Jungen suchen sich bei Suzidgedanken selten Hilfe

Mehr selbstmordgefährtete Jungen als Mädchen, die speziellere Hilfsangebote brauchen.

© Getty Images/iStockphoto/finwal

Es braucht spezielle Hilfsangebote für junge suizidgefährdete Männer, die häufiger zu "harten" Methoden greifen, um sich umzubringen zum Beispiel durch Sprünge aus tödlicher Höhe. Wichtig ist es, den Teenager ernst zu nehmen und offen mit ihm zu sprechen.

Jungen suchen sich bei Suzidgedanken selten Hilfe
Um die Suizidrate bei männlichen Teenagern zu senken, braucht es nach Expertenansicht mehr geschlechtssensible Hilfsangebote.
02.01.2020
epd-Gespräch: Jana-Sophie Brüntjen
epd

"Es muss mehr Aufklärung und einen niedrigschwelligen Zugang zu Hilfen geben", sagte Sören Friedrich, Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Bochum, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Derzeit suchten sich Jungen bei suizidalen Gedanken noch weitaus seltener Unterstützung als Mädchen. "Das Thema ist immer noch sehr schambehaftet und die Hürden, sich Hilfe zu holen, sind oftmals sehr hoch", kritisierte er.

Sören Friedrich ist geschäftsführender Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Bochum.

In Deutschland bringen sich etwa dreimal so viele Jungen im Teenageralter um wie Mädchen - und das obwohl weibliche Jugendliche laut Friedrich deutlich häufiger Suizidgedanken haben und Suizidversuche begehen. Generell seien die Suizidraten bei Männern allen Altersklassen höher, ein Phänomen, das sich weltweit beobachten lasse.

Eine mögliche Erklärung sei, dass Jungen und Männer häufiger zu "harten" Methoden griffen, um sich umzubringen, sagte Friedrich. Dazu gehörten zum Beispiel Erhängen, Sprünge aus tödlicher Höhe oder Suizid durch Waffen, "also Methoden, bei denen die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sie noch gerettet werden können", erklärte der Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche. Warum männliche Jugendliche eher diese Methoden wählten, sei noch nicht ausreichend erforscht.

Selbstmorde unter Jugendlichen seien zwar relativ selten, sagte Friedrich, "trotzdem ist Suizid in der Altersstufe die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen". In herausfordernden Lebensabschnitten wie der Pubertät häuften sich Selbstmorde. "In dieser Phase der Identitätsentwicklung gibt es viel Unsicherheit und das belastet die Jugendlichen", erklärte der Psychotherapeut. Weitere Risikofaktoren seien Konflikte in der Familie, in der Beziehung und im Freundeskreis oder Verlusterfahrungen. Psychische Störungen, besonders depressive Störungen spielten ebenfalls eine wesentliche Rolle.

Warnsignale für Eltern, Lehrer und Betreuer können anhaltende Traurigkeit, sozialer Rückzug, Unruhe, Konzentrationsschwäche, starker Alkohol- und Drogenkonsum und Schlafstörungen sein, sagte Friedrich. Bei Jungen äußerten sich Depressionen auch in einer gereizten und aggressiven Stimmung. "Das deutlichste Zeichen, dass ein Jugendlicher Suizidgedanken hat, ist aber, dass er darüber spricht", sagte er. Wichtig sei es dann, den Teenager ernst zu nehmen und offen mit ihm zu sprechen. Auch bei Anzeichen sollten die Bezugspersonen das Gespräch suchen: "Das direkte Ansprechen wird oftmals als Entlastung wahrgenommen und ist ein erster Schritt, Hilfe zu bekommen."

Meldungen

Top Meldung
Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland
Angesichts des Mitgliederschwunds und geringerer finanzieller Möglichkeiten ist der Veränderungsdruck in der evangelischen Kirche hoch.