"Ich habe keine Angst mehr"

Hinterbliebene der Drogenkriegsopfer auf den Philippinen

© Michael Lenz

Irma (sechste von links) und Nanette mit dem Foto ihres Sohnes Aldrin Castillo und andere Mütter von Drogenkriegsopfern treffen sich zum Gedenken in der Kirche St. Paul United Methodist in Tondo.

Deutschland spricht 2019
"Ich habe keine Angst mehr"
Mütter von Drogenkriegsopfern auf den Philippinen kämpfen für Gerechtigkeit
30.000 Tote - das ist die bisherige Bilanz des philippinischen Drogenkriegs von Präsident Rodrigo Duterte seit seinem Amtsantritt im Sommer 2016. Opfer sind die Armen in den Slums der Großstädte. Gut 4000 angebliche Drogendealer und-kriminelle wurden von der Polizei erschossen, weil sie - so die offizielle Lesart Widerstand gegen ihre Festnahme leisteten. Die anderen 26.000 gehen auf das Konto anonymer Todesschwadronen. In diesen Fällen wird laut Polizei "ermittelt". Kein mutmaßlicher Killer wurde bisher gefasst und vor Gericht gestellt. Der Polizei hat Duterte Straflosigkeit im Drogenkrieg zugesichert. Kirchen spielen in der Widerstandsbewegung "Rise Up" gegen den blutigen "War on Drugs" eine führende Rolle.

Die Demonstration gegen den Drogenkrieg muss ausfallen. Es regnet und stürmt. Das ist in Manila im Herbst, der philippinischen Taifunsaison, nichts Ungewöhnliches. Die Frauen, Männer und Kinder, die zum ökumenischen Gebet für die Opfer des Drogenkriegs in die St. Paul United Methodist Kirche in Tondo gekommen sind, bleiben angesichts des Wetters lieber im schützenden Kirchengemäuer.

So manchem dürfte das auch aus Sicherheitsgründen lieber sein. Spitzel der Polizei sind überall. Proteste gegen und Kritik an Präsident Rodrigo Dutertes Drogenkrieg kommt bei den Mächtigen nicht gut an. Duterte selbst brandmarkt seine Gegner immer wieder als "Terroristen" und "Kommunisten" und macht keinen Hehl daraus, dass mit diesen kurzer Prozess gemacht werden sollte.

Die Mütter begehren auf

Nanette Castillo stammt aus Tondo, einem der vielen Armenviertel der philippinischen Hauptstadt. Ihr Sohn Aldrin wurde am 2. Oktober 2017 von der Polizei ermordet. "Sie haben fünf Kugeln auf ihn abgefeuert. Zwei in den Kopf und drei in Brust", sagt Castillo, 50, bitter. "Ich habe die Polizei gefragt: ‚Warum habt ihr meinen Sohn erschossen?'. Die Antwort lautete: ‚Aus Versehen.'"

Es sind tapfere Mütter von Drogenkriegsopfern wie Castillo, die gegen diese Willkür aufbegehren. Aus Tondo ist Castillo mit ihrer Familie weggezogen. "Wir waren hier nicht mehr sicher." Aber sie ist zu einer engagierten Aktivistin von "Rise Up" geworden. "Meinen Sohn werde ich nicht zurückbekommen. Aber ich will wissen, warum Aldrin sterben musste und ich verlange Gerechtigkeit", sagt sie und fügt entschlossen hinzu: "Ich habe keine Angst mehr."

Verregneter Straßenzug in Tondo. Hier war Castillo mit ihrer Familie nicht mehr vor dem Drogenkrieg sicher.

"Rise Up" ist ein Netzwerk bestehend aus protestantischen und katholischen Christen sowie säkularen Menschenrechtlern, das Familien der Drogenkriegsopfer unterstützt, Morde dokumentiert und zusammen mit Menschenrechtsanwälten die Opferfamilien bei Klagen vor dem Ombudsmann der Philippinen unterstützt. "Wir sind Gründungsmitglied von "Rise Up"", sagt Dr. Rommel Linatoc vom National Church Council der Philippinen (NCCP), dem Dachverband der protestantischen Kirchen. "Der Drogenkrieg wird gegen die Armen geführt. Die großen Drogenbarone kommen davon."

Für Linatoc ist der Drogenkrieg nur ein Aspekt der Verachtung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten durch Präsident Duterte. "Das ist ein systemisches Problem. Deshalb müssen wir das auch systematisch angehen", sagt Linatoc. Das heißt für den NCCP und "Rise Up" durch Aufklärung ein Bewusstsein für die "fundamentalen Menschenrechtsverletzungen" zu schaffen. Das ist nicht einfach.

Mord ist an der Tagesordnung

Die Philippinen gelten weltweit als eines der gefährlichsten Länder für Menschenrechtler, Umweltaktivisten, Regierungskritiker und kritische Journalisten. Unter Duterte wurden bereits dreizehn Journalisten umgebracht. Die Attentäter schrecken auch nicht vor Morden an Geistlichen zurück, wie die Ermordung von drei in der Menschenrechtsbewegung aktiven katholischen Priestern in diesem Jahr zeigte. Ausländische Kritiker seiner Menschenrechtspolitik lässt Duterte aus dem Land weisen, wie jüngst die katholische Nonne Patricia Fox, die 27 Jahre als Missionarin auf den Philippinen wirkte oder im Frühjahr dieses Jahres drei Pastoren der Methodisten.

Die Zustimmung des Volkes zu Dutertes Drogenkrieg ist neuesten Umfragen zu Folge leicht rückläufig, aber mit über 70 Prozent noch immer sehr hoch. Unter den Befürwortern der Morde sind auch viele protestantische und katholische Pastoren, während die Kirchenführungen den Drogenkrieg verurteilen. Jayeel Cornelio, Soziologe an der katholischen Ateneo Universität in Manila, hat in einer kürzlich veröffentlichten Studie belegt, warum viele Christen für den Drogenkrieg sind. Sie folgten einem "zugrunde liegenden theologischen Rahmenwerk":  sie glauben Duterte sei von Gott auserwählt, als Richter den konfliktgeplagten Philippinen Gerechtigkeit zu bringen, auch wenn es Menschenleben kostet. "In dieser Situation verlassen sich die Gläubigen lieber auf ihre Gemeindepriester als auf Bischöfe", sagt Cornelio gegenüber evangelisch.de

Irma Locasi am Todesort ihres Sohnes.

Traurig steht Irma Locasi in einer düsteren Gasse im Armenviertel Bagong Silangan in Quezon City. Auf dem Boden haben Kinder mit weißer Kreide einen Hüpfkasten gemalt. "Hier haben sie meinen Sohn Bong Bong erschossen", sagt Irma und kämpft mit den Tränen. Das war am 31. August 2016, zwei Monate nachdem Duterte Präsident geworden war. Gegen 23 Uhr hatten Unbekannte eine Totenwache überfallen, an der Bong Bong teilgenommen hatte. Die bewaffneten, maskierten Männer zerrten Bong Bong in die Gasse und erschossen ihn. "Bong Bong wollte sich ergeben", weiß Locasi von Zeugen. "Sie haben ihn trotzdem erschossen."

Hilfe, um das Trauma zu bewältigen

Irma Locasi
Wer "sie" sind, ist unklar. "Manchmal ist es die Polizei, manchmal sind es anonyme Todesschwadronen", weiß Roselle Tullao, die als Sozialarbeiterin von "Rise Up" Hinterbliebene wie Locasi betreut. "Wir helfen Witwen und Eltern das Trauma zu bewältigen." Und "Rise Up" unterstützt die Opfer juristisch. "Mit Hilfe der ‚Nationalen Vereinigung der Volksanwälte' haben wir Klage vor dem internationalen Strafgerichtshof eingerecht", sagt Tullao mit einem gewissen Stolz. "Irma ist eine der Klägerinnen."

Irma Locasi nickt zustimmend. Sie ist zwar arm, verdient als Straßenkehrerin 1996 Pesos (32 Euro) im Monat. Damit muss sie über die Runden kommen, einschließlich der Medikamente für ihren Mann, der seit einem Schlaganfall arbeitsunfähig ist. Aber Irma lässt sich nicht unterkriegen. Für Gerechtigkeit zu kämpfen, ist für die Mutter von zwei erwachsenen Kindern eine Selbstverständlichkeit.

Locasi ist auch zu dem Gebet für Gerechtigkeit nach Tondo gekommen. Mit versteinerter Mine hört sie der Ansprache des Gemeindepastors von St. Paul zu. Als Franciso Aviso sagt: "Gott hasst Ungerechtigkeit. Er ist ein Gott der Gerechtigkeit", spricht er den 70 Angehörigen von Drogenkriegsopfern aus dem Herzen. Sie stellen  Fotos ihrer erschossenen Väter, Söhne, Ehemänner und Onkel vor den Altar und schmücken sie mit weißen Rosen.

Santi kämpft im Gottesdienst mit den Tränen.

Unter den Trauernden ist auch Santi, ein neun Jahre alter Junge. Ihm kommen die Tränen bei der Erinnerung an seinen getöteten Onkel. "Ich verstehe nicht, warum bei uns in Tondo Menschen einfach erschossen werden", sagt der aufgeweckte Junge in gutem Englisch.

Am Ende der Veranstaltung stehen die Frauen, Männer, Aktivisten und Priester in einem Kreis - sie singen ein Kirchenlied, halten eine brennende Kerze in der linken Hand und haben die erhobene rechte Hand zu einer Faust geballt. Auch Santi. Als Kind aus einem Slum weiß der Neunjährige schon sehr genau, dass dieses Gebet für Gerechtigkeit nicht nur religiöses Trauerevent ist, sondern auch ein Manifest des Widerstands der Armen gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und gegen die Gewaltherrschaft von Duterte.