Jenseits von Bethlehems Stall

Tierarzt Jusef Mussallem von der "Palästinensischen Wildtier-Gesellschaft" kümmert sich um die Esel in der Judäischen Wüste.

© epd-bild/Debbie Hill

Tierarzt Jusef Mussallem von der "Palästinensischen Wildtier-Gesellschaft" kümmert sich um die Esel in der Judäischen Wüste.

Jenseits von Bethlehems Stall
Palästinensische Tierschützer setzen sich für das Wohl der Esel ein
Keine Krippenszene ohne Esel - dabei kommt er in der biblischen Weihnachtsgeschichte gar nicht vor. Ein beliebtes Lasttier aber war er zu Jesu Zeiten genauso wie heute. Tierarzt Doktor Jusef kümmert sich um Esel im Heiligen Land.

Kaum erreicht der Geländewagen das Kisan-Dorf der Rascheideh-Beduinen südlich von Bethlehem, kommen schon Dutzende Kinder gelaufen, um die Besucher zu begrüßen. Die Beduinen kennen das silbergraue, zerbeulte Auto gut, mit dem Tierarzt Jusef Mussallem, Ibrahim Odeh und sein Kollege Imad Atrasch von der "Palästinensischen Wildtier-Gesellschaft" regelmäßig ins Dorf kommen. "Doktor Jusef" gilt als Freund der Beduinen. Er behandelt die Tiere umsonst.

Esel haben Gefühle

Besonders am Herzen liegen Mussallem, Odeh und Atrasch die Esel. Noch immer weit verbreitet, sagt Atrasch, sei der Irrglauben, die Grautiere hätten keine Gefühle: "Für die meisten ist der Esel ein reines Arbeitsinstrument, er wird für Transporte benutzt und geschlagen." Manchmal, so fügt Atrasch an, benutzten die Leute bis heute noch Brandeisen, um die Tiere als ihr Eigentum zu markieren.

Kinder in dem Beduinendorf Beduinendorf Wadi Qutek in der Judäischen Wüste.
Im Kisan-Dorf führt ein Mann einen völlig abgemagerten weißgrauen Esel schwer humpelnd heran. Mussallem gibt ihm ein Zeichen, stehenzubleiben. Der Arzt schlüpft in seinen Kittel, zieht sich ein Paar Gummihandschuhe an und geht dem sichtbar leidenden Tier entgegen. Ein Blick auf den entstellten Vorderfuß reicht ihm für seine Diagnose. "Das Bein ist gebrochen." Er schüttelt den Kopf. "Da ist nichts zu machen. So etwas ist bei Eseln ein Todesurteil." Das Tier muss eingeschläfert werden.

Ein gebrochenes Bein ist ein Todesuteil

Zweimal pro Woche machen sich die drei Freunde auf, um Eseln in Not Beistand zu leisten. Aufklärung über die Tierhaltung steht auf ihrem Programm. Zwischen 1.500 bis 2.000 Esel gehören zu ihrem Einzugsbereich, das von Bethlehem bis nach Jericho und Hebron reicht und zehn winzige bis mittelgroße Dörfer umfasst.

"Am Anfang haben sie uns verspottet", berichtet Atrasch. "Sie riefen: 'Oh, hier kommt endlich mal jemand, der unseren Esel nach seinem Befinden fragt.' Es war witzig für sie." Seit zehn Jahren ist er Leiter der "Wildtier-Gesellschaft". Der studierte Ornithologe mit schütterem Haar trägt einen dunkelblauen Pullunder, Jeans und Leinenschuhe. "Wer sich um einen Esel kümmert, ist selbst ein Esel", hieß es damals. Inzwischen habe sich die Einstellung der Leute aber verändert. 

"Doktor Jusef", ruft ein Mann und führt einen Esel mit dichtem braunen Fell an der Leine. "Sieh dir seinen Fuß an", bittet er und deutet auf den rechten Vorderfuß des Tieres, an dem eine schlimme Wunde klafft. Mussallem beginnt, das Bein mit Wasserstoffperoxid zu reinigen. Anschließend entfernt er die tote Haut und versorgt das Bein mit einem grünen antibiotischen Spray.



Dann erklärt er dem Besitzer des Tieres, wie er die Wunde in den kommenden Wochen behandeln muss, und er lässt ihm ein Antibiotikum da, das er dem Esel spritzen muss. "Wir werden in ein paar Tagen anrufen, um herauszufinden, ob es dem Esel besser geht." Sollte es eine Verschlechterung geben, sagt er, kommt Mussallem noch einmal extra in das Dorf.

Grund für die Verletzung war die dünne Wäscheleine, mit der der Beduine das Tier am Bein angebunden hatte. Das Seil hatte sich in die Haut geschnitten, und in der Wunde, die viel zu lange unbehandelt blieb, setzten sich Parasiten fest. Die Tierschützer verteilen gepolsterte Bänder mit Klettverschluss unter die Leute im Dorf und zeigen, wie man sie an den Halftern und an den Stricken befestigt, um so Verletzungen an Kopf und Beinen der Tiere zu vermeiden.

"Wir fangen im Kindergarten an"

Ibrahim Odeh ist für die pädagogische Arbeit der Tierschutzorganisation zuständig. "Wir fangen im Kindergarten an", sagt er. In der Kleinstadt Beit Sachur gibt es eigens ein Tiergehege dafür. "Wer sich um seine Tiere kümmert, der tut auch keinem Menschen Leid an", ist die Devise. Den Erwachsenen erklärt Odeh in Workshops, wie sie mit den Tieren umgehen müssen, welches Futter gut für die Esel ist und wie viel Wasser sie brauchen. Er erklärt ihnen, wie wichtig Pausen an langen Arbeitstagen sind und wie artgerechte Unterbringung aussieht.

Bildergalerie

Die Würde der Tiere im Alter

Handsome One, Vollblutpferd, 33 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

Handsome One, Vollblutpferd, 33 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

Die Fotografin Isa Leshko arbeitet seit einiger Zeit an ihrem Projekt "Elderly Animals". Das sagt sie zu ihrem Projekt: "Ich besuche Tierheime im ganzen Land, um Tiere zu fotografieren, die alt oder im Endstadium ihres Lebens sind."

Hahn, Alter unbekannt.

Foto: Isa Leshko

"Ich begann mit der Serie kurz nachdem ich ein Jahr in New Jersey verbracht hatte. Dort half ich meiner Schwester bei der Pflege meiner Mutter, die an Alzheimer erkrankt ist. Diese Erfahrung hat mich tief berührt und dazu gezwungen, mich mit meiner eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen."

Kelly, Irischer Wolfshund, 11 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Viele der Tiere, die für dieses Projekt fotografiert wurden, stammen ursprünglich aus Züchtungen der industriellen Landwirtschaft, bevor sie an Tierheime abgegeben wurden. Andere waren geliebte Haustiere, um die man sich seit ihren ersten Jahren gut gekümmert hat."

Violet, Hängebauchschwein, 12 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Einige der Tiere auf diesen Bildern scheinen ziemlich gebrechlich zu sein, andere wirken trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch ziemlich jung. Das Alter, in dem man ein Tier als 'alt' bezeichnen würde, ist nicht immer eindeutig zu definieren. Tiere aus moderner industrieller Landwirtschaft wurden genetisch verändert, um schneller zu wachsen und werden deutlich größer als herkömmliche Zuchtrassen. Hühner aus industrieller Landwirtschaft zum Beispiel werden geschlachtet, wenn sie etwa 42 Tage alt sind. Daher gilt aus solch einer Herkunft befreites Huhn als 'Greis', wenn es gerade mal ein Jahr alt ist - obwohl herkömmliche Hühner bis zu acht Jahre alt werden können."

Ash, heimischer weißer Truthahn, 8 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Um eine gewisse Intimität bei den Porträts zu erreichen, verbringe ich viele Stunden mit den Tieren, die ich fotografiere, und ich versuche, sie mehrere Male zu besuchen. Je nach Tier kann es sein, dass ich erst einmal mehrere Stunden damit verbringe, neben dem Geschöpf auf dem Boden zu liegen, bevor ich ein einziges Bild mache. Diese Herangehensweise hilft dem Tier, sich an meine Anwesenheit zu gewöhnen und mir ermöglicht sie, das Tier zu beobachten, ohne auf das Fotografieren konzentriert zu sein."

Pumpkin, Morgan-Araber-Pferd, 28 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Ich mache diese Fotos, um einen unerschrockenen Blick auf Altern und Sterblichkeit werfen zu können. Meine Großmutter mütterlicherseits litt in ihren späten Jahren an Demenz - und nun tut das auch meine Mutter. Ich habe Angst, Alzheimer zu bekommen und werde jedesmal nervös, wenn ich meinen Schlüssel verlegt habe oder einen Namen vergesse."

Blue, australischer Kelpie, 19 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Das Fotografieren greiser Tiere ermöglicht es mir, mich mit meiner Furcht vor dem Älterwerden auseinanderzusetzen. Ich habe irgendwann festgestellt, dass diese Bilder eigentlich Selbstporträts sind. Oder sie sind letztendlich Manifestationen meiner Ängste und Hoffnungen, wie ich sein werde, wenn ich alt bin."

Abe, Bergziege, 21 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Ich wünsche mir auch, dass meine Bilder ein besseres Einfühlungsvermögen in Tiere, insbesondere Landtiere, wecken. Es ist sehr selten, dass ein Tier in der Landwirtschaft an Altersschwäche stirbt, vielmehr erfahren die meisten von ihnen sehr früh im Leben Brutalität und Tod."

Embden, Gans, 28 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Durch das Veranschaulichen der Schönheit und Würde dieser Geschöpfe im Alter möchte ich die Menschen ermutigen, die Art und Weise zu hinterfragen, wie Farmtiere gegenwärtig behandelt werden."

Phyllis, Southdown-Schaf, 13 Jahre alt.

Foto: Isa Leshko

"Ich mache immer noch ausgedehnte Reisen, um um neue Bilder für dieses Projekt zu machen. Finanziert wird es durch Verkäufe von Kunstdrucken meiner Fotos."

Die Fotografin: Isa Leshko

Foto: James Goncalves

Isa Leshko wurde 1971 geboren und wuchs in Carteret, New Jersey auf. Am Haverford College studierte sie Kognitive Psychologie und Neurobiologie. In den Neunzigern arbeitete sie für "dot.com"-Startup-Unternehmen als Projektmanagerin und Software-Engineer, bevor sie ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckte und an der New England School of Photography studierte. Mittlerweile hat sie mehrere Preise gewonnen, ihre Fotos werden in vielen großen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Zur Zeit lebt sie in Philadelphia.


Kisan gehört zu den privilegiertesten Beduinendörfern, denn hier gibt es fließend Wasser und viele Häuser haben Strom. Per Jeep geht es weiter über holprige Straßen bis tief in die Wüste, wo die Zelte und provisorischen Hütten der Beduinen oft in großen Abständen voneinander entfernt liegen. Ziel ist ein Esel, der vor gut einem Monat von einem Wolf angegriffen wurde.

Ein Gesetz gegen Tierquälerei

"Er war schon halbtot, als wir kamen", berichtet Atrasch, inzwischen ist von den Wunden nichts mehr zu sehen. Das Tier ist noch immer sehr verängstigt, und Mussallem hat Mühe, den Esel festzuhalten, damit ihm sein Besitzer ein gepolstertes Band um den Fuß legen kann.

Die drei Tierschützer sind sich bewusst darüber, dass die Tiere dort besonders leiden, wo es auch den Menschen nicht gutgeht. "Das Leben der Beduinen ist hart", sagt Atrasch. "Aber früher hatten sie immer einen Stock oder Strick, um die Tiere zu schlagen, inzwischen wissen, sie, dass ein Klaps mit der bloßen Hand schon ausreicht." Das nächste große Ziel der Tierschützer: ein Gesetz, das die Strafverfolgung von Tierquälern vorsieht.