Ikonen der Moderne

Stephanuskirche in Wolfsburg

© epd-bild/Jens Schulze

Stephanuskirche in Wolfsburg. Der finnische Architekt Alvar Aalto gilt als ein Wegbereiter der Moderne. Von weltweit sieben Kirchen nach seinen Entwürfen stehen zwei in Wolfsburg.

Ikonen der Moderne
Aalto-Kirchen in Wolfsburg sind hochrangige Baudenkmale und stellen die Eigner vor Herausforderungen
Der finnische Architekt Alvar Aalto gilt als ein Wegbereiter der Moderne. Von weltweit sieben Kirchen nach seinen Entwürfen stehen zwei in Wolfsburg.

Der Kirchraum ist hell, runde hölzerne Schirme an der Decke bilden ein prägendes Element. Vorn im Altarraum scheint das Licht seitlich auf die Stirnwand, die sich wie ein Vorhang in Falten wölbt. "Es ist, als ob starre Formen aufgelöst sind und Freiheit zu spüren ist", sagt Kirchenvorsteherin Elisabeth Stöckel. Die 1968 eingeweihten Stephanuskirche des finnischen Architekten Alvar Aalto (1898-1976) in Wolfsburg gilt als ein herausragendes Bauwerk der Internationalen Moderne in Deutschland.

Der Kirchraum der Stephanuskirche mit runden hölzernen Schirmen an der Decke.

Als Alvar Aalto in Wolfsburg tätig war, galt er neben Le Corbusier und Mies van der Rohe als eine weltweit anerkannte Symbolfigur moderner Architektur. Weltweit gibt es sieben Kirchen nach seinen Entwürfen: vier in Finnland, eine in Italien und mit Stephanus und der schon 1962 fertiggestellten Heilig-Geist-Kirche gleich zwei evangelische Kirchen in Wolfsburg. Sie stehen für den Boom, den die 1938 als Sitz des Volkswagenwerks gegründete Stadt in der Nachkriegszeit erlebte. Die Stephanuskirche sei als multifunktionales Zentrum mitten im Stadtteil Detmerode vom Geist der 68er geprägt gewesen, sagt Pastorin Anke Döding. Zugleich wird in Wolfsburg deutlich, vor welche Herausforderungen Denkmale der Nachkriegszeit die Eigentümer heute stellen.

Elisabeth Stöckel greift zum von Aalto gestalteten Türgriff aus Bronze. Sie tritt aus dem Gottesdienstraum direkt auf den Marktplatz in Detmerode. Vis-à-vis liegen eine Bäckerei und ein Drogeriemarkt. Abgesehen vom Turm aus Betonstreben und der mit strahlend weißem Carrara-Marmor verkleideten Fassade fügt sich die Kirche ins Ensemble ein. "Der Stadtteil ist zwischen 1962 und 1969 in einem Guss auf der grünen Wiese entstanden", sagt die Kirchenvorsteherin. "Junge Familien aus allen Gegenden der Republik zogen damals her."

Pastorin Döding hört noch heute von der Zeit, in der sich bis zu 250 Konfirmanden in einem Jahrgang tummelten. 8.000 Mitglieder hatte die Gemeinde damals, heute sind es noch rund 2.500. Inzwischen nutzten auch andere Träger die Kirche, etwa für Integrationskurse. "Wir haben viel Raum."

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Heiliger Beton - Kirchen im Brutalimus
Heiliger Beton. Kirchen im Brutalismus.

Die Muttergemeinde Heilig-Geist, von der sich Detmerode zu Zeiten des Wachstums abspaltete, ist inzwischen mit zwei anderen Kirchengemeinden fusioniert. Ihre ebenfalls von Aalto entworfene Kindertagesstätte stehe seit fünf Jahren leer, sagt der Leiter des zuständigen Amtes für Bau- und Kunstpflege in Celle, Stefan Kunkel. "Es gab dort Schimmelbefall." Eine Sanierung verzögere sich, weil sich Anforderungen geändert hätten und die Finanzierung nicht gesichert sei.

Die Baumaterialien der Moderne stellen die Gemeinden auch vor Herausforderungen. Für die beiden Wolfsburger Kirchen seien unter anderem die Außenfassaden mit geschlämmten, gestrichenen Ziegeln charakteristisch, sagt Kunkel. "Sie sind eingepackt in eine weiße Hülle." Die Kirchen sind ohne Dämmung gebaut. Bei einem so hochkarätigem Denkmal sei eine nachträgliche Außendämmung nicht möglich und eine energetische Sanierung extrem aufwendig.

Eine dunkle Oregon-Pine-Holzvertäfelung zeichnet sanft den Dachschwung der Kirche nach.

Die Heilig-Geist-Kirche wurde gleichzeitig mit dem Kulturzentrum in der Stadtmitte errichtet, für das Aalto 1958 den Wettbewerb gewann. So erreichte die Gemeinde eine beachtliche Kostensenkung, wie die Kirchen-Chronik vermerkt. Neben seiner Kirche im finnischen Vuoksenniska zähle sie zu den spektakulärsten Aalto-Bauten, schreibt der Kunsthistoriker Holger Brülls. "Beide Kirchen lassen erkennen, dass Aalto kein Zweckdenker war, sondern frei gestaltender Künstler."