Ein Stein der Hoffnung gegen die Verzweiflung

Die Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart

© epd-bild/Gerhard Bäuerle

Die Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart wurde völlig umgebaut.

Ein Stein der Hoffnung gegen die Verzweiflung
Am 11. März 2009 tötete der 17-jährige Tim K. an der Albertville-Realschule Winnenden 15 Menschen und sich selbst. Ein Jahrzehnt nach dem Amoklauf lernen die Schüler am ehemaligen Tatort neben Mathe und Englisch auch ein gutes und soziales Miteinander.

Ein Schulgong ertönt: Große Pause in der Albertville-Realschule in Winnenden. Sonnenstrahlen durchfluten die Aula im überdachten Innenhof, in dem es vor Schülerinnen und Schülern nur so wuselt. Einige Mädchen mit schwarzen, langen Haaren sitzen kichernd an einem Tisch. Zehn Jahre nach dem Amoklauf sieht die Schule von innen und außen dank eines rund sechs Millionen Euro teuren Umbaus völlig anders aus als auf den Bildern, die am 11. März 2009 durch die Medien gingen. Damals erschoss der 17-jährige Tim K. dort und auf seiner Flucht 15 Menschen und sich selbst.

Die Schule wirkt auf den ersten Blick wie jede andere - und doch zeigen Räume und Projekte, dass sie eine besondere bleibt. Der katholische Religionslehrer Heinz Rupp sitzt im "Raum der Stille" der Ökumenischen Schulgemeinschaft (ÖSG), die er nach dem Amoklauf mit ins Leben gerufen hat.

Die beiden Schüler Levis und Moritz im Raum der Stille und Seelsorge.

Direkt nach der Tat sei es in der ÖSG vor allem darum gegangen, das Schreckliche zu verarbeiten, durch Feiern in der Kirche oder Klosterwochenenden. "Da hat man schon gemerkt, dass die Schüler wieder Kraft und Trost bekommen und auch vom christlichen Glauben getragen sind", erinnert sich Rupp.

Soziale Werte und der Umgang mit Aggression werden gelehrt

Was als Ort der Trauerarbeit, als Schicksalsgemeinschaft begann, habe sich nun zu einer Sinngemeinschaft entwickelt, erklärt er. In Projekten der ÖSG wie der Zusammenarbeit mit einem Seniorenheim oder den Einsatz für eine Suppenküche in Namibia würden soziale Werte vermittelt. Diese Projekte hätten mit dafür gesorgt, dass die Schule als "Weltethosschule" ausgezeichnet wurde. Aber auch Angebote wie der "Raufclub", bei dem Schüler beim Fechten und Boxen lernen, kontrolliert mit Gewalt und Aggression umzugehen, tragen zu einer guten Schulgemeinschaft bei.

Seit dem Umbau der Schule besitzt jedes Klassenzimmer kugelsichere Türen, die mit einem Schließsystem zentral verschließbar und nicht von außen zu öffnen sind. Jeder Raum hat einen Knopf für einen Amokalarm, den die Lehrer mit einem Transponderchip aktivieren können. Vor einem halben Jahr kam es zu einem Fehlalarm in der benachbarten Psychiatrie. Damals wurden die Türen der Schulen sofort zentral verschlossen, bis die Polizei Entwarnung gab. "Es war beruhigend zu sehen, dass diese Technik im Ernstfall funktioniert", sagt Rupp.

Gedenkraum im ehemaligen Klassenzimmer

In den drei Taträumen findet kein regulärer Unterricht statt: Ein Klassenzimmer wurde zu einer Bibliothek umgewandelt, die die Schüler selbst verwalten. Neben Kinder- und Jugendbüchern steht dort auch ein Regal, das mit größtenteils schwarzen, schmalen Büchern gefüllt ist: Kondolenzbücher aus aller Welt, die die Schule nach der Tat erreichten. Aus dem ehemaligen Chemiesaal wurde die Schülerfirma "Klamottenkiste", die Kleidung bedruckt - auch Kapuzenpullover, auf denen das Motto der Schule zu lesen ist: "Ich habe einen Traum". Mitschüler der Amokopfer wählten das Zitat aus, das aus der berühmten Rede Martin Luther Kings stammt.

Der Gedenkraum in einem der ehemaligen Klassenzimmer.

Das Klassenzimmer, in dem sechs Menschen starben, ist zum Gedenkraum geworden. 15 kleine, kniehohe Pulte stehen dort, auf jedem ist der Name eines Verstorbenen geschrieben. Fotos, Steckbriefe und persönliche Gegenstände wie Teddybären oder ein Fußball geben den Opfern ein Gesicht. Vorne, wo damals die Tafel hing, steht auf einer weißen Wand "11.03.2009, 9.33 Uhr -". Der Uhrzeit folgt ein Gedankenstrich, der besser als alles andere ausdrückt, was nicht ausgedrückt werden kann. Der Gedenkraum ist abgeschlossen, die Schüler besuchen ihn nur in Begleitung ihrer Lehrern, damit sie mit ihren Fragen und Gefühlen nicht alleine gelassen werden.

Viele, vor allem jungen Schüler, wüssten oft nur, dass sie auf einer besonderen Schule sind, "auf der mal was Schlimmes passiert war", erklärt der evangelische Religionslehrer Johannes Herter. Wenn sie sich dann intensiver mit dem Amoklauf beschäftigten, bekämen manche etwas Angst, hier seien die Lehrer pädagogisch gefordert. "Alle hier werden verändert weiterleben nach einer solchen Tat", sagt Herter. Wenn die Schüler am 11. März zum Gedenken eine Menschenkette bilden, merkten sie, was im Leben zählt, und dass Gemeinschaft trägt. Bei allem Erinnern sei es den Lehrern wichtig, dass die Schüler etwas Konstruktives mitnehmen und auch nach vorne blicken.

Für die Gedenkgottesdienste hat die ÖSG Kärtchen gestaltet, auf denen ein weiteres Zitat aus Martin Luther Kings Rede zu lesen ist: "Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen". Relilehrer Rupp ist es wichtig, dass die Schule nicht bei dem "Ich habe einen Traum" stehen bleibt, sondern klar wird, dass ein Teil des Traumes bereits in Erfüllung gegangen ist: "Ein kleines Stück Hoffnung haben wir bereits heute wieder hergestellt."