evangelisch.de: Frau Geidel, was hat Sie persönlich motiviert, sich mit christlich-fundamentalistischen und rechtspopulistischen Influencer:innen im Netz zu beschäftigen?
Madlen Geidel: Welche Diskurse muss eine demokratische Gesellschaft aushalten und wo verlaufen Grenzen, etwa im Hinblick auf Ausgrenzung, Polarisierung oder die Infragestellung demokratischer Grundwerte? Das sind zentrale Fragen, die mich persönlich umtreiben. Und als Medienethikerin frage ich mich, wie gesellschaftliche Konflikte und Reibungspunkte in digitalen Öffentlichkeiten verhandelt werden. Auf Social-Media-Plattformen lassen sich zunehmend Verflechtungen zwischen christlich-fundamentalistischen Positionen und rechtspopulistischen Diskursen beobachten, die neue Fragen nach öffentlicher Kommunikation, religiöser Autorität und politischer Meinungsbildung aufwerfen.
Auffällig ist dabei, dass sich diese Auseinandersetzungen häufig an sexualethischen Themen entzünden, etwa an Fragen über sexuelle Orientierungen, Geschlechterrollen, Familienbilder oder Diversität, die im digitalen Raum besonders konfliktträchtig verhandelt werden. Mir persönlich erscheint dieses Themenfeld als besonders relevant, da wir es mit einem dynamisch wachsenden und bislang noch nicht umfassend erforschten Phänomen zu tun haben.
Sie analysieren konkret Influencer:innen wie Ketzer der Neuzeit, liebezurbibel oder Jana Highholder. Was eint diese Akteur:innen trotz unterschiedlicher Stile?
Madlen Geidel: Trotz unterschiedlicher inhaltlicher Ausrichtungen und ästhetischer Stile eint diese Akteur:innen eine Reihe struktureller Gemeinsamkeiten. Alle betreiben ihre Social-Media-Präsenzen professionell und verdienen zumindest teilweise ihren Lebensunterhalt mit diesen Inhalten. Somit sind sie in die sogenannte Plattformökonomie sozialer Medien eingebunden, die nicht nur Reichweite und Sichtbarkeit der Influencer:innen, sondern auch inhaltliche Entscheidungen beeinflusst.
Plattformökonomie meint in diesem Zusammenhang, dass Inhalte vor allem dann gut funktionieren, wenn sie den algorithmischen Logiken der jeweiligen Plattform, wie beispielsweise Instagram, entsprechen. Konkret bedeutet das: Kurze und emotional zugespitzte Videos zu kontroversen Themen wie Sexualität oder Gender werden häufiger angezeigt als differenzierte und längere Erklär-Formate.
Unabhängig von individuellen Positionierungen unterliegen Akteur:innen diesen Logiken der Aufmerksamkeitsökonomie. Um sichtbar zu bleiben, müssen sie ihr Publikum kontinuierlich an sich binden, denn Aufmerksamkeit ist in den sozialen Medien ein knappes Gut. Dabei kann Aufmerksamkeit nicht nur durch Bindung eines bestehenden Publikums entstehen, sondern auch durch die bewusste oder unbewusste Provokation bestimmter Teilöffentlichkeiten, da Empörung und Konflikt in digitalen Öffentlichkeiten eine erhöhte Reichweite begünstigen.
Entsprechend nutzen die Influencer:innen ähnliche Kommunikationsstrategien wie Personalisierung, Emotionalisierung und regelmäßige Interaktionen mit ihrer Followerschaft und interessierten Nutzer:innen. Und diese Mechanismen greifen besonders gut bei Themen mit hoher emotionaler Anschlussfähigkeit. Und dazu zählen eben häufig sexualethische Fragestellungen. In diesem Sinne lässt sich festhalten, dass die jeweiligen Plattformlogiken bestimmte Inhalte begünstigen.
Welche wiederkehrenden Argumentationsmuster oder Erzählungen sind Ihnen besonders aufgefallen?
Madlen Geidel: Auffällig ist zunächst ein stark personalisiertes Erzählen, bei dem individuelle Erfahrungen als zentrale Deutungsressource fungieren. Das Präsentieren des eigenen Erlebens kann von den Nutzer:innen als besonders authentisch wahrgenommen werden. Dies zeigt sich etwa bei christlichen Influencer:innen, die ihre alltäglichen Routinen filmen – wie das morgendliche Schminken oder die Kleiderwahl vor dem Kleiderschrank – und in kurzen Videos auf Social-Media-Plattformen inszenieren.
Diese Situationen werden genutzt, um über Fragen von Partnerschaft, Sexualität oder Glaubenspraxis zu sprechen. Dabei wird geschildert, wie beispielsweise das Bibellesen in den eigenen Alltag integriert wird und wie religiöse Überzeugungen konkrete Entscheidungen beeinflussen, etwa in Beziehungsfragen. Diese persönlichen Erfahrungen erscheinen nicht nur als individuelle Berichte, sondern werden implizit als glaubwürdige Orientierung für andere aufgewertet.
Sarah Neder ist Redakteurin bei evangelisch.de und arbeitet daneben als freie Journalistin und Autorin. Nach Stationen bei der FAZ und der Offenbach-Post zog sie nach Manchester, wo sie unter anderem für den Tagesspiegel und den Dumont-Reiseverlag schreibt. Seit November 2020 gehört sie zum evangelisch.de-Team.
Ein weiteres wiederkehrendes Muster ist die Reduktion komplexer gesellschaftlicher oder theologischer Fragestellungen auf vermeintlich klare und dadurch stark anschlussfähige Deutungen. Dies zeigt sich besonders in Debatten zu sexualethischen Themen, etwa wenn Fragen nach sexuellen Identitäten oder pluralen Familienmodellen stark vereinfacht und moralisch zugespitzt werden. Exemplarisch lässt sich dies in den bereits erwähnten kurzen Video-Formaten beobachten, in denen christliche Influencer:innen während alltäglicher Routinen pointierte Aussagen formulieren, etwa das wahre und gute Partnerschaft ausschließlich innerhalb einer klar definierten, heterosexuellen Ehe zu verorten sei und alternative Lebensformen implizit oder explizit als Irrweg markiert werden.
Darüber hinaus lassen sich häufig Erzählmuster beobachten, in denen deutlich zwischen "wir" und "die anderen" unterschieden wird. Zugehörigkeit wird dabei klar markiert, ebenso wie Abgrenzung gegenüber abweichenden Positionen oder Lebensweisen. Ob über Glauben, Partnerschaft oder Alltagsfragen gesprochen wird, die zugrunde liegende Kommunikationsstrategie bleiben ähnlich. Nähe zur eigenen Gruppe herzustellen und Distanz zu anderen zu erzeugen, scheint hier entscheidend zu sein.
"Ein zentraler Faktor ist die starke Personalisierung religiöser Kommunikation"
In Ihren Analysen spielen Selbstinszenierung und Community-Bildung eine zentrale Rolle. Was macht diese digitalen Gemeinschaften für viele Menschen so attraktiv?
Madlen Geidel: Die Forschung liefert hierzu verschiedene Erklärungsansätze ohne die Attraktivität digitaler Gemeinschaften abschließend erklären zu können. Ein zentraler Faktor ist die starke Personalisierung religiöser Kommunikation. Glaubensinhalte werden über konkrete Personen und deren Alltagspraktiken vermittelt, was Identifikationsangebote schafft. So wie ich es bereits am Beispiel der christlichen Influencer:innen beschrieben habe, die ihre Zuschauer:innen an ihrem Alltag teilhaben lassen.
Durch den gelebten Glauben, der in den sozialen Medien sichtbar gemacht wird, können viele Influencer:innen zum Vorbild erhoben werden. Gerade bei Fragen rund um Geschlechterrollen, Partnerschaft und unterschiedliche Lebensentwürfe bieten solche Akteur:innen scheinbar klare Orientierung in gesellschaftlichen Debatten, die von vielen als komplex oder unübersichtlich wahrgenommen werden.
Zudem können Angebote digitaler Gemeinschaften durch den einfachen Zugang über das eigene Smartphone besonders niedrigschwellig, flexibel und emotional anschlussfähig sein.
Welche Risiken entstehen für das öffentliche Bild des Christentums, wenn solche Deutungen weitgehend unwidersprochen im digitalen Raum zirkulieren?
Madlen Geidel: Zunächst würde ich die Annahme eines Ausbleibens von Widerspruch gerne infrage stellen. Es ist durchaus zu beobachten, dass viele Akteur:innen diesen Deutungen auf Social Media aktiv widersprechen. Und provokative Akteur:innen profitieren häufig gerade von dieser Gegenrede und der dadurch entstehenden Aufmerksamkeit.
Entscheidend ist viel mehr, welche Formen von Widerspruch unter den Bedingungen digitaler Plattformlogiken überhaupt sichtbar werden. Wenn bestimmte Deutungen des Christentums über längere Zeit dominant auf Social-Media-Plattformen präsent sind, können sie – insbesondere für Außenstehende – prägend dafür werden, was als "christlich" wahrgenommen wird. Dies betrifft häufig sexualethische Deutungen, die stark vereinfacht oder politisch gerahmt sind, während die christliche Vielfalt zu diesen Fragen weniger sichtbar bleibt.
Zudem können individualisierte und persönliche Positionen von Influencer:innen stellvertretend für das Christentum insgesamt gelesen werden.
Kommunikationsstrategien wie Polarisierung oder moralische Zuspitzung können dazu beitragen, dass Christentum im öffentlichen Diskurs primär als konfliktträchtige Kategorie erscheint.
"Wenn von "christlich" gesprochen wird, ist damit kein einheitliches oder klar abgrenzbares Verständnis gemeint, sondern ein vielschichtiges Feld religiöser Überzeugungen, Traditionen und Praktiken, das sich historisch und konfessionell unterschiedlich ausprägt"
Sie sprechen von einem Spannungsfeld zwischen Glaubensvermittlung, Populärkultur und rechtsextremen Inhalten. Welche Verantwortung tragen kirchliche Institutionen, wenn solche Inhalte öffentlich als "christlich" wahrgenommen werden, auch von Außenstehenden?
Madlen Geidel: Es ist zunächst wichtig, die verwendeten Begriffe sorgfältig zu klären. Wenn von "christlich" gesprochen wird, ist damit kein einheitliches oder klar abgrenzbares Verständnis gemeint, sondern ein vielschichtiges Feld religiöser Überzeugungen, Traditionen und Praktiken, das sich historisch und konfessionell unterschiedlich ausprägt. Der Begriff Christentum verweist somit auf eine innere Pluralität, die auch in öffentlichen Diskursen berücksichtigt werden muss. Unter Rechtspopulismus wird in der Forschung in der Regel eine politische Kommunikations- und Mobilisierungsstrategie verstanden, die gesellschaftliche Komplexität stark vereinfacht, mit Gegenüberstellungen arbeitet und bestimmte Gruppen als "Andere" markiert. Rechtsextremismus bezeichnet darüber hinaus Positionen, die grundlegende demokratische Prinzipien wie Gleichwertigkeit, Pluralismus und Menschenwürde infrage stellen oder ablehnen.
Vor diesem Hintergrund kann die Aufgabe kirchlicher Institutionen weniger darin bestehen, Entwicklungen zu steuern, sondern vielmehr darin, öffentlich einzuordnen und Orientierung anzubieten. Das gilt besonders dort, wo christliche Bezüge mit Fragen der Sexualethik oder mit gesellschaftspolitischen Abgrenzungen verbunden werden. Dabei kann eine transparente Haltung bedeutsam sein, die erklärt, wie Positionen zustande kommen und das ohne Anspruch auf Deutungshoheit.
Wie sollten Kirchen Ihrer Einschätzung nach reagieren, wenn sich Influencer:innen explizit auf das Christentum berufen, dabei aber Narrative verbreiten, die demokratische Grundwerte infrage stellen oder untergraben?
Madlen Geidel: Aus medienethischer Perspektive kann es sinnvoll sein, weniger einzelne Personen als vielmehr die zugrunde liegenden Argumentations- und Kommunikationsstrategien sichtbar zu machen. Viele dieser Muster – etwa Vereinfachung, Moralisierung oder Wir-gegen-sie-Erzählungen – treten besonders häufig in Debatten zu sexualethischen Themen auf, sind aber nicht auf religiöse Inhalte beschränkt.
Das Offenlegen solcher Mechanismen kann helfen, alternative Deutungsangebote aufzuzeigen und die innere Pluralität des Christentums sichtbar zu machen.
Ein Ziel könnte demnach weniger eine eindeutige Grenzziehung als die Förderung von Differenzierung und öffentlicher Orientierung sein.
Sehen Sie in der Auseinandersetzung mit diesen Akteur:innen eher die Notwendigkeit von klarer Abgrenzung, von Dialog oder von eigener stärkerer digitaler Präsenz der Kirchen? Oder braucht es etwas ganz anderes?
Madlen Geidel: Digitale Öffentlichkeiten sind komplex und vielschichtig, einfache Gegenüberstellungen greifen hier zu kurz. Je nach Kontext und Reichweite einzelner Akteur:innen können Abgrenzung, dialogische Auseinandersetzung oder eine eigene digitale Präsenz sinnvoll sein.
Gerade bei emotional aufgeladenen Themen erscheint es aus medienethischer Perspektive wichtig, nicht vorschnell zu moralisieren, sondern eine kontextabhängige und reflektierte Kommunikation zu verfolgen. Es geht weniger um ein Entweder-oder als um ein situationssensibles Zusammenspiel verschiedener Formen öffentlicher Kommunikation.
"Problematisch wird es dort, wo sich Deutungsmuster verfestigen, die Pluralismus, Gleichwertigkeit oder legitime Differenz unterlaufen"
Mit Blick auf die Demokratie: Inwiefern stellen diese Influencer:innen und ihre Communities eine Gefahr für eine pluralistische, demokratische Öffentlichkeit dar?
Madlen Geidel: Zunächst ist festzuhalten, dass diese Influencer:innen sowie ihre Communities Teil der pluralistischen und demokratischen Öffentlichkeit sind. Digitale Öffentlichkeiten leben von Vielfalt, Widerspruch und konkurrierenden Deutungen.
Problematisch wird es dort, wo sich Deutungsmuster verfestigen, die Pluralismus, Gleichwertigkeit oder legitime Differenz unterlaufen. Dies zeigt sich häufig in moralisch stark aufgeladenen Debatten, etwa zu Gender oder sexueller Vielfalt. Plattformlogiken begünstigen Polarisierung und können abgeschlossene Kommunikationsräume stabilisieren.
Eine Gefährdung demokratischer Öffentlichkeit entsteht nicht automatisch, sondern dort, wo Ausschluss normalisiert und Debatten systematisch verengt werden.
Was könnten Kirchen, theologische Ausbildung und kirchliche Medien konkret lernen aus Ihrer Forschung, um glaubwürdig, demokratiefördernd und zugleich anschlussfähig im digitalen Raum präsent zu sein?
Madlen Geidel: Digitale Öffentlichkeiten sind durch spezifische Aufmerksamkeitslogiken geprägt, in denen Zuspitzung und Personalisierung zentrale Funktionen übernehmen. Besonders wirksam sind dabei Themen, die moralische oder identitätsbezogene Fragen berühren und dadurch eine erhöhte Resonanz erzeugen. Die in solchen Kontexten erfolgreichen Kommunikationsstrategien folgen häufig ähnlichen Mustern, um Wiedererkennung und emotionale Anschlussfähigkeit herzustellen. Diese Mechanismen sichtbar zu machen, ohne sie vorschnell zu bewerten oder unreflektiert zu übernehmen, ist ein wichtiger Schritt.
"Allein das Wissen darum, dass bestimmte Akteur:innen existieren, wie sie agieren und wie digitale Plattformen Inhalte zuspitzen oder verstärken können, erweist sich für die spätere berufliche Praxis als sehr hilfreich, vor allem für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen"
Genau daran knüpft auch meine Lehrtätigkeit im Masterstudiengang "Medien – Ethik – Religion" an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg an. In meinen Seminaren, die auch von Studierenden der Theologie besucht werden, die das Pfarr- oder Lehramt zum Ziel haben, arbeiten wir daran, solche Kommunikationsstrategien zu erkennen und einzuordnen. In einem Wechselspiel aus theoretischen Zugängen und praktischer Analyse werden Akteur:innen, ihre Strategien und die jeweiligen Plattformlogiken gemeinsam untersucht und diskutiert.
Allein das Wissen darum, dass bestimmte Akteur:innen existieren, wie sie agieren und wie digitale Plattformen Inhalte zuspitzen oder verstärken können, erweist sich für die spätere berufliche Praxis als sehr hilfreich, vor allem für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Glaubwürdigkeit kann meines Erachtens nach dort entstehen, wo Transparenz und die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten auszuhalten, sichtbar werden.
Eine anschlussfähige kirchliche Präsenz im digitalen Raum kann davon leben, Komplexität nicht zu reduzieren, sondern diskursfähig zu machen – gerade in Kontexten, in denen einfache Antworten besonders attraktiv erscheinen.


