"Der Jugendkult macht unglücklich"

Manfred Lütz

© epd-bild / Gustavo Alabiso

Für den Theologen Manfred Lütz ist eine Gesellschaft nur glücklich, wenn sie das Alter ehrt.

"Der Jugendkult macht unglücklich"
Drei Fragen an den Psychiater und Theologen Manfred Lütz
Für den Kölner Psychiater und Theologen Manfred Lütz ist eine Gesellschaft nur glücklich, wenn sie das Alter ehrt. "Der Jugendkult macht unglücklich", sagte der Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln, der auch der Päpstlichen Akademie für das Leben angehört. Im Interview spricht er über Botox, coole Großeltern und die Kunst des Älterwerdens.
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Viele Menschen scheinen ab ihren mittleren Jahren vor allem damit beschäftigt, das Altern aufzuhalten. Was macht das mit unserer Gesellschaft?

 Manfred Lütz: Den seit Jahrzehnten anhaltenden Jugendkult gibt es vor allem deswegen, weil er wirtschaftlich hochinteressant ist. Denn so kann man zahllose Mittelchen verkaufen, um jünger auszusehen, als man eigentlich ist. Das ist inzwischen eine Milliardenindustrie. Aber wenn er mal genau darüber nachdenkt, könnte jeder eigentlich wissen, dass das eine Anleitung zum Unglücklichsein ist, denn natürlich ist nur eine Gesellschaft, die das Alter ehrt, eine glückliche Gesellschaft. In einer Gesellschaft, die nur die Jugend ehrt, würden schon 16-Jährige in eine dunkle Zukunft blicken.

Was können denn die Jungen von den Alten lernen?

 Lütz: Viele junge Menschen kommen mit ihren Großeltern besser klar als mit den Eltern, denn die Alten haben mehr Lebenserfahrung, oft eine größere Gelassenheit, sind cooler als die Eltern, die noch im Leistungsstress der mittleren Lebensphase stecken. Junge Menschen suchen nach Zielen, nach dem Sinn des Lebens. Kommen sie darüber mit den Alten ins Gespräch, finden sie da oft eher Antworten als bei ihren Eltern. Wenn das gelingt, dann erleben sie ältere Menschen und auch das Alter selbst als wertvoll.

Welche Tipps haben Sie für ein gutes Älterwerden?

 Lütz: Vor allem sollte man nicht dauernd rumjammern. Als ich 50 wurde, habe ich gerne bei Treffen von nicht selten stark geschminkten und gesichtsoperierten pseudojungen Gleichaltrigen laut gesagt: Ich bin jetzt 50, ich bin jetzt alt und ich bin das gerne. Da erstarben die Gespräche. Das ist ein Tabubruch. Macht aber Spaß. Ich finde zum Beispiel runzlige Haut mit Lachfalten, in der das ganze Leben sozusagen eingezeichnet ist, wirklich viel schöner, als so eine botoxfixierte glatte Teflonhaut. Es gibt keine Lebensweisheit, kein Glück und noch nicht mal Zufriedenheit ohne Abkehr vom verheerenden Jugendkult. Wenn man sich nämlich von der Werbung einreden lässt, dass das Alter ja nur Mühe ist, dann wird es später auch mühsam. Dann produziert man eine unglückliche Gesellschaft, denn wir werden ja alle immer älter.