Von den Großen lernen

RWE-Braunkohletagebau Garzweiler II

Lilith Becker

Mitglieder des Netzwerks Öffentlichkeitsarbeit besuchen während ihrer Tagung am 1. April 2019 den Braunkohletagebau Garzweiler II.

Von den Großen lernen
Auf der Tagung des Netzwerks Öffentlichkeitsarbeit 2019 lernen 120 Mitarbeiter aus der Öffentlichkeitsarbeit von Kirchen und Diakonie, wie sie in Krisen gut kommunizieren können.

Nichts komme öffentlich schlechter an, als wenn Informationen scheibchenweise (Salamitaktik) ans Licht kämen, sagt der Kommunikationsberater Dirk Metz. Er hat elf Jahre lang die hessische Landesregierung unter Roland Koch als Sprecher vertreten. Er rät: "Legen Sie die ganze Salami auf den Tisch." Und: "Nehmen Sie sich Zeit; schwierige Themen sollten Priorität haben."

Bettina Feldgen hat neben der ARD auch die Nordkirche zu Prävention vor sexualisierter Gewalt beraten. "Denken Sie nie, dass es nicht so schlimm wird. Denken Sie kritisch und seien Sie vorbereitet", rät sie den Anwesenden. Für sie ist klar, die Themen, die in der evangelischen Kirche und der Diakonie problematisch werden können, stehen längst fest. Die gute Nachricht sei deshalb: "Wenn man diese Themen beobachtet, weiß man, wann man in Gefahr gerät." Ein schleichendes Thema, das schon lange schwele, sei die Gewalt, die viele Heimkinder in Deutschland erlitten haben. Ein immer wieder aufkommendes Thema sei die sexualisierte Gewalt von Einzelnen gegenüber Schutzbefohlenen. Zudem könne man sich auf Themen wie Entwidmungen von Kirchen, Zeremonien  oder Kirchenaustritte vorbereiten.

Was alle Krisen gemeinsam haben: "Sie kündigen sich schleichend an und ploppen dann auf einmal unverhofft hoch", sagt Bettina Feldgen. Was helfe, sei, Kommunikation zu versachlichen. Sowie: "Nach vorne denken und kommunizieren, wie wir heute mit dem Thema umgehen."

Zudem raten Feldgen wie auch Dirk Metz: "Geben Sie Fehler zu." Dirk Metz hatte sich beispielsweise als Kommunikationsberater des katholischen Bischofs Tebartz-van Eltz auf verlorenem Posten befunden und sich vorzeitig aus der Beratung zurückgezogen: "Tebartz-van Eltz wollte seine Fehler nicht zugeben, weil er sagte: Ein Bischof dürfe keine Fehler machen." Beratungsresistente Menschen gebe es immer wieder. Weshalb er den Anwesenden empfahl: "Schauen Sie sich rechtzeitig nach Menschen um, die nach Außen kommunizieren können und sensibel genug sind, ein Problem zu erfassen." Zudem riet Feldgen: "Verschaffen Sie sich auch selbst ein gutes Standing innerhalb ihrer Einrichtung, damit auch ihre Meinung gehört wird." Beide Berater empfahlen zudem regelmäßige Medientrainings, auch für Chefs. "Einige denken vielleicht, sie könnten das auch einfach so", sagte Feldgen und ermunterte: "Üben Sie mit Ihren ChefInnen, denn letztlich müssen diese auch den Kopf hinhalten, wenn eine Krise eskaliert."

Mitglieder des Netzwerks Öffentlichkeitsarbeit besuchen während ihrer Tagung 2019 den Braunkohletagebau Garzweiler II. Im Hintergrund der kleinste RWE-Schaufelradbagger zum Abbau der Braunkohle, mit der Nummer 271.

Bei persönlichem Fehlverhalten von Arbeitnehmern sei es besonders wichtig, dass interne Umfeld miteinzubeziehen und Regeln für die Kommunikation aufzustellen. Zudem gelte auch sich Zeit zu nehmen, gerade, wenn man sich selbst einen Überblick verschaffen müsse. "Wenn es um Kriminalität geht, können Sie gegenüber der Presse zudem immer auf die ermittelnden Behörden verweisen und sollten sich mit Auskünften zurückhalten", sagte Bettina Feldgen. Vorschnelle Antworten gegenüber der Presse zu geben sei genauso schlecht, wie "kein Kommentar" zu sagen.

RWE-Pressesprecher Guido Steffen, der auch als Presbyter die Fusion mehrerer Gemeinden seines Dekanats in Köln vertritt, brachte noch einen weiteren Aspekt mit ein: "Wichtig sind die Bilder, die Sie erzeugen können", sagte er. Im Falle des Hambacher Forsts habe er als Pressesprecher irgendwann verstanden, wie stark emotional die Deutschen mit ihrem Wald verbunden seien. "Diese Krise wurde über starke Bilder gegen RWE entschieden, auch mithilfe der Sozialen Medien", sagte er.

Im Anschluss an die drei Referate von Metz, Feldgen und Steffen brachen drei Busse mit den Teilnehmenden der Tagung in Richtung Braunkohletagebau Garzweiler II auf. Bis 2038 hat RWE eine Abbaugenehmigung für Braunkohle in Deutschland. Danach ist Schluss. Was aus dem Hambacher Forst wird, ist erstmal nicht klar. Dort werde bis Ende 2020 sicherlich kein Wald gerodet, sagte Guido Steffen. Diese kommunikative Schlacht habe der RWE erstmal verloren. Sie hat Steffen und den Stab aus 50 Mitarbeitern in der Öffentlichkeitsarbeit des RWE viel Kraft gekostet. Woran er sich halte, um manche Tage gut zu überstehen, verrät Steffen den Teilnehmenden der Tagung des Netzwerks Öffentlichkeitsarbeit am Ende auch noch. Es ist ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer:

"Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen."