TV-Tipp: "Rufmord" (Arte)

9.11., Arte, 20.15 Uhr
Altmodischer Fernseher steht auf Tisch

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Eine Frau schwimmt nackt in einem See. Die Kamera zeigt sie aus der Vogelperspektive; als sie sich auf den Rücken dreht, sieht von hoch oben aus wie zappelndes X-Chromosom in der Ursuppe. Diese Frau ist Luisa, eine Grundschullehrerin, wie Eltern sie sich für ihre Kinder wünschen: unverbraucht, engagiert, kreativ und entsprechend beliebt; außer bei ihren neidischen ältlichen Kolleginnen.

Die Aufnahmen zu Beginn dieses eindringlichen und zunehmend düsteren Dramas sind nicht erotisch, sondern verdeutlichen die Verletzlichkeit Luisas, denn die Frau erlebt einen Spießrutenlauf, an dessen Ende ihre Existenz zerstört ist. Das Trio Claudia Kaufmann, Britta Stöckle (Drehbuch) und Viviane Andereggen (Regie) erzählt die Geschichte in Form einer geschickten Rückblendenkonstruktion, deren Rahmen die Arbeit der Polizei bildet: Im Haus der spurlos verschwundenen Kleinstadtlehrerin finden sich eindeutige Hinweise auf ein Gewaltverbrechen; die leitende Kommissarin (Verena Altenberger) geht davon aus, dass Luisa ermordet worden ist.

Die Ermittlerin ist jedoch nur eine Nebenfigur, denn "Rufmord" ist kein Krimi, sondern das Drama einer Frau, die zum Opfer einer Macht wird, gegen die sie keine Chance hat: Kurz nachdem Luisa einem Jungen die Empfehlung fürs Gymnasium verweigert hat, taucht ein Nacktfoto auf der Homepage der Schule auf. Das Bild ist rasch gelöscht, aber jemand hat dafür gesorgt, dass es über sämtliche E-Mail-Verteiler verschickt worden ist. Die ohnehin distanzierten Kolleginnen haben statt Solidarität oder Mitgefühl bloß Häme zu bieten, und alles, was eine Polizistin (Lilly Forgách) Luisa zu sagen hat, ist eine Belehrung: Wer sich gar nicht erst nackt fotografieren lässt, muss auch nicht fürchten, dass solche Bilder im Netz auftauchen. Die Herkunft des Bildes ist immerhin rasch geklärt: Der Fotograf war Luisas Ex-Freund. Er hat das Foto vor Jahren auf eine Rache-Website gestellt, aber mit der aktuellen Aktion hat er ebenso wenig zu tun wie die herbe frühere Lebensgefährtin (Eli Wasserscheid) ihres jetzigen Freundes Finn (Shenja Lacher). Die nächste Attacke ist ein fingierter Internet-Auftritt, der nahelegt, die Lehrerin würde sich als Prostituierte anbieten. Nach einer hässlichen Auseinandersetzung am Elternabend wird Luisa beurlaubt, kurz drauf erleidet sie einen Nervenzusammenbruch.

Rosalie Thomass ist die perfekte Besetzung für diese Rolle, und das nicht nur, weil sie in der Szene mit den Eltern intensiv vermittelt, wie in der Lehrerin etwas für immer zerbricht. Sie verkörpert Luisa zunächst als Frau zum Verlieben: attraktiv, offen, zugewandt; ein echter Sonnenschein. Entsprechend warm und sonnig ist auch Martin Langers Bildgestaltung: Nichts scheint das Glück der jungen Frau trüben zu können. Das knallige Rot ihrer Lippen und die Rottöne, die ihre Kleidung dominieren, verleihen ihren Auftritten eine zusätzliche Signalwirkung. Umso krasser ist der Kontrast zu den düsteren Gegenwartszenen, denen sich mit fortlaufender Handlung auch die Rückblenden immer mehr angleichen: Nicht nur die immer farbloser gekleidete und ungeschminkte Luisa, auch die Bilder verlieren ihre Strahlkraft; selbst das Wetter wird schlechter. Das mag als ästhetisches Konzept etwas schlicht klingen, verfehlt aber seine Wirkung nicht, zumal Luisas Dasein trister und trister wird. Im Gegensatz zur zugereisten Lehrerin ist ihr Freund in dem oberbayerischen Ort verwurzelt. Entsprechend gut kennt er auch den Mann, den sie für das Cybermobbing verantwortlich macht: Georg Bär ist der Vater des kleinen Paul, dem Luisa nicht zutraut, dem Leistungsdruck des Gymnasiums standzuhalten. Johann von Bülow versieht diesen Bauunternehmer mit zwei Gesichtern: In der Öffentlichkeit gibt er sich freundlich und hilfsbereit; seine großzügigen Spenden haben der Schule schon aus manchem Engpass helfen, weshalb die Rektorin (Johanna Gastdorf) Luisa nahelegt, bei Paul ein Auge zuzurücken. Zuhause entpuppt sich Bär jedoch als aggressiver Choleriker, der keine Geduld mit seinem Sohn hat und seine Frau (Ulrike C. Tscharre) ziemlich abstoßend behandelt. Die Kommissarin ist schockiert, dass die Polizistin, die Bär natürlich ebenfalls kennt, nichts unternommen hat, als Luisa ihn angezeigt hat; womöglich könnte sie noch leben.

Vivane Anderegger hat vor einigen Jahren mit einem Debüt auf sich aufmerksam gemacht, das nicht nur wegen des Titels ungewöhnlich war ("Simon sagt auf Wiedersehen zu seiner Vorhaut", 2015). Es folgte ein durchschnittlich guter "Hattinger"-Krimi (2016) sowie eine grandios gespielte witzige Komödie mit Martin Brambach über eine Familie, die statt der erwarteten englischen Austauschschülerin einen kleinen Inder bekommt ("Kein Herz für Inder", 2017). Mit "Rufmord" ist die Regisseurin beim Drama angelangt, und dieses Genre beherrscht sie offensichtlich ebenfalls, zumal sich auch dieser Film durch vorzügliche schauspielerische Leistungen auszeichnet. Gerade das Zusammenspiel von Thomass und Bülow durchläuft das ganze Spektrum zwischenmenschlicher Beziehungen, was der Geschichte schließlich einen kleinen Knüller beschert. Davon abgesehen ist "Rufmord" eine bedrückende Fallstudie über die Folgen von Cybermobbing.

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