Der geschenkte Tag

Schalttag 29.2.2020 eröffnet Zeitfenster für Meditationen und Einkehr.

©Getty Images/Tetra images RF/JGI/Jamie Grill

Ein geschenkter Tag, der 29.2.2020, gibt Gelegenheit zu sprirituellen Erfahrungen und Einkehr.

Der geschenkte Tag
Berliner Kirchengemeinde lädt am Schalttag 29. Februar zu "24 Stunden Innehalten" ein
Spiritualität kommt heute zu kurz, sagt Günter Hänsel. Dabei sehnten sich Menschen nach Momenten der Stille und der Besinnung. Am 29. Februar, dem Schalttag, lädt der Vikar der Kirchengemeinde Berlin-Frohnau dazu ein, die Vielfalt spiritueller Erfahrungen selbst zu machen - 24 Stunden lang. Im Interview spricht er über seine Motivation.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie den Menschen einen Tag "schenken" wollen?

Günter Hänsel: Im Rahmen meines Vikariates - das ist ja meine Lehrzeit - darf ich Dinge ausprobieren. Der theologische Ausgangspunkt meiner Arbeit ist dabei - theoretisch wie auch praktisch - zu schauen, wonach sehnen sich die Menschen heute. Dabei habe ich festgestellt, es gibt eine große Sehnsucht nach Spiritualität, nach Stille, nach einem Ort, wo Menschen zur Ruhe kommen können.

Und dabei sind Sie dann auf den 29. Februar gestoßen?

Hänsel: Ehrlich gesagt bin ich ganz pragmatisch durch den Terminkalender meiner Gemeinde gegangen und habe entdeckt, dass am 29.2. noch nichts geplant war. Vielleicht hatte den noch niemand im Blick. Und dann merkte ich aber: Das passt ja wunderbar zusammen, dieses Angebot eines "geschenkten Tages" an einem 29. Februar, der nur alle vier Jahre kommt.

Was verbinden Sie mit dem Begriff "christliche Spiritualität"?

Hänsel: Spiritualität ist zunächst einmal ein Container-Begriff. Es gibt so viele Definitionen, Konzepte und Labels. Aus theologischer Perspektive ist der Begriff "Spiritualität" als Konzept des Glaubensvollzugs tief in der kirchlichen Tradition verankert. Er beinhaltet auch viele Aspekte von Frömmigkeit. Spiritualität ist für mich eine Weise zu leben, Gott einen Raum zu geben, in dem ich seine Gegenwart spüren kann. Dafür brauche ich Zeiten, Formen, Haltungen, die ich einüben kann. Letztlich geht es darum, Raum für Begegnungen mit Gott zu ermöglichen.

Wo kann ein solcher Raum entstehen?

Hänsel: Als Gemeinde sind wir ein Ort, wo wir diese Dinge gemeinsam einüben können. Wir stellen Rituale zur Verfügung, die wir in den Alltag mitnehmen können. Dabei ist Spiritualität nichts, was ich noch als zusätzliche Aufgabe übernehmen muss. Vielmehr bietet sie mir einen anderen Zugang zum Alltag. Sie bietet mir die Chance, in anderen Menschen und Dingen Gott wieder zu entdecken.

Wie kommen Sie darauf, dass die Menschen mehr Spiritualität benötigen?

Hänsel: In Gesprächen spüre ich eine große Sehnsucht nach Stille und Ruhe. Menschen fühlen sich oft überfordert von den Ansprüchen, die an sie gestellt werden. Unser Lebensstil fördert das Gefühl von Zerissenheit, die Angst vor Scheitern, Ansehensverlust, aber auch vor Krankheit und Einsamkeit. Meines Erachtens brauchen wir Zeiten der Stille und der Unterbrechung, des zweckfreien Hörens und Schweigens.  Wenn ich in der Stille eine Klärung erfahre zu bestimmten Fragen, die mich beschäftigen, dann gehe ich anschließend auch anders wieder in die Welt hinein und begegne den Menschen anders. Indem ich also mir Raum gebe, um in mich hinein zu hören, habe ich die Chance, auch anderen Menschen besser zuzuhören.

Auf wen stützen Sie sich theologisch, wenn Sie mehr Spiritualität im Alltag und in der Kirche einfordern?

Hänsel: Wichtig ist für mich etwa das 1997 erschienene Buch "Mystik und Widerstand" von Dorothee Sölle, die 2003 gestorben ist. Auch die Brüder der Taizé-Bewegung mit ihrem Zweiklang aus Aktion und Kontemplation und der frühneuzeitliche Mystiker Gerhard Tersteegen sind für mich leitend. Sölle schrieb etwa sinngemäß: "Das Christentum des dritten Jahrtausend wird entweder mystisch sein oder untergehen."

Sie kündigen an, dass die Johanneskirche in Berlin-Frohnau am 29. Februar ein "Kraftort geistlichen Lebens" werden soll. Was erwartet die Menschen?

Hänsel: Wir zeigen an diesem Tag eine Vielfalt spiritueller Formen und Übungswege. Es bezieht die Dimension des Pilgerns, des Tanzes, des Gesangs, des Gebets in der Stille, aber auch der Begegnungen und des Gesprächs mit ein. Wir orientieren uns in diesen 24 Stunden an einem ganzheitlichen Menschenbild. Wir wollen Geist und Seele zusammenbringen und Raum geben. Es gibt auch Workshops etwa für Meditation und Psalmenlesungen. Allerdings ist niemand verpflichtet alles mitzumachen. Menschen können kommen, an einem Programmpunkt teilnehmen, und dann wieder gehen oder eine Pause machen. Einfacher wird es aber sein, einige Stunden dabei zu sein, denn Spiritualität hat viel mit Einüben zu tun.

Auf dem Flyer werben Sie auch mit der Abbildung einer Schale. Was hat das zu bedeuten?

Hänsel: Das Bild bezieht sich auf einen Spruch des  Zisterziensermönchs Bernhard von Clairvaux aus dem 12. Jahrhundert. Er schrieb: "Wenn Du vernünftig bist, erweise Dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet bis sie gefüllt ist." Das Bild soll einladen, Zeiten der Stille und der Unterbrechung im Alltag zu suchen, Zeiten, in denen ich mich berühren lasse.

Welche Rückmeldungen haben Sie und ihr Team bislang auf dieses spezielle Angebot für den "geschenkten" 29. Februar erhalten?

Hänsel: Wir nehmen Interesse an diesem Thema wahr, eine große Offenheit gegenüber der Frage: Wie lässt sich Glaube und Spiritualität im Alltag verankern. Ich bin gespannt, wie die Veranstaltungen angenommen werden - Mal sehen, ob daraus mehr wird.