Triumph der Gewaltlosigkeit

Montagsdemo in Leipzig am 9.10.1989

© Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralb/Waltraud Grubitzsch

Nach dem Friedensgebet am 9. Oktober 1989 in der Nikolaikirche in Leipzig beginnt die 1. Montagsdemo in der Stadt.

Triumph der Gewaltlosigkeit
Vor 30 Jahren demonstrierten in Leipzig 70.000 Menschen für mehr Freiheit in der DDR
Leipzig am 9. Oktober 1989: Eine gewaltsame Niederschlagung der Proteste in der DDR liegt in der Luft - doch es kommt anders. Mut, Solidarität und Aufrufe zum Gewaltverzicht machen den Tag zu einem Höhepunkt der friedlichen Revolution.

Es hatte sich in Leipzig einiges angestaut im Laufe des Jahres 1989. Öffentliche Proteste nahmen zu: ein "Pleiße-Gedenkumzug" zur Umweltzerstörung und ein Straßenmusikfestival im Juni, der "Statt-Kirchentag" im Juli. Dann die Sommerpause mit massenhaften Ausreisen in den Westen. "Das Land blutete irgendwo aus, und da haben wir gesagt, dem müssen wir etwas entgegensetzen", erinnert sich der 57-jährige Uwe Schwabe, Leipziger und DDR-Bürgerrechtler. Am 4. September sollte es so weit sein.

Es ist ein sogenannter Messemontag: Westliche Unternehmen präsentieren zweimal im Jahr ihre Produkte in Leipzig. Journalisten und Kamerateams aus Westdeutschland sind in der Stadt, brauchen keine zusätzliche Akkreditierung. Die Bürger der Protestbewegung wissen das - und mobilisieren nach dem montäglichen Friedensgebet in der Nikolaikirche zum Protest. Zwei mutige Frauen halten ein Transparent hoch: "Für ein offenes Land mit freien Menschen". Es ist die erste Montagsdemonstration. Die Bilder laufen abends in der "Tagesschau".

Bildergalerie

St. Nikolai in Leipzig - Eine Kirche des Friedens

St. Nikolai ist der Schutzpatron der Kaufleute

Foto: akg-images

St. Nikolai ist der Schutzpatron der Kaufleute

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St. Nikolai blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die dem Schutzpatron der Kaufleute geweihte Kirche wurde bei Gründung der Stadt 1165 an der Kreuzung von zwei Handelswegen erbaut. 850 Jahre ist sie alt. Dieser Kupferstich ist aus dem 18. Jahrhundert.

Johann Sebastian Bach musizierte in der Nikolaikirche

Foto: epd-bild / Andreas Schoelzel

Zwischen 1723-1750 wirkte in dieser Kirche der berühmteste der Leipziger Kantoren, Johann Sebastian Bach. Am Karfreitag 1724 hat er sein bis dahin umfangreichstes Werk, die Johannespassion, in der Nikolaikirche uraufgeführt. Diese Büste von Johann Sebastian Bach steht heute im Kirchenraum.

Die "Luther-Kanzel" aus der ehemaligen Schloßkirche in Wittenberg

Foto: akg-images

Die "Luther-Kanzel" aus der ehemaligen Schloßkirche in Wittenberg wird jetzt in der Nikolaikirche aufbewahrt. Der Reformator selbst hatte nie in der Nikolaikirche gepredigt. Hier wurde aber in seinem Geiste gepredigt.

Palmsäule  und Orgel im Innenraum der Leipziger Nikolaikirche

Foto: akg-images / Dieter E. Hoppe

Mit den Palmwedeln wurde innerhalb der Nikolaikirche im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung zwischen 1784 und 1797 eine Art Salomonischer Tempel angedeutet. Palmblätter stehen symbolisch für Frieden.

Außenfassade der Kirche in Leipzig

Foto: Getty Images/Lonely Planet Image/Witold Skrypczak

Die Nikolaikirche ist mit 63 Metern Gesamtlänge und einer Gesamtbreite von 43 Metern die größte Kirche der Stadt. Die heutige Gestalt erhielt sie nach dem spätgotischen Umbau im 16. Jahrhundert. Die letzten großen baulichen Veränderungen erfolgten von 1901 bis 1902 an der Außenfassade.

Montagsdemonstrationen im Jahr 1989 führen zum Mauerfall

Foto: epd-bild/Andreas Schoelzel

Zahlreiche DDR-Bürger demonstrierten am 4. September 1989 vor der Nikolaikirche im Anschluß an einen Friedens-Gottesdienst für Reisefreiheit. Die Volkspolizei versperrte den Weg von der Nikolaikirche in die Leipziger Innenstadt. Die Friedensgebete ermutigten Menschen auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Es waren Bilder, die um die Welt gingen.

Friedenssäule vor der Kirche

Foto: Getty Images/Universal Images Gr/Premium UIG

Auf dem Nikolaikirchhof der Kirche wurde 1999 die Nachbildung einer Dauthe'schen Säule errichtet, die als Friedenssäule an die Montagsdemonstrationen und die Friedhaftigkeit der Revolution erinnern soll.

Gottesdienste in St. Nikolai

Foto: epd-bild / Andreas Schoelzel

Obwohl die Nikolaikirche der evangelischen Kirche gehört, wird das Kirchengebäude von beiden Konfessionen, auch von der katholischen Propstgemeinde, zur Feier der sonntäglichen Messe und anderer Feiern genutzt.

Nacht der Lichter

© © epd-bild / Peter Endig

Seit 1978 finden traditionelle "Europäische Jugendtreffen" der "Communaute de Taize" zum Jahresende in jeweils einer anderen europäischen Metropole statt. Im Jahr 1999 fwurde der besondere Gottesdienst, die "Nacht der Lichter", in der St. Nikolaikirche gefeiert.

Pfarrer Christian Führer war der Pfarrer der Nikolaikirche und verstarb am 30. Juni 2014

Foto: epd-bild / Jens Schlüter

Anfang der 1980er startete Christian Führer die Friedensgebete, die zu einer wöchentlichen Einrichtung wurden. Sie gelten als Initialzündung für die großen Montagsdemonstrationen, die das Ende der SED-Herrschaft einläuteten. Bis zum 20. März 2008 war er Pastor der Nikolaikirche. Sein Nachfolger ist Bernhard Stief. Führer starb am 30. Juni 2014. Die Kirchgemeinde verwirklicht bis heute das Konzept der "Offenen Stadtkirche" mit Hilfe von Ausstellungen oder Konzerten.

850. Festjahr  im Jahr 2014

Foto: epd-bild / Uwe Schönfeld

Das Festjahr wurde am 6. Dezember 2014 mit einem Festgottesdienst und einem Festkonzert eröffnet. Ein Jahr lang wird gefeiert. Die erste Festwoche ist vom 17. bis 24. Mai und wird mit einem Gemeindefest von St. Nikolai mit allen Leipziger Kirchgemeinden gefeiert, die zweite Festwoche ist vom 4. bis 11. Oktober 2015.

Die neuen acht Glocken der Leipziger Nikolaikirche

© epd-bild / Uwe Winkler

Die neuen acht Glocken der Leipziger Nikolaikirche sind am 29.06.2019 mit einem Festgottesdienst eingeweiht worden. Der Gottesdienst war Höhepunkt des Festwochenendes zur Glockenweihe, anschließend wurden sie nach und nach in die beiden Kirchtürme hiaufgezogen. Sechs der Glocken wurden neu geschaffen, zwei Glocken wurden restauriert.

"Das haben auch in der DDR Tausende gesehen", erklärt Schwabe - eine "wahnsinnige Mobilisierung" sei die Folge gewesen. Wer etwas verändern wollte, habe nun gewusst, "dass er montags um 17 Uhr zur Nikolaikirche gehen muss". Die Zahl der Montagsdemonstranten wächst rasant - bis auf 25.000 am 2. Oktober.

Dann kommt der 7. Oktober: Republikgeburtstag. Die DDR wird 40 - und SED-Chef Erich Honecker verkündet im Berliner Palast der Republik das "Weiter so". Nicht ein Wort fällt zu den immensen wirtschaftlichen oder ökologischen Problemen im Land, zu möglichen Reformen gar.

Derweil protestieren vor dem Palast Tausende, es kommt zu Zusammenstößen mit der Polizei. Der sowjetische Staatsführer Michail Gorbatschow, der in der Heimat längst die Wende eingeleitet hat, verlässt das Bankett vorzeitig. In Leipzig werden zugleich Proteste gewaltsam aufgelöst; im vogtländischen Plauen kommt es zur ersten regionalen Massendemonstration mit 15.000 Teilnehmern.

Unter diesen Eindrücken geht Leipzig in den 9. Oktober, und schon am frühen Nachmittag ist klar: Es wird voll. Viele reisen an, aus Zwickau, Erfurt, Karl-Marx-Stadt. Gerüchte kursieren: In Krankenhäusern ständen Blutkonserven und Extrabetten bereit, am Stadtrand parkten Panzer. Noch am 6. Oktober hatte die "Leipziger Volkszeitung" einen Kampfgruppen-Kommandeur mit den Worten zitiert, man sei bereit, den Staat "wirksam zu schützen (...) wenn es sein muß, mit der Waffe in der Hand!".

Die Staatsmacht scheint entschlossen, den Protest niederzuschlagen. Erst im Juni waren chinesische Sicherheitskräfte brutal mit Panzern und Gewehren gegen die Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz in Peking vorgegangen. Unzählige Menschen wurden getötet.

Druck der Masse

"Über allem schwebte daher die Angst vor der chinesischen Lösung", erinnert sich 30 Jahre später Gisela Kallenbach. Die damals 45-jährige dreifache Mutter hat sich am Nachmittag einige von insgesamt 30.000 Flugblättern geholt. Ihr Inhalt: absoluter Gewaltverzicht. Kallenbach verteilt den Aufruf in der Innenstadt - bis ihr ein Mann auf die Schulter tippt: "Polizei, mitkommen!"

Kallenbach reagiert selbstbewusst: "Wohin soll ich denn mitkommen?" Sofort bildet sich ein Traube von Menschen, die sich weigern weiterzugehen: "Wir wollen jetzt wissen, was mit der Frau passiert." Der Polizist führt Kallenbach zu einer Gruppe Kollegen, "mit sanfter Gewalt", erinnert sie sich. Auch dort ringsum Bürger - und plötzlich darf Kallenbach gehen. Der Druck der Masse, er siegt. Und Kallenbach verteilt weiter Flugblätter.

70.000 Demonstranten versammelten sich auf dem Karl-Marx-Platz (Foto li.: die Oper, im Hintergrund die Hauptpost), um von dort aus über den Leipziger Innenstadtring zu laufen.

Nach dem Friedensgebet, das erstmals in vier evangelischen Kirchen gleichzeitig stattfindet, sammeln sich die Menschen auf dem heutigen Augustus-, damals Karl-Marx-Platz. Angespannte Stille wechselt sich ab mit "Gorbi, Gorbi"-Rufen - sie wollen Reformen nach Gorbatschows Vorbild. Manche intonieren die "Internationale".

"Allen war, volkstümlich gesagt, sehr mulmig zumute", erinnert sich der Kabarettist Bernd-Lutz Lange in seinem gerade erschienenen Buch "David gegen Goliath". Dann tönt aus den öffentlichen Säulen des Stadtfunks der Aufruf der "Leipziger Sechs" - unter ihnen neben Lange auch Gewandhauskapellmeister Kurt Masur und drei SED-Bezirksfunktionäre. Der Inhalt: Bleibt besonnen, damit ein friedlicher Dialog möglich wird.

Die Demonstranten am so genannten Blauen Wunder, einer Fußgägerbrücke am Richard-Wagner-Platz.

Als sich die etwa 70.000 Demonstranten dem Hauptbahnhof nähern, ist von der dortigen Einsatzzentrale der Sicherheitskräfte nichts mehr zu sehen. Denn der diensthabende Polizeichef Helmut Hackenberg wird von der Berliner SED-Riege alleingelassen; Stasi-Minister Erich Mielke ist nicht erreichbar. Kurz nach halb sieben ruft Hackenberg seine Leute schließlich zum "Zurückziehen" auf, zur "Eigensicherung". Die Demonstranten ziehen unbeschadet um den Ring.

Dass es friedlich blieb, ist angesichts der in der DDR nie dagewesenen Zahl von Demonstranten bis heute ein Wunder - und die Voraussetzung für das Gelingen der friedlichen Revolution. Er habe, berichtet Uwe Schwabe, durchaus Leute gekannt, die Schlagstöcke im Auto hatten, um sich im Zweifel zu wehren. Und Polizeichef Hackenberg habe ihm vor zwei Jahren erzählt: "Wenn vonseiten der Demonstranten Gewalt gegen uns ausgeübt worden wäre, hätten wir zurückgeschlagen."

So jedoch machte sich am Abend des 9. Oktober vor allem Erleichterung breit - und das Gefühl, den Durchbruch geschafft zu haben. "Uns war sofort klar, dass man das so leicht nicht mehr zurückdrehen kann, ohne massiv Gewalt anzuwenden", sagt Schwabe: "Für uns war das schon ein Tag der Entscheidung." Bis zum Mauerfall vergingen noch 31 Tage.