Theologe Ruster: Die Kirche hat die Tiere vergessen

Massentierhaltung

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Thomas Ruster plädiert für mehr Einsatz für den Tierschutz seitens der Kirche.

Theologe Ruster: Die Kirche hat die Tiere vergessen
"Christen müssen Leiden von Nutztieren sichtbar machen"
Der katholische Theologe Thomas Ruster wünscht sich von den Kirchen mehr Einsatz für den Tierschutz. Gegen "das von Gewalt geprägte Verhältnis zwischen Mensch und Tier" müssten die Kirchen ihre Stimme erheben, sagte er dem epd anlässlich des Welttierschutztages (4.10.). Ruster lehrt Dogmatik und Systematische Theologie an der TU Dortmund.

Herr Professor Ruster, hat die Kirche die Tiere vergessen?

Thomas Ruster: Ja, das kann man so sagen, genauso wie die Kirche in früheren Jahrhunderten die Sklaven vergessen hat. In der Art, wie mit Sklaven umgegangen worden ist, und in der Art, wie wir heute mit Tieren umgehen, gibt es ganz klare Parallelen. Man benutzt den Körper eines anderen Lebewesens für eigene Zwecke und entzieht dem anderen Lebewesen das Recht über die Nutzung des eigenen Körpers. Das war bei Sklaven so, und das ist bei Tieren immer noch so. Die menschliche Sklaverei wurde abgeschafft, aber die tierische geht weiter. Die Kirchen haben sich allenfalls in begrenztem Ausmaß für die Humanisierung der damaligen Sklavenhaltung eingesetzt. Sie haben zum Teil sogar noch Argumente zu Ihrer Aufrechterhaltung beigesteuert. Heute stehen sie da und verstehen nicht, dass sie das Unrecht damals nicht gesehen haben.

Was können wir daraus lernen?

Ruster: Heute sind wir in einer vergleichbaren Lage in Bezug auf die Tiere. Man wird uns später auch genauso fragen: Warum habt ihr euch damit abgefunden, dass dieses Unterdrückungsverhältnis zu den Tieren weiterhin besteht? Gegen dieses von Gewalt geprägte Verhältnis zwischen Mensch und Tier müssten die Kirchen ihre Stimme erheben.

Tierrechtler fordern eine Charta der Tierrechte, ähnlich wie die der Menschenrechte. Wäre das hilfreich?

Ruster: Diese Idee könnte ein Weg sein, stößt in ihrer Umsetzung aber an ihre Grenzen. Die Quäker, die ja als eine der wenigen christlichen Gruppierungen im 18. Jahrhundert massiv gegen die Sklaverei aufgetreten sind, begründeten ihre Ablehnung der Sklaverei nicht mit den Menschenrechten. Sie waren früher selbst Sklavenhalter und haben das Leid der Sklaven wahrgenommen. Sie erkannten, dass man als Christ mit Menschen so nicht umgehen kann. Das war gar nicht so theoretisch, das ging aus der unmittelbaren Wahrnehmung des fremden Leids hervor. Das Tierrechtsargument selbst ist reichlich abstrakt. Eigentlich geht es vor allem darum, dass man anderen Wesen keine unnützen Leiden zufügen darf. Das wäre für mich ein Ansatzpunkt für die Frage, wie wir mit den Tieren umgehen.

"Aus meiner Sicht hat sich die Mehrheit der Christen weithin den gesellschaftlichen Standards angepasst"

Warum geben die Kirchen dem Tierschutz nachweislich so wenig Raum?

Ruster: Diese Frage stelle ich mir schon sehr lange. Es gibt viele andere gesellschaftliche Gruppen, die sich hier viel stärker engagieren als Christen. In den normalen Gemeinden, ob evangelisch oder katholisch, findet man zu dem Thema so gut wie keine Resonanz. Das liegt sicherlich an einem tief eingewurzelten christlichen Weltbild, in dem man einen klaren Unterschied macht zwischen Mensch und Tier. Danach ist der Mensch etwas Höheres, das Ebenbild Gottes. Durch diese Haltung haben wir die Tiere völlig aus dem Blick verloren. Selbst wenn es so einen grundlegenden Unterschied zwischen Mensch und Tier geben sollte: Rechtfertigt er es, die Tiere so zu behandeln, wie wir sie behandeln? Das leuchtet mir nicht ein. Darf man Tiere quälen, töten und essen? Das ergibt sich sicher nicht ohne weiteres aus dem Unterschied der verschiedenen Spezies heraus.

Sie verwenden den Begriff "Tiervergessenheit" der Kirchen. Was meinen Sie damit?

Ruster: Aus meiner Sicht hat sich die Mehrheit der Christen weithin den gesellschaftlichen Standards angepasst. Sie denken und handeln so wie die meisten, wie unsere bürgerliche Welt, wo das Thema Tiere ja auch in aller Regel von Randgruppen besetzt wird. Der Auftrag zur Hilfe für die Armen, Geschundenen und Leidenden wird von den Kirchen grundsätzlich ja gut wahrgenommen. Aber seltsamerweise werden die Tiere da nie richtig einbezogen. Wenn die Kirche für den Schutz des Lebens universal eintreten würde, dann würden auch die Tiere als von Gott geschaffene lebendige Wesen genauso im Blickpunkt stehen wie es jetzt zum Beispiel das ungeborene Leben tut.

Die Theologie betrachtete Tiere früher oft als Wesen ohne Vernunft. Wie ist das heute?

Ruster: Heute wissen wir, dass Tiere ihre eigene Art von Vernunft haben, aber eben in ihrer Weltsicht, die sich nicht mit der menschlichen Vernunft vergleichen lässt. Es gibt graduelle Unterschiede zwischen Mensch und Tier, keine grundlegenden. Wir wissen zum Beispiel inzwischen, welche differenzierten Formen von Sprache zwischen Tieren gesprochen werden, dass Krähen etwa sich wiedererkennen können und sich mit Namen rufen.

Papst Franziskus hatte 2015 mit seiner Umwelt-Enzyklika "Laudato si" den Eigenwert der Tiere ausdrücklich hervorgehoben. Sehen sie da ein Umdenken in der Haltung der katholischen Kirche in ihrem Verhältnis zu Tieren?

Ruster: Ich habe das zwar mit Freuden gelesen, es bleibt aber insgesamt sehr abstrakt. Papst Franziskus geht ja gar nicht direkt auf die Tiere ein, in der ganzen Enzyklika nicht, die werden niemals direkt angesprochen. Zwar zeigt der Text in die richtige Richtung, aber daraus erwächst relativ wenig für den konkreten Umgang mit den Tieren.

Ist der heutige Umgang mit Tieren mit Blick auf Massentierhaltung und Tierversuche Sünde?

Ruster: Überall da, wo Glaube, Hoffnung und Liebe beschädigt werden, liegt Sünde vor. Zum Beispiel, dass man den Tieren nicht gestattet, sich mit ihren Artgenossen so zu verhalten, wie sie sich verhalten wollen. Die Haltung in Vereinzelung ist etwas, worunter Tiere zutiefst leiden. Dass wir ein solches Gewaltverhältnis zulassen, ist für mich ein klarer Fall von Sünde.

Was könnten die Kirchen mehr für den Tierschutz tun?

Ruster: Es geht vor allem darum, dass Christen vorangehen, etwas tun, was öffentlich sichtbar wird. Christen müssten das Leiden der Tiere sichtbar machen. Dieses Leid ist oft nicht sichtbar, findet etwa in geschlossenen Schlachthöfen statt, man sieht es nicht an der Fleischtheke. Das ist analog zur historischen Sklaverei. Auch die amerikanischen Farmer, die viele Sklaven hatten, haben das nie sichtbar gemacht, die Sklaven waren immer im Hintergrund.

"Gottesdienste vor Schlachthöfen abhalten"

Was könnten die Kirchen konkret tun?

Ruster: So wie der US-amerikanische Theologe und Sozial-Aktivist William Stringfellow (1928-1985) Gottesdienste vor Rüstungsdepots veranstaltet hatte, könnte man heute Gottesdienste vor Schlachthöfen abhalten. Oder ein anderes Beispiel: eine mir bekannte brasilianische Ordensschwester gründete jetzt ein Heim sowohl für bedürftige Kinder, gleichzeitig aber auch für bedürftige Tiere. Warum könnten Diakonie und Caritas keine Abteilungen für notleidende Tiere einrichten? Man könnte bei Pfarrfesten oder in kirchlichen Tagungshäusern den Schwerpunkt auf vegetarisches Essen legen.

Dürfen Christen kein Fleisch essen?

Ruster: Ich will nicht apodiktisch sagen, dass Fleischkonsum für Christen ausgeschlossen ist. Das kann man so nicht sagen. Aber man kann sagen, dass es ein starkes prophetisches Zeichen ist, wenn Menschen nicht wegen der Gesundheit, sondern eben wegen der Tiere auf Fleischkonsum verzichten. Da könnte die Kirche wirklich vorangehen. Im Grunde müsste man in diesem Punkt die Beweispflicht umkehren: Nicht der Vegetarier oder Veganer, sondern der Fleischesser müsste sein Verhalten begründen.

Buchveröffentlichung: Simone Horstmann/Thomas Ruster/Gregor Taxacher: Alles, was atmet - Eine Theologie der Tiere, Pustet-Verlag 2018. 26,95 Euro Marjorie Spiegel: The Dreaded Comparison: Human and Animal Slavery. Mirror Books 1988/89. (Englisch)