Zwölf Glockenschläge, zwölf Kerzen, zwölf Menschenleben

Predigt zum Gedenken für Opfer der Anschlags auf dem Berliner Breitscheidplatz vor zwei Jahren.
Eine Engelsfigur und Lichter am Mahnmal für die Opfer des Attentats vom 19.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

© Christoph Soeder/dpa

Gedenken für die Opfer des Attentats vom 19.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.

Zum Gedenken an den Anschlag vor zwei Jahren auf den Berliner Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz hielt Pfarrer Martin Germer diese Predigt. Wir dokumentieren das Predigtmanuskript.

Liebe Angehörige und Betroffene des Anschlags vor zwei Jahren,
liebe Berlinerinnen und Berliner und Gäste unserer Stadt,
liebe Repräsentantinnen von Staat und Zivilgesellschaft,
liebe Gemeinde hier in der Kirche, in dieser Stunde des Gedenkens!

Zwölf einzelne Glockenschläge werden nachher an die zwölf Menschen erinnern, die hier vor zwei Jahren genau zu dieser Zeit so jäh aus dem Leben gerissen wurden: an die beiden Eltern, die wenige Minuten zuvor der Tochter noch ein strahlendes Foto vom Weihnachtsmarkt geschickt hatten; an die Ehefrau aus dem Rheinland, die sich so gefreut hatte über die gemeinsame Reise mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Berlin, und an die Mutter aus Israel in ihrer Vorfreude auf die Hochzeit des Sohnes; an den Berliner Opa, den die neunjährige Enkeltochter so liebhatte, und an die Mutter aus Tschechien, die sich vielleicht schon überlegte, was sie ihrem kleinen Sohn später am Telefon erzählen könnte; an den Rechtsanwalt aus der Nachbarschaft, der die junge Kollegin gerade noch aus der Bahn des heranrasenden LKWs stoßen konnte – statt sich selbst zu retten – und an den freiwilligen Feuerwehrmann aus Ragösen; an den LKW-Fahrer aus unserem Nachbarland Polen, den der Attentäter zuvor schon ermordet hatte und der seiner Familie ebenso schmerzlich fehlt wie die junge Italienerin ihren Eltern und Geschwistern, wie die Berliner Mutter ihrer ganzen Familie und wie der Lebenspartner seinem Mann, wo doch nun endlich das Dauervisum da war.

Zwölf Glockenschläge werden uns erinnern an jedes einzelne dieser zwölf Menschenleben und zugleich an die  vielen, die bei dem Mordanschlag schwer verletzt wurden. Und sie sollen uns erinnern an die vielen, in deren Seelen das Geschehene seine Spuren hinterlassen hat. In der Stille, die nachher auch auf dem Platz sein wird, wollen wir dieser vielen Menschen gedenken und Anteil nehmen am Leid aller, die mit ihnen getroffen wurden. Für sehr viele wird das Leben nie mehr so sein, wie es vorher war.

Zwölf Kerzen brennen hier vorn am Altar, heute wie an jedem Tag. Dass es genau diese Anzahl ist, das ist ein schöner Zufall. So  können wir sie jetzt anschauen als Zeichen des Gedenkens an die zwölf Toten vor zwei Jahren, so wie auch alle anderen Trauernden sie anschauen können im Gedenken an ihre Toten oder wir alle mit dem, was uns jeweils ganz persönlich belastet, was uns Kummer und Sorgen bereitet, was uns innerlich nicht loslässt. Wir können sie anschauen und wollen dabei unsere Gedanken auch hinüber nach Straßburg senden, zu allen, die dort vor einer Woche ebenso von unfassbarer Gewalt getroffen wurden wie immer wieder auch Menschen an anderen Orten dieser Welt.

Kerzen zum Gedenken. Kerzen als Zeichen der Trauer. Kleine, stille Lichter im Dunkel der Welt. Lichter, die zugleich Zeichen des Trostes sein wollen, Zeichen der Hoffnung, Zeichen des Friedens. So wie die unzähligen Lichter, die vor zwei Jahren und noch viele Wochen lang immer wieder neu rund um die Kirche herum angezündet wurden. So wie auch die Lichter, die seither unablässig dort draußen am Gedenkort brennen und hier in der Kirche. So wie das Friedenslicht aus Bethlehem, das hier vorn schon leuchtet und das wir nachher empfangen und einander weitergeben werden.

Zarte Glockenschläge in der Stille auf dem Platz, während drum herum das Großstadtleben weitergeht. Kleine, flackernde Lichter in der Dunkelheit. Für diejenigen unter uns, die Halt und Trost im christlichen Glauben finden, erinnern diese Lichter in diesen Tagen besonders an das Jesuskind, in dem vor gut 2000 Jahren Gott in unsere Welt hineingekommen ist: so verletzlich wie ein kleines Kind nur sein kann, ganz ohne äußere Macht und äußeren Glanz. Gottes Licht in der Dunkelheit der Welt.

Die Kerzen und auch die Glockenschläge vom Kirchturm erinnern zugleich an den erwachsenen Jesus, der mit gerade erst dreißig selbst schon zum Opfer menschlicher Gewalt wurde. Mit seinem Tod schien für viele alle Hoffnung für immer zerstört.  Doch dann hat Gott ihn in sein Leben erweckt durch den Tod hindurch. Das unfassbare Wunder der Auferstehung, wo alles erstorben schien. Der Sieg der Liebe über den Hass. Der Sieg der Vergebung Gottes über alles Unversöhnliche in uns Menschen. Der Sieg des Lebens, in all seiner Verletzlichkeit, über die Härte des Todes.

Das möchte die Botschaft dieser Lichter sein für alle, die sich im christlichen Glauben zuhause sehen. Und ich hoffe zugleich, dass auch diejenigen unter uns, die in anderen religiösen oder in anderen geistigen Bezügen zuhause sind, sich innerlich von diesen Lichtern berühren lassen können und dass sie uns alle miteinander verbinden.

Ganz nahe ist am heutigen Tage das, was vor zwei Jahren hier geschehen ist. Und das soll es auch. Darum sind wir jetzt hier. Weil es uns wichtig ist, das mit anderen teilen zu können. Für einzelne womöglich zum allerersten Mal an dieser Stelle!

Dabei weiß ich auch von Betroffenen, die jetzt ganz bewusst nicht hier sind. Die für sich selbst andere Wege suchen oder schon gefunden haben, um mit dem Geschehenen umzugehen. Für die es vielleicht jetzt einfach nicht gut wäre, wenn alles wieder so stark aufgewühlt wird. Die auf die eine oder andere Weise schon ihren Frieden gefunden haben mit dem Geschehenen. Frieden für sich selbst und ihre Seele. Frieden im Miteinander mit den Menschen, die weiterhin zu ihnen gehören oder vielleicht auch neu nahe gekommen sind in den zwei Jahren seither.

Und das ist Ihnen allen doch nur zu wünschen, dass es auch diese Erfahrung für Sie gibt: ein Gefühl von Frieden für Sie selbst. Auch in aller Trauer. Auch in all Ihrem Schmerz. Auch in allem, worum viele von Ihnen immer wieder so kämpfen mussten und auch weiterhin zu kämpfen haben. Dass Sie in dem allen doch auch schon Schritte zu neuem Frieden gehen konnten.

In der Bibel gibt es eine Stelle, da wird dem Volk Israel in eine sehr bedrängende Situation hinein zugerufen: "Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung!"

So sind Gottes Gedanken für uns. Er will nicht, dass wir auf Dauer in Leid und Fried­losigkeit gefangen bleiben und uns mit unseren eigenen Gedanken immer wieder im Kreis drehen. Er möchte uns Zukunft eröffnen – Wege, die wir jetzt gehen können oder zu denen wir demnächst vielleicht die Freiheit finden. Er möchte uns helfen zu erkennen, wie wir womöglich längst schon dabei sind, neue Schritte zu gehen. Er will uns dazu Mut machen und uns darin bestärken. Auch wenn da immer wieder der schmerzliche Gedanke an das Frühere aufbricht, das uns genommen wurde. Und das uns doch auf eine andere Weise auch gar nicht genommen werden kann, weil es als unverlierbare Erinnerung ja bleiben wird. Und weil vieles davon auch in uns weiterwirken möchte. Dabei dürfen wir Menschen in unserer Trauer doch jedenfalls auch dies wissen: Die, um die wir trauern und die uns geliebt haben, die würden wollen, dass wir Schritte in die Zukunft gehen können. So wie es jetzt gut ist für uns. Die würden uns nichts mehr wünschen als Hoffnung und als Frieden für unser Leben.

So sind auch Gottes Gedanken für uns auf "Frieden" gerichtet. Sie sind gerichtet auf "Zukunft" und auf "Hoffnung". Das gilt uns jeweils als Einzelnen und in unseren persönlichen Lebenszusammenhängen. Das gilt aber ebenso für unser Miteinander in der Gesellschaft.

Zum gemeinsamen Frieden ist es nötig, dass diejenigen, die von einem terroristischen Verbrechen betroffen werden, alles das an Hilfe bekommen, was Staat  und Gesellschaft leisten können. Und da ist in den zurückliegenden zwei Jahren vieles nicht geschehen, was aus heutiger Sicht nötig gewesen wäre. Das lag zum Teil daran, dass dafür noch nicht die erforderlichen rechtlichen Voraussetzungen gegeben waren. Es wurde oft aber auch zu bürokratisch und zu schematisch gehandelt. Verantwortliche mit mehr Einfühlungsvermögen und mehr Mut hätten gewiss auch andere Spielräume nutzen oder beherzt die Weichen anders stellen können. Nicht überall. Aber doch an mancher Stelle.

Demgegenüber möchte ich als starkes Hoffnungszeichen aber auch an die Menschen erinnern, die als Ersthelfer an diesem Abend Großes geleistet haben; unter ihnen etliche der Schausteller vom Weihnachtsmarkt und auch viele Besucherinnen und Besucher. Sie haben geholfen, dass Leben gerettet werden konnten, sie haben Verletzte getröstet und sie haben Sterbenden in den letzten Minuten ihres Lebens beigestanden. Und sie tragen diese schweren Erinnerungen in sich. Ebenso möchte ich daran erinnern, wie rasch nach dem Anschlag die Rettungskräfte in großer Zahl am Ort waren und wie deren Katastrophenpläne und Routinen überwiegend gut funktioniert haben. Überall in der Stadt hat Krankenhauspersonal sich sofort zum Dienst gemeldet, sobald die ersten Nachrichten kamen. Wie schön wäre es, wenn wir uns von solchem Engagement alle eine Scheibe abschneiden würden – an welcher Stelle wir auch selbst für andere verantwortlich sind!

Zum gesellschaftlichen Frieden ist es auch und erst recht nötig, dass in den Sicherheitsbehörden alles getan wird, was möglich ist, um drohende Gewaltverbrechen im Vorfeld erkennen und verhindern zu können. Dazu gehört notwendig die Aufarbeitung, Dazu gehört die so mühevolle Arbeit der Untersuchungsausschüsse und die Recherche von Journalistinnen und Journalisten. Sie hat das Ziel, Fehler zu erkennen und Verantwortung zu benennen. Und sie hat das noch größere Ziel, aus Fehlern zu lernen und Strukturen so zu verbessern, dass künftig wirksamer und angemessener gehandelt werden kann.

Zugleich wissen wir: vollständige Fehlerfreiheit gibt es nicht. Wo Menschen handeln und wo das Handeln von Menschen koordiniert werden muss, kommt es leider auch zu Fehlern. Umso wichtiger ist es, innerhalb der Behörden und zwischen den Behörden die Zivilcourage zu stärken, damit Fehler nicht verheimlicht und vertuscht, sondern beizeiten eingestanden werden, ehe sie fatale Folgen bekommen. Doch möge sich hier zugleich jede und jeder selbst fragen, wie es denn um die eigene Zivilcourage im Eingestehen von Fehlern bestellt ist. Alle miteinander stehen wir vor der Frage, was wir tun können, damit solcher Mut und solche Offenheit nicht bestraft werden, sondern als Beitrag zum gemeinsamen Lernen Anerkennung finden.

Absolute Sicherheit wird es nicht geben – auch nicht durch noch so gigantische Schutzvorkehrungen. Der gesellschaftliche Frieden und unser freiheitliches Miteinander sind aber auch nicht auf absolute Sicherheit angewiesen. Viel entscheidender ist etwas anderes: nämlich das persönliche Engagement von möglichst vielen an ihrem jeweiligen Ort für ein friedliches Miteinander im Kleinen und im Großen.

Und da möchte ich jetzt für mich persönlich als wichtiges Zeichen der Hoffnung auch das nennen, was mir in der Zeit seit dem Anschlag vor zwei Jahren als Engagement bei Muslimen begegnet ist. Ich habe zahlreiche jüngere Männer und Frauen in
Moscheen und in anderen islamischen Zusammenhängen kennen gelernt, die sich auf sehr glaubwürdige und auch auf mutige Weise für ein friedliches Miteinander der Religionen und Kulturen in unserer Gesellschaft und für ein friedensförderliches Verständnis ihrer Religion einsetzen. Und das ist für mich ein starkes Hoffnungszeichen.

Dabei weiß ich wohl: Es gibt auch Muslime mit der Tendenz, ihren Glauben im Gegensatz und womöglich in Feindschaft zu nicht und zu anders gläubigen Menschen zu verstehen. So wie es das in anderen Religionen und Weltanschauungen übrigens auch gibt. Aber wie können die Köpfe und die Herzen solcher Hardliner erreicht werden, wenn nicht durch andere Muslime, die ihnen einen friedlichen und offenen Islam vorleben! Alle Pauschalverdächtigungen von außen gegenüber Muslimen fördern nur Tendenzen zur Selbstabschottung und helfen nicht dem gesellschaftlichen Frieden. Deshalb werbe ich dafür, dass das Engagement von muslimischen Frauen und Männern, wie ich sie kennenlernen durfte, auf die Unterstützung von uns allen zählen kann.

Als Hoffnungszeichen für diesen Abend und auch darüber hinaus lasst uns nun das Friedenslicht von Bethlehem einander weitergeben und lasst es uns hinaustragen in die Stadt: als Zeichen des Friedens und der Hoffnung. Und lasst uns nachher den Klang der Glocke vernehmen als Zeichen des Gedenkens und zugleich als Ruf zum Frieden und zur Hoffnung für die Zukunft hier in unserer Stadt, in unserem Land und überall in der Welt.

Amen.