Make Antisemitism Great Again: Der neue alte Judenhass in den USA

Juden im Alltag in den USA

©Ashley Gilbertson/VII/Redux/laif

Mitglieder der Satmar Hassidic Gemeinde, einer chassidischen Gruppierung, auf der Straße in Williamsburg, New York.

Nicht erst seit dem Anschlag auf eine Synagoge in Pittsburgh spüren Jüdinnen und Juden den zunehmenden Antisemitismus in den USA. Sina Arnold vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin über eine gespaltene Gesellschaft.

"Jews will not replace us" – "Juden werden uns nicht ersetzen" – so riefen weiße Nationalist_innen, Neonazis und andere Anhänger_innen der politischen Rechten im August letzten Jahres in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia auf einer Demonstration unter dem Motto "Unite the Right". In den anschließenden Auseinandersetzungen wurden zahlreiche Gegendemonstrant_innen verletzt und eine von ihnen getötet, als ein Rechtsextremer mit dem Auto in die Menge fuhr. Ein gutes Jahr später, am 27. Oktober 2018, ereignete sich der tödlichste Angriff auf Juden und Jüdinnen in der Geschichte der Vereinigten Staaten, als elf Teilnehmende eines Gottesdienstes der "Tree of Life"-Synagoge in Pittsburgh, Pennsylvania, erschossen wurden. Der Schütze hatte zuvor in sozialen Medien seine antisemitischen und rassistischen Haltungen wie auch seine Nähe zum weißen Suprematismus ausgedrückt.

Für viele Juden und Jüdinnen in Amerika rahmen die beiden Ereignisse ein Jahr, in dem sich etwas Grundlegendes verändert hat. Antisemitische Vorfälle stiegen 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 57 Prozent an. Lange Zeit hatte es geschienen, als ob der Antisemitismus in den USA der Vergangenheit angehörte. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren Juden zu einer etablierten Minderheit im amerikanischen melting pot geworden, die – anders als Schwarze – nicht von struktureller Diskriminierung betroffen waren.

Sicherlich lebten historische Traditionen des Antisemitismus auf unterschiedlichen Ebenen fort: das Selbstverständnis der Vereinigten Staaten als christliche Nation, die alltägliche Konfrontation mit alten Stereotypen von Juden als mächtig, einflussreich, geldgierig oder einfach "anders", das Missionieren christlich-zionistischer Gruppen, die Angst vor radikalen Islamisten oder auch der erstarkende Antizionismus linker Bewegungen, der sich teilweise auch antisemitisch artikulierte. Insbesondere die letzten beiden Gruppen rückten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unter dem Schlagwort eines "Neuen Antisemitismus" oftmals in den Mittelpunkt der Debatten. Doch alles in allem konnten die etwa sieben Millionen Juden und Jüdinnen ihr Jüdischsein – ob nun orthodox, liberal, konservativ, säkular, zionistisch, antizionistisch – selbstverständlich und angstfrei ausleben und hatten in den USA ein Zuhause gefunden.

Trumps Handlungen bereiten den Nährboden für Antisemitismus

Für viele änderte sich dies mit der Präsidentschaftskandidatur Donald Trumps. Denn obwohl der Präsident sich als "die am wenigsten antisemitische Person, die Sie in Ihrem Leben gesehen haben" bezeichnet, dazu gerne auf seine zum Judentum konvertierte Tochter verweist und eine dezidiert pro-israelische Politik verfolgt, bereitet seine hetzerische Rhetorik doch dem gegenwärtigen Antisemitismus einen Nährboden. Nicht nur hatte er bereits im Wahlkampf vor zwei Jahren eine zweifelhafte Bildsprache verwendet, etwa in einem Werbespot, in dem neben Hillary Clinton auch drei prominente Juden für die Probleme der USA beschuldigt wurden. Er zeigte auch keine Berührungsängste zur Alt-Right-Bewegung, deren zentrale Figur Steve Bannon ein Jahr lang Trumps Berater und Chefstratege im Weißen Haus wurde.

Antisemitismus fiel Trump ebenso schwer beim Namen zu nennen – etwa in seinem Statement zum Holocaust-Gedenktag 2017, welches jüdische Opfer unerwähnt ließ – wie die Handlungen der Rechten, etwa in Charlottesville, klar zu verurteilen. Der Schütze von Pittsburgh legitimierte seine Taten mit dem Hass auf eine jüdische Flüchtlingshilfeorganisation – die "Hebrew Immigrant Aid Society" (HIAS) – und der Vorstellung, diese würde (muslimische) Geflüchtete ins Land bringen, die Amerikaner "abschlachten" wollten. Derlei Vorstellungen bereitet der Präsident mit seiner Immigrations- und Flüchtlingspolitik und seiner antimuslimischen Hetze aber jeden Tag den Weg.

Die Reaktionen jüdischer Amerikaner und Amerikanerinnen auf diese politischen Entwicklungen fallen unterschiedlich aus. Nach dem Attentat von Pittsburgh etwa verurteilten zwar alle großen jüdischen Organisationen die Tat sehr schnell, doch unterschieden sich die Erklärungen für das Ereignis. Die amerikanisch-jüdische Gemeinschaft wählt traditionell eher demokratisch, Gruppen mit Namen wie "Jews against Trump" verbinden ein ethnisch-religiöses mit einem politischen Selbstverständnis und sehen sich in einer langen Linie des jüdisch-amerikanischen Engagements für andere gesellschaftliche Minderheiten, etwa in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. In einem offenen Brief der progressiv-jüdischen Organisation "Bend the Arc" sprachen sich mehr als 80.000 Unterzeichnende gegen Trumps Besuch in Pittsburgh aus und forderten, er möge das Motiv des Attentats klar benennen: den weißen Nationalismus, die Ideologie der weißen Vorherrschaft.

Aber es fanden sich auch andere Stimmen, etwa Rabbi Jeffrey Myers der "Tree of Life"-Synagoge, der Trump willkommen hieß; Rabbi Loren Jacobs, der als Vertreter der umstrittenen messianisch-jüdischen Bewegung auf Einladung von Vizepräsident Mike Pence in Pittsburgh sprach, oder Naftali Bennett, israelischer Minister für Diaspora-Angelegenheiten und Vorsitzender der national-religiösen Partei "Jüdisches Heim", der die Trauernden besuchte und Trump in Schutz nahm. Ihre Haltungen wurden unterstützt von den eher konservativeren Teilen der jüdischen Gemeinschaft, die auf Trumps klare pro-israelische Linie vertrauen. Sie sehen die größere Gefahr für jüdisches Leben in den USA eher von Muslimen und der politischen Linken, etwa auf College-Campussen oder in der BDS-Bewegung, ausgehen. Hier drückt sich auch eine Trennlinie aus, waren doch der Bezug auf Israel und den Holocaust für lange Zeit die beiden tragenden Säulen jüdisch-amerikanischer Identität. Diese Säulen bröckeln gerade bei der jüngeren Generation.

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Reaktionen sicherlich, dass sie versuchen, einen Umgang mit der Angst zu finden. In den USA ist zu beobachten, was auch für Europa gilt: In einer aktuellen Umfrage gaben 66 Prozent der Juden und Jüdinnen in acht EU-Staaten an, dass Antisemitismus ein Problem sei. In Deutschland zeigte eine Studie unter mehr als 500 Juden und Jüdinnen, dass 78 Prozent der Befragten eine Zunahme von Antisemitismus wahrnehmen und 83 Prozent einen weiteren Anstieg in den kommenden Jahren befürchten. Auch hier finden sich unterschiedliche Akteure, Neueingewanderte wie Alteingesessene.

Klar ist, dass diesseits wie jenseits des Atlantiks der politische Rechtsruck auch Juden wieder zur Zielscheibe werden lässt – oftmals neben anderen Minderheiten. Nach dem Anschlag in Pittsburgh sammelten auch deswegen muslimische Communities Geld für die Synagoge und die Angehörigen, mehr als 200.000 Dollar kamen zusammen. Vielleicht sind es diese Formen von interreligiöser Kooperation und Solidarität unter jenen, die von Rassismus und Antisemitismus betroffen sind, die nach vielen Jahren die schwelenden Konflikte zwischen jüdischen, schwarzen und muslimischen Communities in den USA paradoxerweise ein Stück weit beilegen können.