frankfurt und in ihrer Dependance, dem Niemöller-Haus in Schmitten im Taunus, rund 13.500 Gäste in 171 Veranstaltungen. Angefangen hat die evangelische Bildungsarbeit in der Rhein-Main-Region vor 75 Jahren aber sehr viel kleiner und bescheidener - zwar nicht in einer Krippe, aber in einem Forsthaus.

Als Geburtsstunde gilt das Seminar „Freier Herr - dienstbarer Knecht aller Dinge: das christliche Erziehungsziel“, das am 23. und 24. Februar 1946 im ehemaligen Internat Dr. Lucius im Forsthaus bei Echzell (Wetteraukreis) mit acht Teilnehmern stattfand. Im Einladungsschreiben baten die Veranstalter, „außer den notwendigen Lebensmittelmarken den Brotaufstrich selbst mitzubringen, außerdem möglichst eine bis zwei Decken zusätzlich“.

Die Akademiearbeit auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau begann vor 75 Jahren. Als Geburtsstunde gilt eine Erziehertagung, die am 23. und 24. Februar 1946 im ehemaligen Internat Dr. Lucius im Forsthaus bei Echzell stattfand.

Die „Evangelische Akademie Nassau-Hessen“ war die zweite in Deutschland nach Bad Boll, die nur wenige Wochen vorher an den Start gegangen war. Ihr Wegbereiter war der Leiter des Evangelischen Männerwerks und spätere Wiesbadener Propst Ernst zur Nieden (1903-1974). Schon im ersten Jahr gab es fünf Tagungen für Erzieher, drei für Juristen, zwei für Ärzte, zwei für Sozialwissenschaftler und je eine für Künstler, Ingenieure, Pfarrer und für Studenten sowie eine „Theologische Woche für gebildete Laien“.

Aufarbeitung der NS-Zeit zentrales Thema

Nach Gründung der „Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau“ im Jahr 1947 änderte auch die Akademie ihren Namen in „von Hessen und Nassau“. Bis März 1949 blieb das Forsthaus Echzell ihr Domizil, als Tagungsorte dienten unter anderem auch das Pfarrhaus zur Niedens in Offenbach und das Spessart-Sanatorium in Bad Orb. Von 1951 bis 1954 war die Akademie in Schloss Assenheim in der Wetterau untergebracht. Schließlich bezog sie im Sommer 1954 einen Neubau im Schmittener Ortsteil Arnoldshain. Bis zur Fusion mit der Frankfurter Stadtakademie „Römer9“ im Jahr 2012 wurde die Tagungsstätte als „Evangelische Akademie Arnoldshain“ zu einem Markenzeichen.

Das erste Akademiegebäude im Schmittener Ortsteil Arnoldshain wurde im Juli 1954 eröffnet. Auf dem Foto begrüßen sich der Darmstädter Architekt Theo Pabst und Kirchenpräsident Martin Niemöller (rechts). Im Hintergrund beobachten Niemöllers Stellvertreter Bernhard Knell (links) und der Begründer der Akademiearbeit in Hessen-Nassau, Propst Ernst zur Nieden, die Szene.

In der Anfangszeit standen in dem nach Kirchenpräsident Martin Niemöller (1892-1984) benannten Haus Erziehungsfragen im Zentrum. Später rückten Themen wie die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Aussöhnung mit den osteuropäischen Nachbarn in den Focus. In Arnoldshain entstanden unter anderem die Grundzüge der Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland und des Antirassismusprogramms des Weltkirchenrats.

„Die Akademie Arnoldshain hatte von Beginn an den Ruf, die Politik kritisch zu begleiten“, erläutert der frühere Direktor Hermann Düringer. Sie habe sich einem „protestantischen Wächteramt“ verpflichtet gefühlt und mit der Berufung von Leonore Siegele-Wenschkewitz als erster Frau im Direktorenamt und mit Doron Kiesel als erstem jüdischen Studienleiter auch bundesweit Wegmarken gesetzt.

Direktoren setzen individuellen Fokus

Alle Direktoren rammten ihre eigenen thematischen Pflöcke ein. Der Pädagoge und Gründungsdirektor Hans Kallenbach, der bis 1972 amtierte, förderte die evangelische Filmarbeit und das christlich-jüdische Gespräch. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP ab 1937 und seine Zeit als Dozent in der Lehrerinnenbildungsanstalt Hirschberg im Riesengebirge ab 1941 blieben erstaunlicherweise unerwähnt.

Der Theologe und spätere Präsident des Internationalen Rates der Christen und Juden, Martin Stöhr (1972-1986), erhob seine Stimme gegen christliche Judenfeindschaft und Aufrüstung. Der Jurist Jens Harms (1986-1989) forcierte Wirtschafts- und Rechtsthemen, der Politologe Bernhard Moltmann (1990-1996) die Friedensforschung und Siegele-Wenschkewitz (1996-1999) die Feministische Theologie.

Dem Theologen Düringer lagen vor allem die Aufarbeitung der kirchlichen Verstrickungen in der NS-Zeit sowie die Aussöhnung mit Polen am Herzen. Und er managte den Umbau und die Sanierung des Niemöller-Hauses 2011/12 sowie zusammen mit der damaligen Leiterin Ute Knie die Fusion mit der Frankfurter Stadtakademie.

Digitale Vermittlungsarbeit boomt

Der Theologe Thorsten Latzel war seit 2013 Direktor der Evangelischen Akademie Frankfurt.

Auch der Theologe Thorsten Latzel, der von 2013 bis zum Frühjahr dieses Jahres Direktor war, stand vor einem Berg von Herausforderungen. Vor allem der Umbau des alten Frankfurter Akademiegebäudes forderte seine ganze Kraft. Gleichwohl kamen nach und nach neue Veranstaltungsformate wie ein Stipendienprogramm für junge Erwachsene und ein Theologie-Slam hinzu. Seit November 2019 glänzte der Direktor mit seinen "Theologischen Impulsen" zu Themen der Bibel und zur Corona-Pandemie. Zudem stellte er die Weichen für die aktuell mächtig boomende digitale Vermittlungsarbeit.

Mit der Entwicklung war Latzel sehr zufrieden. Die Akademie sei zu einem "zentralen, urbanen Diskursort" zu einer "protestantischen Denkwerkstatt" gewachsen, die ein "sehr diverses" Publikum aus ganz Deutschland anziehe. Für die Zukunft sei sie bestens aufgestellt, bilanziert der agile 50-Jährige, der vor kurzem eine neue Herausforderung in Angriff genommen hat: als Leitender Geistlicher der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Die Akademie will das Jubiläum in der Johannisnacht, dem traditionellen Sommerempfang der Akademie, am 25. Juni feiern.