Zwischen Gottesfurcht und Fleischeslust

Original schwäbische Maultaschen

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Maultaschen gelten als traditionelles Fastengericht. Wer die gefüllte Nudelteigtasche erfunden hat, liegt ebenso im Verborgenen wie das in der Füllung versteckte Fleisch.

Zwischen Gottesfurcht und Fleischeslust
Maultaschen gelten als traditionelles Fastengericht. Wer die gefüllte Nudelteigtasche erfunden hat, liegt ebenso im Verborgenen wie das in der Füllung versteckte Fleisch. Die sdchwäbische Leibspeise wird traditionell gleich an allen drei Tagen vor Ostern serviert - in der Brühe, geschmälzt und gebraten.
31.03.2019
Von Christine Süß-Demuth
epd

Die Maultasche soll während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) erfunden worden sein: Eines Tages, so die Legende, fiel dem Maulbronner Laienbruder Jakob auf dem Heimweg vom Reisigsammeln der Sack eine flüchtenden Diebs vor die Füße. Darin entdeckte er ein schönes Stück Fleisch. Weil Fastenzeit war und die Mönche des Zisterzienserklosters kein Fleisch essen durften, hackte er es klein und mischte es unter das Gemüse des Gründonnerstagsmahls. Doch ihn packte das schlechte Gewissen und so wickelte der Laienmönch die Fleisch-Gemüse-Mischung kurzerhand in kleine Taschen aus Nudelteig. "So konnte er das Fleisch vor den Augen Gottes und seiner Mitbrüder verbergen - und servierte das herzhafte Mahl als Fastenspeise", heißt es dazu auf der Internetseite des Klosters Maulbronn, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Im Volksmund werden die rechteckigen, rund 100 Gramm schweren Nudeltaschen auch "Herrgottsb'scheißerle" genannt.

Inzwischen sind die Maultaschen neben den Spätzle schon lange ein Synonym für die schwäbische Küche. Das einstige Reste-Essen und Fastengericht hat sich auch in der Spitzengastronomie seinen Platz gesichert und wird ganz selbstverständlich bei offiziellen Empfängen auch außerhalb von Baden-Württemberg und Bayern gereicht. Sogar ins Weltall sind die Teigtaschen schon geflogen: Das schwäbische "Bonus Food" wurde 2018 auf Wunsch des Künzelsauer Astronauten Alexander Gerst auf die internationale Raumstation ISS geliefert. Einen anderen Weltrekord schaffte ein Team aus dem württembergischen Herrenberg: Mit einer 1.642-Meter-Maultasche gelang ihnen 2004 der Eintrag ins Guinness-Buch.

Keine "Raubkopie" der Ravioli

Das Wort Maultasche war lange vor allem bekannt als ein Schlag aufs Maul, also ins Gesicht. Das Wörterbuch der Brüder Grimm (1851) listet aber auch eine weitere Bedeutung auf: In Schlesien "ein Gebäck" und in Schwaben eine "gefüllte Nudel".

Maultaschen gibt es weltweit seit Jahrhunderten in Varianten wie "Wan Tan" und "Piroggen".

Auch wenn es für die Klostergeschichte des Maulbronner Bruders Jakob keine schriftlichen Belege gibt - die Schwaben sind stolz auf ihre Spezialität. Und weisen empört Theorien zurück, wonach die Maultasche lediglich eine Art Raubkopie italienischer Ravioli sei, die die österreichische Gräfin Margarete von Tirol-Görz im 14. Jahrhundert im Ländle bekanntmachte. Diese Gräfin trug den Beinamen Maultasch. Möglicherweise - auch das ist nicht belegt - wurde das Gericht auch aus China oder Russland importiert: Hier essen die Menschen ebenfalls seit Jahrhunderten gefüllte Nudeltaschen, "Wan Tan" und "Piroggen".

Bildergalerie

Essen für die Götter und die Bedürftigen

Menschen in Mexiko sitzen fröhlich zusammen und feiern

© Naftali Hilger/laif

Menschen in Mexiko sitzen fröhlich zusammen und feiern

© Naftali Hilger/laif

Mexikanische Feier zum "Tag der Toten" in Oaxaca auf dem Old Xoxocatlan-Friedhof. Zwischen dem 31. Oktober und dem 2. November feiern die Menschen in Mexico die Ernte des Jahres und versammeln sich mit ihren Freunden und ihrer Familie. Sie kommen aber nicht nur zusammen, um zu tanzen und essen - gemeinsam erinnert man sich auch an die bereits verstorbenen Freunde und Verwandten und betet für sie. Die Menschen hoffen, auf diese Weise die spirituelle Reise der Verstorbenen zu unterstützen.

Junger indonesischer Mann hält Gemüse in den Händen

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Der 24-jährige Giarih gehört zu den Tengern in Ostjava. Das Volk wohnt schwerpunktmäßig um den Gunung Bromo, einen der aktivsten Vulkane Indonesiens. Einmal jährlich im Sommer feiern die Tenger das "Kasada Ritual". Dabei machen sie eine Reise zum Berg Bromo und opfern Reis, Früchte, Gemüse und Blumen. Diese Gaben werden in den Vulkankrater geworfen.

Ein paar Menschen halten draußen ein Picknick ab, an dem Grab ihrer Vorfahren

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Am 6. Mai begehen die Setukesen das Ritual von Sankt Georg: Sie feiern, indem sie auf dem Grab ihrer verstorbenen Verwandten ein Picknick veranstalten. Die Setukesen, auch Setus genannt, sind eine ethnische Minderheit im Grenzland zwischen Russland und Estland. Manche Wissenschaftler ordnen sie als einen Volksstamm der Esten ein. Allerdings sind die Setus, im Gegensatz zu den traditionell lutherischen Esten, überwiegend orthodoxen Glaubens.

Festlich gedeckter und geschmückter Tisch mit vielen Blumen und Broten.

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Giurdignano ist ein kleines Örtchen in der Region Apulien, Italien. Hier gibt es die Tradition der "Tische für den Heiligen Joseph". Bei diesem Brauch öffnen viele Familien des Dorfes ihre Türen und lassen fremde Menschen in ihr Wohnzimmer kommen. Dort sind dann reich geschmückte Tische mit verschiedenem Essen und auch Getränken aufgebaut. Die Familien tun das zu Ehren des Heiligen Joseph - denn sie glauben, dass unter ihrem Dach jemand lebt, der dessen Gnade erfahren hat. Josef von Nazareth war in der biblischen Überlieferung als Bauhandwerker tätig und gilt so traditionell als Patron der Arbeiter, insbesondere der Zimmerleute und Holzfäller, aber auch als Schutzpatron der Jungfrauen und der Eheleute.

Ein Tisch voller Gaben für den Erntedank.

© epd-bild / Steffen Giersch

Zum Erntedankfest ist in der Weinbergkirche in Pillnitz (Sachsen) eine Tafel mit Blumen, Wein, Obst und Gemüse aufgebaut. Christen feiern jährlich im Herbst das Fest nach der Ernte, um Gott für die Gaben zu danken.

Kunstvolle Dekoration aus Gemüse und Blättern

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Hausschmuck aus Gemüse in Lucban, Philippinen, in der Provinz Quezon. Hier findet jährlich das "San Isidro Pahiyas Festival" zu Ehren des Heiligen Isidors, dem Schutzpatron der Bauern, statt. Das farbenfrohe Sommerfestival lockt viele Touristen an. Unter den Stadtbewohnern von Lucban gibt es jedes Jahr einen Wettbewerb darum, wer sein Haus am schönsten geschmückt hat.

Ein Gedeck voller Obst und Köstlichkeiten vor Steinhügeln

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Schamanischer Tempel am Berg Jirisan in der Provinz Jeollanam-do in Südkorea. Hier sind Opfergaben und Steinhaufen zur Besänftigung der Berggeister aufgebaut. Schamanismus als religiöses Phänomen in dieser Ausprägung ist besonders in Zentralasien, Sibirien und Korea verbreitet.

Eine lange Tafel mit Menschen, die draußen essen

© epd-bild/Rolf Zöllner

In Berlin nahmen am 16.06.2018, dem "Tag der offenen Gesellschaft", etwa 100 Menschen an einer langen Tafel auf dem Tempelhofer Feld Platz. Einen Tag vor dem 65. Jahrestag des DDR-Volksaufstandes demonstrierten auf diese Weise bundesweit Bürger mit gastlichen Tafeln unter freiem Himmel für Weltoffenheit und demokratische Werte. Aufgerufen zu der Aktion "Tag der offenen Gesellschaft" hatten die Initiative "Die Offene Gesellschaft" und die "Diakonie Deutschland". Die Initiatoren betonten, der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 stehe für den Einsatz für Demokratie, Freiheit und Einheit.

Plastikkisten voller gesammelter Gaben an Obst und Gemüse

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Für viele Menschen ist es ein wiederkehrendes Ritual, sich ihre Lebensmittel bei einer Ausgabestelle der örtlichen Tafel abzuholen. Hier sind von Supermärkten gespendete Lebensmittel für die Frankfurter Tafel im Auguste-Oberwinter-Haus in Frankfurt-Rödelheim zu sehen. Bedürftige können dort gegen Vorlage eines Nachweises Lebensmittel bekommen.

In einer Kirche werden Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben

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Die Lebensmittelausgabestelle von "Laib und Seele" der Evangelischen Segensgemeinde in Berlin-Reinickendorf. Bei den Tafeln in Deutschland reihten sich in den vergangenen Jahren auch immer mehr Flüchtlinge in die Schlangen der Bedürftigen ein. Das Essen, das Asylbewerber aus den Flüchtlingsunterkünften kennen, hat wenig mit den Gerichten zu tun, die sie in ihrer Heimat geschätzt haben. So kann durch das Selbstkochen von Bekanntem die eigene Kultur zumindest im Kochtopf bewahrt werden - und mag das Heimweh ein wenig lindern.

Ein Picknick mit vielen verschiedenen Speisen und Getränken auf einer Wiese ausklinken

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Fastenbrechen der Gruppe "Antikapitalistische Muslime" in Istanbul. Jeden Abend kommt diese Gruppe kurz vor Sonnenuntergang in einem anderen Stadtviertel im Park zusammen. Fatma Kurcan Dogan, Sprecherin der Bewegung, sieht darin eine Erinnerung an Abraham - den Stammvater von Juden, Christen und Muslimen. Dieser, so sagt die junge Frau, habe nicht gerne alleine bei Tisch gesessen. Allah habe ihn gelehrt, dass auch Anders- oder Ungläubige an seiner Tafel willkommen sein sollen. Die Gruppe will eine Brücke zwischen den verschiedenen Religionen bauen und fordert mehr Toleranz.

Eine Schale voller Erdbeeren

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Diese Erdbeeren wurden von der "Schweizer Tafel" verteilt. Sie gibt einwandfreie und überschüssige Nahrung an bedürftige Menschen weiter, die damit ihre Mahlzeiten zubereiten können. Kochen ist ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Kultur. Für Viele fühlt sich die Zubereitung des eigenen Essens wie ein tägliches Ritual an, das den Tag strukturiert und Eigenständigkeit garantiert. Das kann besonders für Menschen in einer finanziellen Krise wichtig sein.

Ein kunstvoll aussehender Wand behangen mit ägyptischen Motiven zum Thema Opferritual

© akg-images / De Agostini Picture

Wandmalerei aus dem Grab der Nefertari (Luxor, Tal der Königinnen). Lebensmittel-Opfer gab es bereits im Alten Ägypten. Es gibt davon eine Vielzahl bildlicher Darstellungen an Tempelwänden. Noch heute sind die gemalten Opfertische gut zu erkennen. Geflügel, Obst, Fleisch, Fisch, Gemüse, Brot, Jagdbeute sind häufig als darauf liegende Gaben abgebildet - als besonders wertvolles Opfer manchmal auch das Vorderbein eines Rindes.

Für den schwäbischen Autor Thaddäus Troll (1914-1980) schwimmt die perfekte Maultasche blass und aufgedunsen "wie eine Wasserleiche" in der Fleischbrühe: "In einem unliebenswürdigen Gewand verbirgt sich ein delikater Kern: wahrlich ein Symbol für meine Landsleute selbst." Seit 2009 ist sie als regionale Spezialität von der EU geschützt. Ein genaues Rezept - etwa aus Klosterzeiten - gibt es nicht, aber zahllose Varianten der gefüllten Nudeln. Experten wie der Exil-Schwabe und Maultaschen-Blogger Volker Klenk schwören auf die klassischen Zutaten wie Fleisch, Spinat, Brot, Zwiebel, Gewürze und Petersilie.

Zutaten für die original schwäbischen Maultaschen.

Mittlerweile lebt Klenk in der hessischen Diaspora. Es war die Sehnsucht nach dem Kindheitsgericht, die ihn bewegte, ein Maultaschen-Manifest über die Königin der schwäbischen Küche zu formulieren. Um die "komplexe, handgewickelte Spezialität" entsprechend zu würdigen, hat er für Gründonnerstag (18. April) gar den ersten "Weltmaultaschentag" ausgerufen, erzählt der Kommunikationswissenschaftler der Universität Mainz im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Das schwäbische Leibgericht wird traditionell nicht nur am Gründonnerstag serviert, sondern an allen drei Tagen vor Ostern: am Gründonnerstag in der Fleischbrühe, am Karfreitag mit geschmälzten Zwiebeln und Kartoffelsalat und am Karsamstag werden Maultaschen-Streifen in Butter gebraten, erklärt Klenk. Und genauso wie gläubige Hindus einmal im Leben zum Ufer des Ganges pilgerten, Katholiken nach Lourdes und Muslime nach Mekka, sollte ein Maultaschenfan "einmal im Leben den Maultaschen-Wallfahrtsort Maulbronn besuchen", ergänzt er mit einem Schmunzeln.

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