Opfervertreter: Missbrauch im Bistum über Jahrzehnte untersuchen

Messdienser im Gottesdienst

© epd-bild/Annette Zoepf

Messdiener sind schon lange Opfer von Missbrauch in der Kirche.

In der Diskussion um Missbrauch in der Kirche hält der Opfervertreter Matthias Katsch eine umfassende unabhängige Untersuchung der Situation im katholischen Bistum Hildesheim seit den 1950er Jahren für dringend geboten.

Zwei ehemalige Messdiener hatten unabhängig voneinander Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Bischof Heinrich Maria Janssen (1907-1988) erhoben, der das Bistum von 1957 bis 1982 leitete. Mit ihm steht erstmals in Deutschland ein katholischer Bischof posthum unter Missbrauchsverdacht.

Posthumer Missbrauchsverdacht

"Es ist auffällig, dass sich in den Jahren nach Bischof Janssen das Leitungspersonal des Bistums aus Menschen rekrutierte, die in einem engen Verhältnis zu ihm standen", sagte Katsch, Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch". Es passe in dieses Bild, dass die Verantwortlichen des Bistums später offenbar im Fall des inzwischen suspendierten Priesters und mutmaßlichen Missbrauchstäters Peter R. nicht konsequent genug gehandelt hätten, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).  

In der vergangenen Woche waren neue Missbrauchsvorwürfe gegen den 1988 gestorbenen Bischof Janssen bekanntgeworden. Ein früherer Messdiener, heute über 70 Jahre alt, hatte sich beim Bistum gemeldet und angegeben, ab 1957 von Janssen und anderen missbraucht worden zu sein. Der Leiter eines Hildesheimer Kinderheims, ein Priester, soll den Jungen damals zu Bischof Janssen gefahren und wieder abgeholt haben.

Die Täter gingen systematisch vor

Laut Katsch deutet dies auf ein "systematisches Vorgehen" hin. Ähnliche Fälle seien aus den USA bekannt. "Man kann nicht auf die Selbstreinigungskräfte einer Organisation vertrauen, wenn es bis in die Spitzen geht", betonte Katsch. Deshalb müssten zur Aufklärung unabhängige Experten hinzugezogen werden, am besten eine staatliche Kommission.

Der katholische Bischof Heiner Wilmer vom Bistum Hildesheim.
Der neue Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer, der seit September im Amt ist, hatte nach dem Bekanntwerden der neuen Vorwürfe bereits angekündigt, Fachleute von außen mit einer Untersuchung zu beauftragen. Die Initiative "Eckiger Tisch" bildete sich 2010 nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg aus ehemaligen Jesuitenschülern.

Der ehemalige Jesuitenpater Peter R. arbeitete zwischen 1982 und 2003 im Bistum Hildesheim. Er gilt als einer der Haupttäter im Missbrauchsskandal am Berliner Gymnasium Canisius-Kolleg, der im Januar 2010 bekanntwurde. Seine dortigen Taten aus den 1970er und 80er Jahren sind aber verjährt. Aus seiner Zeit im Bistum Hildesheim konnten laut einem Gutachten elf Fälle sexualisierter Gewalt nachgewiesen werden.



Das Münchner Institut für Praxisforschung und Praxisberatung warf dem Bistum vor einem Jahr ein "Muster des Wegschauens" vor. Die Gefährdung durch Peter R. sei über die Jahrzehnte wissentlich in Kauf genommen worden. Keine Gemeinde, in die der Priester versetzt wurde, sei über die Gefahr informiert gewesen, die von ihm ausgegangen sei.