TV-Tipp: "Tatort: Das ist unser Haus“

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TV-Tipp: "Tatort: Das ist unser Haus“
17. Januar, ARD, 20.15 Uhr: „Tatort: Das ist unser Haus“
Formal folgt der 27. Fall für Lannert und Bootz dem üblichen Muster: Eine Frau ist an einem Genickbruch gestorben, also mutmaßlich ermordet worden; die Kommissare gehen davon aus, dass der Mörder oder die Mörderin zur zwölfköpfigen Hausgemeinschaft gehört. Wohl oder übel müssen sich die beiden Pragmatiker auf eine Welt einlassen, die ihnen persönlich eher fremd ist:

Vor einigen Jahren hat Dietrich Brüggemann für einen "Tatort" aus Stuttgart das Theater auf die Straße gebracht: "Stau", 2018 mit dem Deutschen Fernsehkrimi-Preis ausgezeichnet, spielte größtenteils zwischen stehenden Autos. Der Krimi beeindruckte nicht zuletzt durch seine technische Seite: Der Handlungsort, die Weinsteige oberhalb des Stuttgarter Talkessels, ist in einer Freiburger Messehalle nachgestellt worden. Beim zweiten schwäbischen "Tatort" dürften die logistischen Herausforderungen für den Regisseur, der das Drehbuch erneut mit Daniel Bickermann geschrieben hat, nicht ganz so kompliziert gewesen sein, selbst wenn "Das ist unser Haus" ähnlich konzipiert ist: Die Handlung spielt größtenteils in einem Mehrfamilienhaus. Die Besitzer und Bewohner haben vor einigen Jahren eine Art Baugenossenschaft gegründet und sind frisch eingezogen. Die Stimmung beim Einweihungsfest ist allerdings alles andere als ausgelassen: Bei der Abdichtung des Fundaments ist ein zwar ökologisch vertretbares, ansonsten aber offenbar unbrauchbares Abdichtungsmaterial verwendet worden, weshalb nun Wasser in den Keller eindringt. Die Feuchtigkeit entpuppt sich jedoch rasch als das kleinere Problem: Bei den Reparaturarbeiten wird eine weibliche Leiche entdeckt, die vor einem Jahr neben dem Haus vergraben worden ist.

Formal folgt der Fall für Lannert und Bootz (Richy Müller, Felix Klare) dem üblichen Muster: Die Frau ist an einem Genickbruch gestorben, also mutmaßlich ermordet worden; die Kommissare gehen davon aus, dass der Mörder oder die Mörderin zur etwa zwölfköpfigen Hausgemeinschaft gehört. Wohl oder übel müssen sich die beiden Pragmatiker auf eine Welt einlassen, die ihnen persönlich eher fremd ist: Das Zusammenleben der Männer und Frauen ist geprägt von Prinzipien wie Nachhaltigkeit, Toleranz und Mitgefühl. Gibt es ein Problem, wird das ausdiskutiert; und das gern ausgiebig, weil es meist mehr um Wortwahl und Tonfall als um Fakten geht.

Angesichts der Leiche am Keller bekommt die Solidarfassade jedoch umgehend hässliche Risse, denn plötzlich denkt jeder erst mal an sich selbst. Mit einer Mischung aus Abgeklärtheit und Sarkasmus verfolgen die beiden Kommissare, wie sich die Mitglieder der Hausgemeinschaft gegenseitig zerfleischen; erst subtil, dann immer offener, bis die passive Aggressivität sogar in Handgreiflichkeit umschlägt.

Weil sämtliche Sitzungen protokolliert worden sind, können Lannert und Bootz nachvollziehen, was vor einem Jahr passiert ist: Zur Gemeinschaft gehörte auch eine junge Frau namens Beverly, die in einigen Beziehungen offenbar für große Unruhe gesorgt hat; gut möglich, dass jemand die Frau aus Eifersucht oder enttäuschter Liebe getötet hat, weshalb es gleich mehrere konkrete Verdächtige gibt.

Wie schon bei "Stau" hat Brüggemann das Ensemble sehr sorgfältig zusammengestellt, was hier angesichts der vielen Gemeinschaftsszenen noch wichtiger war. Es gibt einige bekannte Gesichter, darunter Anna Brüggemann, die Schwester des Regisseurs, sowie Lana Cooper und Michael Kranz, aber die Mehrheit der Mitwirkenden dürfte den meisten Zuschauern nichts sagen. Trotzdem gelingt es den Schauspieler:innen recht rasch, den Mitgliedern markante Konturen zu geben, auch wenn einige der Figuren größeren Raum bekommen als andere, etwa Christiane Rösinger: Ulrike ist die Älteste der Gruppe, was sie automatisch zu einer Art Wortführerin macht. Besonders prägnant ist Nadine Dubois, und das nicht nur wegen ihrer Rolle als Esoterikerin, die das Haus erst mal von bösen Energien reinigt: Kerstin ist felsenfest überzeugt, dass es sich bei der Leiche nicht um Beverly handelt, denn sie spürt, dass die Frau noch lebt. Außerdem ist sie regelmäßig angetan, wenn sich Bootz bei ihr meldet, selbst wenn sie seine ironischen Bemerkungen eher unpassend findet.

Natürlich bringt auch die Konfrontation mit der Polizei Bewegung in die Gruppe. Lannert findet die Leute "eigentlich alle nett", weil sie ihn an seine WG-Zeit erinnern, aber mit der Zeit bröckelt die Sympathie; selbst die geduldigen Kommissare sind irgendwann nur noch genervt. Menschliche Abgründe aller Art sind dem Duo dagegen selbstredend nicht fremd: "Man glaubt gar nicht, was Leute alles so machen", stellt Lannert irgendwann fest.

Damit sich die Handlung nicht ausschließlich in den Wohnungen der "Oase Ostfildern" abspielt, gibt es mehrere Exkurse, etwa zu den Angehörigen jener Frauen, die vor einem Jahr als vermisst gemeldet worden sind, oder zu einem Mann, den die Gemeinschaft damals ausgeschlossen hat, weil Beverly ihn für einen potenziellen Gewalttäter hielt; ansonsten finden die Ermittlungen jedoch fast ausschließlich in der Siedlung statt.

Trotzdem tritt der Film nie auf der Stelle, weil Bootz auch mal eine Befragung auf dem Fahrrad führt; Brüggemann zeigt das Gespräch in einer langen ungeschnittenen Einstellung. Der Regisseur setzt die Musik, die er selbst komponiert hat, über weite Strecken nur äußerst sparsam ein, aber gegen Ende gibt es eine Verfolgungsjagd (ebenfalls per Zweirad), bei der die Musik für eine rockige Action-Atmosphäre sorgt. Mit welcher Liebe zum Detail der Film gestaltet ist, belegt eine Vielzahl harmonischer Fotos, die die Gemeinschaft während der Bauphase zeigen; damals, als alles noch im Lot war.

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