Medienkritiker Niggemeier fordert, Journalisten müssten transparenter arbeiten

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Foto: Kay Nietfeld/dpa

Verschiedene Ausgaben des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" liegen übereinander auf einem Tisch.

Medienkritiker Niggemeier fordert, Journalisten müssten transparenter arbeiten
Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hätte die Manipulationen seines früheren Mitarbeiters Claas Relotius nach Ansicht des Medienkritikers Stefan Niggemeier "mit einfachen Mitteln" entdecken können.
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Offenbar hätten sich alle Beteiligten im Verlag einschließlich der als akribisch geltenden Dokumentationsabteilung von seinen "wirklich in großer Perfektion geschriebenen Texten berauschen lassen", sagte Niggemeier am Donnerstagabend in Frankfurt am Main. Dadurch sei "ein Mythos zusammengebrochen" und dem ohnehin gesunkenen Vertrauen in die Medien insgesamt weiterer Schaden zugefügt worden.

In einem Podiumsgespräch mit dem Chefredakteur des Evangelischen Pressediensts (epd), Karsten Frerichs, warb Niggemeier dafür, die Öffentlichkeit möge "fair sein und abwarten", bis der Vorfall vollständig aufgeklärt sei. Grundsätzlich müssten Medien ihren Reportern vertrauen dürfen. Zugleich kritisierte er im Frankfurter Presseclub, dass "Der Spiegel" Anfragen anderer Medien mit dem Hinweis auf die laufenden Untersuchungen nicht beantworte. "Das würden sich Journalisten insbesondere des 'Spiegel' von der Autoindustrie bei der Aufklärung des Diesel-Skandals keinesfalls gefallen lassen."

"Grauzonen" viel zu lange zugelassen

Der Medienjournalist forderte seine Branchenkollegen auf, eigene Fehler aufzuarbeiten und nachvollziehbar zumachen. Grundsätzlich müssten Journalisten transparenter arbeiten, "Werkstattberichte" abliefern und in ihren Beiträgen erkennen lassen, wenn sie sich unsicher seien. "Wir sind unseren Lesern Rechenschaft schuldig." Medien müssten auch offenlegen, "wo sie schiefgelegen haben", sagte der Gründer der Website "Übermedien".

Niggemeier wies darauf hin, dass es sogar in journalistischen Lehrbüchern als legitim angesehen werde, in Reportagen das Reden und Handeln mehrerer Personen "in einer einzigen Figur zu verdichten". Die Medien hätten solche "Grauzonen" viel zu lange zugelassen, ergänzte epd-Chefredakteur Frerichs.

Im Dezember vergangenen Jahres hatte "Der Spiegel" den Betrugsfall im eigenen Haus aufgedeckt. Relotius hatte nach internen Nachforschungen Fälschungen zugegeben und das Haus verlassen. Relotius, der mehrfach mit Journalistenpreisen ausgezeichnet wurde, bestätigte anschließend über seinen Anwalt öffentlich, dass er "über mehrere Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden hat". Auch andere Redaktionen, für die der Journalist gearbeitet hatte, haben inzwischen manipulierte Texte entdeckt.

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