TV-Tipp: "Tatort: Unten"

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TV-Tipp: "Tatort: Unten"
20. Dezember, ARD, 20.15 Uhr
Der Wiener "Tatort" mit dem ebenso sparsamen wie treffenden Titel "Unten" entführt in eine Welt, die den allermeisten Zuschauern unbekannt sein dürfte - nicht den "oberen Zehntausend", sondern - wenn man das so sagen würde - den "unteren Zehntausend".

Die Redensart von den "oberen Zehntausend" ist etwas aus der Mode gekommen. Von den "unteren Zehntausend" war ohnehin nie die Rede: Menschen, die irgendwann aus dem Hamsterrad gefallen sind, werden von der Gesellschaft weitgehend ignoriert; und das nicht nur im großstädtischen Straßenbild. Der Wiener "Tatort" mit dem ebenso sparsamen wie treffenden Titel "Unten" entführt daher in eine Welt, die den allermeisten Zuschauern unbekannt sein dürfte. Darüber hinaus entpuppt sich, was zunächst nach einem tödlichen Streit unter Obdachlosen aussieht, als Verbrechen von erschütternder Niedertracht und Widerwärtigkeit. Das können Oberstleutnant Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Partnerin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) natürlich nicht ahnen, als sie in eine leerstehende Fabrikhalle gerufen werden.

Fellner kennt das Opfer: Der tote Gregor war einst ein Informant, bis ihn Kündigung und Scheidung aus der Bahn geworfen haben. Irgendwann wurden die Geschichten des früheren Journalisten immer abgedrehter; auf seinem Blog wimmelt es nur so von Verschwörungserzählungen. Bei der letzten Begegnung vor wenigen Tagen wollte er der Majorin von einer großen Sache berichten. Sie hat ihn abgewimmelt, weil er stockbesoffen war; nun hat er sein Geheimnis, falls es denn eins war, mit ins Grab genommen.

Natürlich steckt viel mehr hinter dem Todesfall, aber es dauert eine ganze Weile, bis die Autoren Thomas Christian Eichtinger und Samuel R. Schultschik mit der Wahrheit rausrücken. Zunächst wirkt das Drehbuch wie ein Reiseführer: Eisner und Fellner müssen sich mit einem Milieu auseinandersetzen, mit dem auch sie nur selten zu tun haben. Ihre ersten Verdächtigen sind das obdachlose Pärchen Tina und Indy (Maya Unger, Michael Steinocher); Tina ist Nutznießerin von Gregors Lebensversicherung. In einer Parallelhandlung gibt es eine weitere Reisebegleitung: Eine junge Mutter (Sabrina Reiter) ist aufgrund widriger Umstände auf der Straße gelandet und sucht für sich und ihren kleinen Sohn eine vorübergehende neue Bleibe. Der Leiter (Michael Pink) des Heims "Lebensraum" kann helfen und bringt auch das BKA-Duo auf die richtige Spur: Gregor hat offenbar gemeinsam mit dem Pärchen Crystal Meth hergestellt; womöglich ist er das Opfer eines Drogenhändlers geworden, der einen Konkurrenten aus dem Weg geräumt hat.

Aber Eisner und Fellner stoßen auch auf Hinweise, die in eine ganz andere Richtung führen: Gregor hat eine Liste mit den Namen von über 20 Obdachlosen zusammengestellt, die in den letzten Jahren spurlos verschwunden sind. Seine Vermisstenanzeigen sind von der Polizei nicht weiter ernst genommen worden, obwohl es in zumindest einem Fall eine Zeugin gibt. Die alte "Sackerl-Grete" (Inge Maux) macht zwar auf den ersten Blick einen verwirrten Eindruck, kann sich aber sehr gut daran erinnern, wie ein Tippelbruder verschleppt worden ist.

Als einer der Vermissten in Italien verhaftet wird, scheinen die Ermittlungen in einer Sackgasse zu enden; aber dann wird auch Indy ermordet. Der geheime Wohnwagen, in dem er und Tina die Drogen hergestellt haben, diente Gregor als Büro; er ist völlig ausgebrannt. Ein Detail haben die Mörder jedoch übersehen, und nun wird das Ermittlerduo mit einem Abgrund organisierter Kriminalität konfrontiert, der einem den Glauben an das Gute im Menschen nachhaltig austreiben kann; endlich wird auch klar, welche Rolle die junge Mutter in der Geschichte spielt.

Regie führte Daniel Prochaska. Der langjährige Schnittmeister ist der Sohn des hierzulande vor allem für seine vorzügliche ZDF/ORF-Reihe "Spuren des Bösen" bekannten Regisseurs Andreas Prochaska. Daniels Erstlingswerk war die großartig gespielte österreichische Tragikomödie "Geschenkt" (2019) über einen zynischen Journalisten, dem das Schicksal plötzlich einen neuen Lebenssinn schenkt.

"Unten" ist im Vergleich zu dem auch optisch interessanten Debüt ein eher unauffällig inszenierter Krimi, der vor allem von der Geschichte und den ausgezeichnet geführten Darstellern lebt. Gerade Krassnitzer und Neuhaus stellen erneut ihre ganze Klasse unter Beweis, weil es beiden scheinbar mühelos gelingt, mit wenig Aufwand große Wirkung zu entfalten. Die weiteren Rollen sind zwar mit hierzulande ausnahmslos unbekannten Schauspielern, aber sehr treffend besetzt. Das Finale schließlich ist dank der Musik (Karwan Marouf) und des Horrorfilmlichts (Bildgestaltung: André Mayerhofer) echtes Hochspannungsfernsehen.