TV-Tipp: "Du sollst nicht lügen"

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TV-Tipp: "Du sollst nicht lügen"
9. Februar, Sat.1, 20.15 Uhr
Die Cuxhavener Lehrerin Laura (Felicitas Woll) verbringt einen angenehmen Abend mit dem verwitweten Arzt Hendrik (Barry Atsma), Vater einer ihrer Schüler. Als sie am nächsten Morgen aufwacht, ist sie von Panik erfüllt, weiß zunächst aber nicht, warum: Sie hat nur noch bruchstückhafte Erinnerungen.

Erst nach und nach wird ihr klar, dass Hendrik sie irgendwie gefügig gemacht und vergewaltigt hat. Sie geht zur Polizei und zeigt ihn an, doch da der Arzt versichert, der Sex sei einvernehmlich gewesen, steht Aussage gegen Aussage; sollte Hendrik ihr K.O.-Tropfen verabreicht haben, so sind sie längst nicht mehr nachweisbar.

"Lena Lorenz"-Schöpferin Astrid Ströher – sie hat die britische Vorlage gemeinsam mit Dirk Morgenstern adaptiert – hat so eine Geschichte schon einmal erzählt: In ihrem Vergewaltigungsdrama "Es war einer von uns" (2011) waren ebenfalls K.O.-Tropfen im Spiel. Auch für Sat.1 ist der Stoff nicht neu: In "Lautlose Tropfen" (2019) spielte Stefanie Stappenbeck eine Frau, der bei einem Klassentreffen das gleiche Verbrechen widerfährt. Das Drama konzentrierte sich darauf, wie die Frau versucht, zurück in die Normalität zu finden, und wandelte sich erst gegen Ende zum Thriller. "Du sollst nicht lügen" funktioniert ganz ähnlich: Laura ist fassungslos, dass Hendrik mit seiner Tat davonkommt. Die ermittelnde Kriminalpolizistin, Vanessa Lewandowski (Friederike Becht), ist zwar auf ihrer Seite, aber es gibt keinerlei Beweise für die Schuld des angesehenen Chirurgen. Um andere Frauen vor Hendrik zu warnen, stellt die Lehrerin ihre Anschuldigung ins Netz, aber nun dreht der Arzt den Spieß rum und zeigt sie wegen Verleumdung an.

Sat.1 strahlt die Eigenproduktion als zweiteiligen Film aus. Die Handlung ist dramaturgisch jedoch als vierteilige Serie konzipiert, weshalb die ersten drei Folgen nach jeweils circa 45 Minuten einen Haken schlagen. Die zweite Wende ist allerdings nicht überraschend, weil die Besetzung von vornherein erwarten lässt, welche der beiden Versionen der Wahrheit entspricht. Felicitas Woll hat bereits in den anspruchsvollen Sat.1-Dramen "Die Ungehorsame" (2015, über Gewalt in der Ehe) und "Nackt. Das Netz vergisst nie" (2017, über eine Familie, die mit Nacktfotos ihrer Tochter erpresst wird) mitgewirkt, und der Holländer Barry Atsma spielt regelmäßig Männer, denen man nicht vertrauen sollte: als undurchsichtiger Investor im Schlecker-Film "Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab" (2014, ZDF), als möglicher Serienmörder in der Charlotte-Link-Verfilmung "Die letzte Spur" (2014), als Wolf im Schafspelz in "Das Monster von Kassel", einem "Tatort" des HR (2019), und schließlich in seiner besten Rolle als skrupelloser Chef der Investmentabteilung in den beiden Staffel der ZDF-Serie "Bad Banks" (2018, 2020). Das Schema ist meist das gleiche: Weil Atsma seine Rollen mit Charme und Charisma verkörpert, ist man hin und hergerissen zwischen Sympathie und dem Wunsch nach Gerechtigkeit; und natürlich beziehen die Krimis ihren Reiz aus der Frage nach der Wahrheit. "Du sollst nicht lügen" beantwortet diese Frage vielleicht zu früh, aber der Film ist in erster Linie ein Lehrstück über Kontrolle, Macht und Demütigung – und über Frauen, die sich wehren; als es zu einem weiteren Verbrechen kommt, rückt die Polizistin als dritte Figur ins Zentrum.

Das britische Original (ITV, 2017) "Liar" ist sechs Teile lang; das mag erklären, warum die Sat.1-Version zwischendurch ein paar Sprünge macht und einige Fragen offen lässt. Dass dies auch für den Schluss gilt, ist allerdings Absicht: Das überraschende Ende schuf bei "Liar" die Basis für die vor einem Jahr ausgestrahlte zweite Staffel; ob auch Sat.1 eine Fortsetzung produzieren lässt, ist noch offen. Die mitunter elliptisch wirkende Erzählweise ist stellenweise recht souverän: Lauras Ex-Freund Tim (Sönke Möhring) ist uniformierter Polizist und überschreitet einige Male seine Kompetenzen, um ihr einen Gefallen zu tun. Dass dies nicht ohne Konsequenzen bleibt, zeigt sich erst bei genauerem Hinsehen: Irgendwann steht auf seiner Uniform nicht mehr "Polizei", sondern "Security". Die Idee, dass Tim noch während seiner Beziehung zu Laura eine Affäre mit deren Schwester (Sophie Pfennigstorf) hatte, die wiederum eine Kollegin von Hendrik ist, stammt allerdings aus der Vorlage und sorgt für zusätzliche Drama-Spannung, denn als Laura durch Zufall davon erfährt, fühlt sie sich erst recht einsam und verletzlich. Kein Wunder, dass sie schließlich bereit ist, illegale Methoden anzuwenden, wenn Hendrik nicht mit legalen Mitteln zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Der bislang beste Film von Jochen Alexander Freydank war die schmerzlich- schöne Tragikomödie "Und weg bist Du" (2012) mit Christoph Maria Herbst als Tod, der sich in eine krebskranke Frau (Annette Frier) verliebt.  Zuletzt hat der Regisseur ebenfalls für Sat.1 das Stalking-Drama "Dein Leben gehört mir" (2019, mit Josefine Preuß) gedreht. Geschickt und gelegentlich fast unmerklich verknüpft Freydank die in jeder Hinsicht ungeschminkte Gegenwart mit den in warmen Farben gehaltenen Rückblenden. Was sich tatsächlich in jener verhängnisvollen Nacht zugetragen hat, zeigen die mit Ausnahme einer sehr effektvoll inszenierten Alptraumszene betont unspekulativen Bilder nicht, weil sich Laura ja nicht erinnern kann. Auf Dauer nervig ist dagegen die unnötig unruhige Bildgestaltung in einigen Szenen.