"Wir waren sehr streitlustig"

Deutschland spricht 2019

Im Video spricht Fulbert Steffensky über das Politische Nachtgebet, das er gemeinsam mit seiner Frau Dorothee Sölle und anderen im Jahr 1968 auf dem Kirchentag in Essen zum ersten Mal veranstaltete. Das Politische Nachtgebet ging in Serie: Von 1968 bis 1972 fand es regelmäßig in Köln statt.

"Wir waren sehr streitlustig"
Streitlustig - das mussten sie sein: die evangelischen und katholischen TheologInnen, die das Politische Nachtgebet erfanden und vier Jahre lang veranstalteten. Politik in der Kirche wollten vor allem die Evangelischen Kirchen in den 1960er Jahren nicht. Aber auch die katholische Kirche und einfache Kirchenmitglieder ereiferten sich über die frechen Linken, die den Kirchenraum mit neuen liturgischen Formaten eroberten.

Herr Steffensky, Sie haben das Politische Nachtgebet gemeinsam mit anderen erfunden. Wie hat das begonnen?

Fulbert Steffensky: Ab 1960 war in der katholischen Kirche eine Unruhe in Zusammenhang mit dem Konzil. Da hat sich ein kritischer Kreis gebildet, der Bensberger Kreis. Und aus diesem ist eine Kölner theologisch-politische Gruppe entstanden. Zu der meine Frau und ich stießen. Wir haben zunächst ganz innertheologisch gearbeitet. Mit dem Verschweigen von Vietnam in den Kirchen wurden unsere Themen zunehmend politisch. Besonders die katholische Kirche wollte damit nichts zu tun haben, Vietnam, das waren ja Kommunisten.

Sie wollten also zunächst die Katholische Kirche konfrontieren?

Steffensky: Wir haben 1967 eine Art Hirtenbrief entworfen zu Vietnam und ihn an alle Bischöfe und Pfarrer der Diözese Köln verschickt. Wir wollten über Vietnam diskutieren, hatten auch Texte vorbereitet. Das könnte der erste Vorläufer des Nachtgebets gewesen sein. Wir wollten in der Kirche diskutieren. Das wurde von Kardinal Frings verboten. Dann haben wir die Leute nach dem Gottesdienst aufgefordert zu bleiben und vor der Kirche diskutiert.

Wie waren die Reaktionen darauf?

Steffensky: Wir hatten das Gefühl, es passiert nichts in Fragen Vietnam. 1968 an Karfreitag haben wir deshalb einen Rundgang, eine Art Prozession, gemacht in Köln. Wir hatten ein großes Transparent mit den Worten 'Vietnam ist Golgota'. Dieser Titel erregte große Aufmerksamkeit, auch Widerstand von den Kirchen. Die Presse hat von Anfang an berichtet. Das war natürlich nicht ganz leicht, aber auch unser Vorteil. Wir beschlossen, als Gruppe zusammen zu bleiben und wollten 1968 auf dem Katholikentag in Essen einen Raum oder eine Halle für das Thema Vietnam haben. Dieser Katholikentag war ja sehr offen bis aufmüpfig. Aber wir waren ihnen doch nicht ganz geheuer und sie haben uns einen sehr späten Termin gegeben. Abends um halb zwölf. Dann haben wir gesagt, na gut, dann ist es eben unser Nachtgebet. Daher kam der Begriff ‚Politisches Nachtgebet', der natürlich eine gewisse Ironie enthält: Also Nachtgebet, das privateste, stillste, was man sich denken kann und das Wort politisch, das öffentlichste, das man sich denken kann.

Nach dem Katholikentag in Essen wurde ihr Politisches Nachtgebet berühmt und berüchtigt.

Steffensky: In Essen waren wir noch um die 20 Leute. Als wir begannen, das Politische Nachtgebet auch in Köln zu machen, wurde die Gruppe größer. Das erste Nachtgebet in Köln sollte in der katholischen Peterskirche sein. Ein Jesuit, ein weiser alter Mann, der uns gewogen war und den wir liebten, war dort Pfarrer. Kardinal Frings hat das allerdings verboten. Dann haben wir bei der evangelischen Antoniterkirche angefragt. Nach langem hin und her haben sie es erlaubt. Das gab einen großen Sturm: Wir waren bei dem ersten Nachtgebet beinahe Tausend Leute in dieser kleinen Kirche. Eine Zeitlang haben wir die Nachtgebete zweimal gemacht, weil so viele Leute kamen. Das Nachtgebet fand eine bundesweite Öffentlichkeit. Da haben natürlich das damalige Sonntagsblatt, der rheinische Merkur und andere große Zeitungen berichtet. Wenn dieser Streit nicht gewesen wäre, wäre es nicht so öffentlich geworden.

Wieso wollten die Kirchenleitungen das Politische Nachtgebet nicht?

Steffensky: Die Gründe für den Widerstand der Kirchen waren unterschiedlich: In der evangelischen Kirche kamen fast alle aus der Bekennenden Kirche. Sie hatten, man kann das sogar verstehen, ein Trauma: Nie mehr Politik in der Kirche. Nie mehr Fahnen in der Kirche. Nie mehr Uniformen in der Kirche. Es gab damals ja zum Beispiel auch den Streit, ob Soldaten in Uniform heiraten dürfen. Auch bei vielen ostdeutschen Menschen sieht man heute, dass sie nicht mehr wegkommen von bestimmten Grunderfahrungen, die für sie wichtig waren. Und so war das bei unseren Gegnern aus der Kirchenleitung auch. Die waren sogar zum großen Teil bei den Anti-Atom- und Friedensgruppen.

"Politik gehört nicht in die Kirche"

Wie verlief der Streit mit den Protestanten?

Steffensky: Wir hatten einen harten Streit mit dem rheinischen Präses Beckmann. Zwei oder dreimal trafen wir mit ihm zusammen und wir waren sehr streitlustig. Das macht ja auch Spaß. Wir haben ihn massiv angegriffen. Zum Beispiel, als er sagte, er beneide Kardinal Frings darum, dass er das Nachtgebet einfach verbieten kann. Das war eine Steilvorlage für uns (lacht). Das erzählt sich leichter als es war. Denn es war eine erregte Zeit. Mir tut es heute noch leid, dass wir mit diesen Brüdern, es waren ja alles Männer, nicht übereingekommen sind. Auch Kardinal Frings haben wir öffentlich angegriffen.

Gab es auch Konsequenzen für ihre Gruppe?

Steffensky: Wie Streitsituationen sind und wie Gruppen sind, die streiten: Sie sind gar nicht so sehr an Übereinkünften interessiert. Viel Streit, viel Ehr'. Das ging dann böse auseinander. Ein Studentenpfarrer, ein Freund von uns, ist dann auf seiner Stelle nicht verlängert worden und musste die rheinische Kirche verlassen.

Und welche Gründe hatte der Streit mit der katholischen Kirche?

Steffensky: Der Streit mit Frings hatte auch damit zu tun: Politik gehört nicht in die Kirche. Die Kirche war ja während des Nachtgebets überfüllt und überall saßen Leute, hinter dem Altar, auf der Kanzel. Zum ersten Mal hat man gesprochen in der Kirche, zum ersten Mal hat man diskutiert. Das war einerseits eine Befreiung, aber natürlich auch eine hochaufgeladene Stimmung. Der Kardinal und die katholische Kirche im Rheinland waren völlig CDU-verheiratet. Die katholische Kirche hatte also einen politischen Grund, warum sie das Nachtgebet nicht wollte: Geht doch in die DDR, haben sie gesagt. Oder wie der Kardinal Frings so schön sagte: "Wenn ihr so weiter macht, dann seid ihr auch noch gegen die Wehrmacht!"

In der Antoniterkirche in Köln während des Politischen Nachtgebets, 1969.

Sie hatten viele Frauen in ihrer Gruppe. Vermischte sich der Streit um die 'frechen Frauen' in der Kirche auch mit ihrem Nachtgebet?

Steffensky: Ja, es gibt ein schönes Beispiel dafür. Wir hatten ein Gespräch mit Kardinal Frings. Drei von uns durften zu ihm. Aber ausdrücklich ausgeschlossen war Dorothee Sölle. In unserer Gruppe spielten die Frauen eine große Rolle. Alte und junge Frauen; Starke Frauen waren dabei: Vilma Sturm, die Redakteurin; Mechthild Höflich und Maria Mies, die Soziologinnen; Dorothee Sölle, die von außen besonders wahrgenommen wurde.

Lag es auch an der Zeit, in der die Frauen in der Institution noch nicht verankert waren. Da blieb vielen Frauen vielleicht auch nur die außerparlamentarische Opposition?

Steffensky: Das Thema Frauen in der Kirche lag zumindest in der Luft. Es wurde von der Linken ja relativ spät wahrgenommen. Wir hatten vor allem andere Themen: Schulen, Gefängnis, Kapital, Frieden. Doch, ein Nachtgebet gab es: "Die Frau liegt immer noch unten" war das Thema (lacht).

"Die Frage katholisch oder evangelisch wurde bei uns nicht thematisiert. Wir hatten wichtigere Themen, und die wichtigen Themen vertreiben die unwichtigen"

Spielte ihr Konfessionswechsel in dem Streit mit den Kirchen auch eine Rolle?

Steffensky: Dorothee Sölles und meine Hochzeit 1969 ergab zumindest einen großen Knall. Mein Konfessionswechsel folgte kurz danach. Man kann sich heute kaum vorstellen, wie sehr alles wackelte. Die Kölner Gruppe wollte ja nicht nur das Nachtgebet. Uns spukte immer auch die Idee von einem gemeinsamen Leben im Kopf herum. Einige haben überlegt, sich in einer Straße einzumieten, um miteinander zu leben und zu arbeiten.

Die Ökumene zu leben?

Steffensky: Ökumene interessierte uns schon nicht mehr. Wir waren Christen, die zusammen stärker sind. Wir sind sonntags in eine evangelische, mal in eine katholische Kirche gegangen. Das hat uns überhaupt nicht gekümmert. Die Frage katholisch oder evangelisch wurde bei uns nicht thematisiert. Sie ist einfach abgestorben. Wir hatten wichtigere Themen, und die wichtigen Themen vertreiben die unwichtigen.