TV-Tipp: "Vermisst in Berlin" (ZDF)

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TV-Tipp: "Vermisst in Berlin" (ZDF)
11.2., ZDF, 20.15: "Vermisst in Berlin"
Der Film sollte ein Weckruf sein: Das Drama "Zuckerbrot" (2012) erzählte anhand des erschütternden Schicksals eines kleinen rumänischen Mädchens, wie Kinder in Deutschland an den Meistbietenden versteigert und dann im Rahmen organisierter Zwangsprostitution buchstäblich zum Abschuss freigegeben werden. Nun hat Produzentin Gabriele Sperl, für ihren "NSU"-Dreiteiler "Mitten in Deutschland" mit den wichtigsten Fernsehpreisen ausgezeichnet, für einen weiteren Weckruf gesorgt. Das Thema ist das gleiche, aber die Opfer sind andere: Seit Jahren werden Tausende geflüchtete Kinder vermisst.

Das ZDF hat die Geschichte der kleinen Afghanen, Syrer oder Iraker schon einmal erzählt; das war 2017 in der "Unter Verdacht"-Episode "Die Guten und die Bösen". Die Drehbuchautorinnen Silke Zertz und Frauke Hunfeld wählen für ihr Drama "Vermisst in Berlin" einen etwas anderen Ansatz, denn ihre Hauptfigur ist eine ehemalige LKA-Kommissarin; ihr steht also nicht der übliche Ermittlungsapparat zur Verfügung. Davon abgesehen unterscheidet sich das Schema allerdings kaum vom handelsüblichen Krimi, weil Judith Volkmann (Jördis Triebel) bei ihren Recherchen nicht anders vorgeht als eine Polizistin. Deshalb wirkt die Rahmenhandlung auch etwas konstruiert: Volkmann ist beurlaubt; sie arbeitet als Kellnerin in einem teuren Lokal. Bei der nächtlichen Heimfahrt läuft ihr ein kleiner Junge vors Auto. Sie will sich um ihn kümmern, doch er beißt ihr in die Hand und haut ab. Weil der Vorfall sie nicht loslässt, setzt sie die Suche am nächsten Tag fort. In einem Versteck stößt sie auf mögliche Missbrauchsspuren. Ihr früherer Chef bei der Mordkommission, Kovačević (Edin Hasanovic), wimmelt sie jedoch ab. Empört muss Volkmann erkennen, dass für Flüchtlingskinder offenbar andere Regeln gelten. Kovačević behauptet, die Kinder seien bloß aus den Statistiken verschwunden, aber seine ehemalige Mitarbeiterin ist überzeugt: Bei einem deutschen Kind würde längst eine Hundertschaft das Viertel durchkämmen. Als tatsächlich ein toter Junge gefunden wird, ermittelt die frühere Kommissarin, die immer noch ihren Polizeiausweis besitzt, auf eigene Faust. Sie stößt auf ein offenbar höchst einträgliches Geschäftsmodell, das aus dem Schicksal jugendlicher Geflüchteter Kapital schlägt; und das auf gleich mehreren Ebenen.

Die Idee mit der Ex-Polizistin ist nicht schlecht, weil Volkmann immer wieder an ihre Grenzen stößt; nicht jeder fällt auf ihre Masche rein. Dass sie in einer Wohngemeinschaft mit ihrer Schwester (Nina Gummich) zusammenlebt, wirkt auf den ersten Blick überflüssig, soll aber vermutlich erklären, warum ihr das Schicksal des Jungen nahe geht, denn die dritte Mitbewohnerin ist ihre geliebte kleine Nichte. Gegenentwurf zur blonden Heldin ist eine böse Brünette. Natalia Wörner spielt wie schon in er letzten "Nachtschicht"-Episode ("Es lebe der Tod", 2018) eine einstige Prostituierte, die es zu viel Geld gebracht hat: Evelyn Kraft ist heute die Geliebte eines libanesischen Clanchefs, leitet in seinem Auftrag verschiedene Flüchtlingseinrichtungen und betrachtet ihr finsteres Treiben auch noch als gutes Werk.

Die vier wichtigsten Frauen hinter der Kamera inklusive Sperl haben zwar eine gewisse Krimi-Erfahrung, stehen aber vor allem für anspruchsvolle Dramen. Das gilt auch für Sherry Hormann. Die Regisseurin und die Produzentin verbindet eine lange Zusammenarbeit; Hormann hat für Sperl neben zwei Wirtschafts-Thrillern, die die ARD unter dem Titel  "Tödliche Geheimnisse" gezeigt hat, unter anderem die Fortsetzung zu "Operation Zucker" ("Jagdgesellschaft") gedreht. Ihre Inszenierung betont auch in "Vermisst in Berlin" die dramatische Ebene der Handlung. Die Spannung resultiert nicht aus gängigen Krimizutaten, sondern aus den Schicksalen der verschiedenen kleinen Jungs, auf deren Spuren Volkmann stößt. Weil möglichst viele Facetten des Flüchtlingsthemas berücksichtigt werden sollten, fasert die Handlung allerdings mitunter etwas auseinander. Nebenfiguren wie etwa Jan Pollak (Florian Stetter), ein Mitarbeiter des DRK-Suchdienstes, dienen allzu offensichtlich nicht der Dramaturgie, sondern der Informationsvermittlung, weil der Mann die Freizeitermittlerin über einige Hintergründe aufklärt. Immerhin sorgt Pollak für einen der wenigen entspannten Momente des Films, als er während einer nächtlichen Autofahrt mit Volkmann flirtet; aber die ist längst eingeschlafen. Eine interessante Figur ist auch Kovačević, den Hasanovic als Musterbeispiel eines korrekten Beamten verkörpert, weil der Polizist als Einwandererkind stets deutscher als die Deutschen sein musste, um Karriere zu machen.

Trotzdem erreicht "Vermisst in Berlin" längst die Intensität anderer Sperl-Produktionen, zumal auch die gute Jördis Triebel nicht über ein paar Handlungslücken hinwegspielen kann. Volkmann hat das LKA womöglich nicht ganz freiwillig verlassen, wie ein Dialog mit ihrem Ex-Chef andeutet; Details bleibt der Film jedoch schuldig. Viel zu lang ist dagegen die Einführung im Restaurant, zumal sie mit der eigentlichen Handlung im Grunde nichts zu tun hat, selbst wenn die beiden späteren Gegenspielerinnen hier zum ersten Mal aufeinandertreffen. Die Szene wirkt, als wollte Hormann vor allem den Kontrast verdeutlichen: hier die bescheidene Kellnerin, dort die Arroganz des Verbrechens, das die Unterwelt längst verlassen hat, um in aller Öffentlichkeit Champagner und Kokain zu konsumieren.

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