Besondere Totenruhe

Entwurf Kolumbarium

© grube + grube architekten bda

Statt die eigentlich nicht mehr benötigte Michaelis-Kirche abreißen zu lassen, bekommt sie ein Kolumbarium. Entwurf der Architekten grube + grube.

Besondere Totenruhe
In der Bremerhavener Michaelis-Kirche entsteht ein Kolumbarium
Wenn es zu viele Kirchen gibt, überlegen sich die Gemeinden, was mit ihnen geschehen soll. So auch in Bremerhaven: Statt die eigentlich nicht mehr benötigte Michaelis-Kirche der evangelisch-lutherischen Michaelis- und Paulus-Gemeinde im Stadtteil Lehe abreißen zu lassen, bekommt sie ein Kolumbarium. Wo bislang Gläubige beteten, entstehen derzeit Einzel- und Doppelkammern für 560 Urnen. Gleichzeitig werden die Gemeinderäume nebenan umgebaut.

Anneke Ihlenfeldt lässt ihre Blicke durch den Raum der Michaelis-Kirche schweifen. Die Pastorin der evangelisch-lutherischen Michaelis- und Paulus-Gemeinde in Bremerhaven macht einen zufriedenen Eindruck. "Es geht voran", sagt sie mit Blick auf die Wand, "die Leitungen sind umgelegt worden." Auch die frühere Durchreiche in der Wand ist verschwunden – zugemauert. Ansonsten ist nur das blanke Mauerwerk zu sehen.

Mehr nach Kirche sieht es gegenüber der blanken Wand aus. Dort erhebt sich ein großer hölzerner Kubus. Er teilt den Altarraum ab. Dahinter: Ein Altar mit dem unter Denkmalschutz stehenden Fenster, das der Glaskünstler Johannes Schreiter gestaltete. Auch der Taufstein ist noch da. Zumindest die metallene Taufschüssel werde wohl aus dem Taufstein entfernt, schätzt Ihlenfeldt. Sie passe nicht zur neuen Verwendung.

Hier, mitten im Stadtteil Lehe mit allerhand sozialen Problemen, wagt die Gemeinde etwas für Bremerhaven völlig Neues: Für eine knappe halbe Million Euro entsteht in der Michaelis-Kirche ein Kolumbarium. Wo einst Menschen Gottesdienst feierten, entstehen 560 Urnenkammern. Zwei Drittel davon werden Doppel-, ein Drittel Einzelkammern. Parallel dazu lässt die Gemeinde die Gemeinderäume umbauen. Eine energetische Sanierung sowie eine anfangs nicht eingeplante Dachsanierung gehören ebenso zum Mammutprogramm, dessen Betreuung Ihlenfeldt geerbt hat. Sie ist erst seit einem knappen halben Jahr als Pastorin in die Michaelis-Paulus-Gemeinde gekommen.

Pastorin Anneke Ihlenfeld

Beeindruckt ist Ihlenfeldt noch immer von dem Projekt, dessen Ursprung bis ins Jahr 2013 zurückreicht. Hintergrund: Wie fast überall, so mussten sich auch die Bremerhavener überlegen, was sie mit ihrem sanierungsbedürftigen Gotteshaus anstellen möchten. Die Gemeinde, die zum Kirchenkreis Bremerhaven und damit zur Hannoverschen Landeskirche gehört, habe zwei Alternativen gehabt, gibt Ihlenfeldt die Geschichte wider: Abriss oder aufwändige Sanierung mit neuer Bestimmung. "Das Projekt ist aus der Not heraus geboren", resümiert sie.

Die Entwürfe für das Kolumbarium stammen von der Architektin Silke Grube. Die dreidimensionalen Bilder vermitteln einen Eindruck davon, wie es in einigen Monaten in der Michaelis-Kirche aussehen könnte: Auf einer Fläche von 163 Quadratmetern gibt es in helles Ahornholz gefasst Kammern. In die Schreine können die Urnen von oben eingelassen werden. Die Namen der Verstorbenen sind auf hochwertigen Metallplatten zu lesen. Auch integrierte Vasen für Blumen sieht der Entwurf vor. Zudem gibt es Sitzelemente zum Verharren und Beten.

Entwurf der Architekten grube + grube.

Der Kubus mit dem Altar bleibt erhalten. Er soll in das Kolumbarium integriert werden. Einerseits, so Ihlenfeldt, diene der Kubus als einer von mehreren Fixpunkten einer Sichtachse, die dem Raum die Schwere nehmen soll. Andererseits ist vorgesehen, den Altarraum auch für Trauerfeiern oder -andachten zu nutzen. Denn: Mit nur wenigen Handgriffen lässt sich der Kubus zum werdenden Kolumbarium hin öffnen. "Da entsteht ein ganz besonderer Raum", findet die Pastorin, und demonstriert, wie es geht: Zwei Hebel nach oben schieben und die beiden Flügel einfach wie ein Tor zur Seite schieben.

Bildergalerie

Kolumbarien und Urnenkirchen

St. Josef, Aachen

Foto: PR

St. Josef, Aachen

Foto: PR

St. Josef in Aachen war die erste römisch-katholische Kirche, die im Jahr 2006 als Kolumbarium umgewidmet wurde. Seit 1894 war die große neugotische Kirche religiöser Mittelpunkt für unzählige Menschen und Generationen im Ostviertel Aachens. Als man die Kirche baute, lebten in ihrem Bezirk etwa 20.000 Katholiken. Heute zählt das Viertel - zusammen mit St. Fronleichnam - etwa 6.500 katholische Christen. Die beiden Gemeinden schlossen sich im Jahr 2005 zusammen und gaben der Josefskirche die neue Bestimmung: Urnenbeisetzungskirche als Zeugnis und Stätte christlichen Glaubens an "die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt".

St. Pauli, Soest

Foto: epd/Friedrich Stark

Der erste Urnenfriedhof in einer evangelischen Kirche in Westfalen wurde 2009 eingeweiht. Das Kolumbarium besteht aus acht frei stehenden Stelen im hinteren Bereich der gotischen Kirche von etwa 1350. Die Urnenruhestätte ist durch ein hüfthohes abstraktes Glaskunstwerk mit dem Titel "Lebenslinien" räumlich vom vorderen Bereich der Kirche abgetrennt, wo künftig weiterhin wöchentliche Gemeindegottesdienste, Taufen und Trauungen stattfinden sollen.

Auferstehungskirche Heilig Kreuz, Mühlheim

Foto: PR

Die katholische Kirchengemeinde Sankt Barbara im Mülheimer Norden wurde im Zuge der Umstrukturierungen des Bistums Essen am 01.Dezember 2006 gegründet. Sie umfasst die ehemaligen Pfarreien St. Barbara, Christ König, St. Engelbert, St. Mariae Rosenkranz sowie die Kroatische Gemeinde Sc. Leopold an der Kirche St. Albertus Magnus. Die Kirche Heilig Kreuz wurde Fronleichnam 2007 außer Dienst gestellt und am 01.Februar 2009 als "Auferstehungskirche Heilig Kreuz" mit Urnenbeisetzungsstätte einer neuen Bestimmung übergeben. Zur Auferstehungskirche gehört auch ein großes pastorales Trauerzentrum.

Hl. Herz Jesu, Hannover

Foto: Kollena/kolumbarium-hannover.de

Für die Kath. Pfarrgemeinde St. Martin Hannover-Ost ist das Kolumbarium Hl. Herz Jesu das Zentrum für ihre Trauerseelsorge. Die "Himmelsleitern" mit den Urnenfächern befinden sich in den Seitenschiffen des Kolumbariums. An dünnen Stangen gehalten, streben lichtdurchlässige Hüllen aus Glas von der Erde gen Himmel. Darin befinden sich die Urnen der Verstorbenen. Durch das getrübte Glas bleibt die eingeschlossene Urne umrisshaft erkennbar, erst die Frontplatte aus klarem Glas gibt die Sicht auf die Urne frei. Dort werden auch der Name, das Geburts- und Sterbedatum des Verstorbenen eingraviert. Das Mittelschiff der Kirche bleibt der Gemeinde für Gottesdienste, Feierlichkeiten und Veranstaltungen erhalten.

Heilige Familie, Osnabrück

Foto: epd-bild / Detlef Heese

Die katholische Kirche "Heilige Familie" ist die einzige in OsnabrŸück, die als gleichzeitig als Gemeindekirche und BegräŠbnisstäŠtte füŸr Urnen dient. 1200 Urnennischen sind in die gemauerten WäŠnde rund um den Gottesdienstraum eingelassen. 2010 wurde die Rundkirche eigens dafüŸr umgestaltet. Wegen ihrer besonderen Architektur wurde sie nun schon zum zweiten Mal ausgezeichnet. Bei der Verleihung des Niedersächsischen Staatspreises für Architektur 2012 wurde die Kolumbariumskirche auf den zweiten Platz gewählt. Die Jury lobte die "gelungene Ergänzung eines Kirchenraums um eine Urnenbegräbnisstätte in Zeiten drohender Kirchenschließungen".

Allerheiligenkirche, Erfurt

Foto: Peter Weidemann

Die katholische Kirche inmitten der Altstadt wird seit einiger Zeit wieder als Begräbnisstätte genutzt. Das Domkapitel des Mariendomes, zu dessen Pfarrei die 1117 gestiftete Kirche heute gehört, hat damit eine Jahrhunderte alte Tradition belebt, von der Grabmale im Kirchenraum und an der Umfassungsmauer steinernes Zeugnis ablegen. Im Nordschiff der Kirche befindet sich nach einer mehrjährigen Sanierung ein Kolumbarium. Mit der Konzeption einer Kirche als Begräbnisstätte will das Domkapitel die Begräbniskultur fördern und aus christlicher Perspektive gestalten. Die Planungen für das Kolumbarium mussten das berücksichtigen. Die Erfurter Künstlerin Evelyn Körber gestaltete das Kolumbarium im Nordschiff als ein Feld von 15 Stelen mit insgesamt 630 Urnenfächern. Im Südschiff der Allerheiligenkirche, neben der Urnenanlage, werden auch außerhalb von Begräbnistagen Gottesdienste gefeiert.

Liebfrauenkirche, Dortmund

Foto: imago/Werner Otto

1881/83 als zweite katholische Innenstadtkirche erbaut, bestand im 21 Jahrhundert kein Bedarf mehr an zwei Kirchen in Dortmunds Innenstadt. Aber die Kirche mit dem stadtbildprägenden Turm sollte trotzdem erhalten werden. Mit der Umwidmung zur dritten Grabeskirche in Nordrhein-Westfalen - der ersten im Erzbistum Paderborn - gelang dies. Seit November 2010 finden hier rund 4000 Urnen Platz. Die Urnengräber erinnern dabei in ihrer Form an Kirchenbänke und ermöglichen es dem Besucher, sich zu den Toten zu setzen. Die Verstorbenen gehören so erkennbar zur Gemeinschaft der Lebenden dazu. Im Innenraum blieb eine "Alltagskapelle" für Trauergottesdienste oder Gedenkfeiern erhalten.

St. Matthias, Günhoven-Mönchengladbach

Foto: Dirk Classen

Im Herbst 1947 begannen die Menschen der drei Dörfer Günhoven, Voosen und Genhülsen mit dem Bau der St. Matthias Kirche. Eingeweiht wurde sie am 31. August 1952. Die Grabeskirche St. Matthias sollte nun zu einem geschützten Ort des Bleibens, Erinnerns und Gedenkens werden. Seit dem 26.01.2013 ist sie offiziell eröffnet. An diesem Tag fand die Einsegnung und Einweihung unter dem Leitgedanken "Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht" statt. Knapp 1000 Urnenplätze wurden im ersten Bauabschnitt in Grabkammern in den Seitenwänden, links und rechts neben den Stufen zum Altarraum und in 4 freistehenden Stelen errichtet.

Erscheinung Christi, Krefeld

Foto: Cornelius Schmidt

Das Kolumbarium der Krefelder alt-katholischen Kirchengemeinde "Erscheinung" Christi ist das erste, das in einer deutschen Pfarrkirche errichtet wurde. Der in einer Seitenkapelle untergebrachte Urnenfriedhof soll auch den christlichen Glauben an die Auferstehung veranschaulichen: In einer Urnenwand ist der Tabernakel zu Aufbewahrung der Abendmahlsgaben als Symbol der Gegenwart des auferstandenen Christus eingelassen. Es gibt auch ein "Buch des Lebens", in dem auf 365 Seiten alle seit Bestehen der Pfarrei verstorbenen Gemeindemitglieder an ihrem jeweiligen Todestag verzeichnet sind. Zu sehen ist hier die Tabernakelseite mit den Doppelgräbern. Da die Anlage relativ klein ist, werden hier allerdings nur Gräber an Mitglieder der Pfarrei vergeben.

Dass Ihlenfeldt das Bremerhavener Projekt betreuen darf, ist für sie nicht nur wegen des Umbaus etwas Besonderes. Für die Geistliche steht auch die Frage dahinter: "Wo bleiben wir eigentlich mit unseren Toten?" Doch die Bestattungsform sei es nicht allein. Vielmehr müssten sich die Menschen beziehungsweise Angehörigen bewusst werden, dass neben der Trauer auch die Liebe und die Wut über den Tod dazu gehörten. "Man kann insbesondere die Trauer nicht wegdrücken", findet Ihlenfeldt.

Mit dem Kolumbarium sei der Tod "mittendrin", meint Ihlenfeldt. Denn: Nebenan gibt es nach dem Umbau neue Gemeinderäume, in denen sich die Mitglieder des Seniorenkreises und der Chor der Gemeinde treffen. Doch bis es soweit ist, wird noch einige Zeit vergehen. Die Gemeinderäume sind nach Einschätzung der Pastorin Ende des Jahres fertig. Für das Kolumbarium kann sie noch keinen Zeitpunkt nennen.

Ein Kolumbarium ist ein Friedhof mit Urnenfächern oberhalb der Erde. Der Begriff kommt aus dem Lateinischen und heißt Taubenschlag. Die Römer haben die Asche ihrer Verstorbenen in Urnenkammern bestattet. Diese erinnerten in ihrer Anordnung an Taubenschläge. Das Kolumbarium ist eine Bestattungsform, die zunehmend mehr Menschen interessiert. Denn sie ermöglicht einen schönen Ort für die Trauer. Zudem muss das Grab nicht gepflegt werden. Und: Auch bei schlechtem Wetter haben die Menschen ein Dach über dem Kopf. Für eine einfache Urnenkammer berechnet die Gemeinde in Bremerhaven 2.500 Euro. Der Preis für eine Doppelkammer beträgt 4.500 Euro. Die Verstorbenen werden dort für 25 Jahre bestattet. Danach wird die Aschekapsel der Urne auf dem Geestemünder Friedhof beigesetzt.