"Was fehlt, ist eine Didaktik"

Interview mit Christiane Rösener, Gymnasiallehrerin und Fachleiterin für Evangelische Religion am Studienseminar in Hannover
Kinder am Schultisch basteln ein Kreuz.

© Helen Rushbrook / Stocksy

Der konfessionelle Religionsunterricht, der noch aus der Nachkregszeit stammt, muss sich an eine "neue" Welt anpassen.

Gemeinsam mit anderen hat Christiane Rösener das Lehrwerk "Religion im Dialog" für einen konfessionell-kooperativen Religionsunterricht herausgegeben. Die Herausgeber legen damit eine Didaktik für den Religionsunterricht vor, die an die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler anknüpfen und sie auf den Dialog außerhalb des Klassenzimmers vorbereiten soll.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für den Religionsunterricht in Deutschland?

Christiane Rösener: Verändert sich die Gesellschaft, dann verändert sich natürlich auch der Religionsunterricht. Der konfessionelle Religionsunterricht stammt noch aus der Nachkriegszeit. Damals war alles sehr homogen und es gab tatsächlich nur evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler, für die der Religionsunterricht gestaltet wurde.

So sieht die Welt heute nicht mehr aus. Auf der einen Seite haben wir viel mehr Religionen, die nicht erst seit 2015 in unser Land gekommen sind und auf der anderen Seite gibt es immer mehr Leute, die sich keiner Religion zugehörig fühlen. Oder eben formal konfessionell Gebundene, die trotzdem nicht wissen, was eine Taufe bedeutet und wie es in einer Kirche aussieht.

Die Fähigkeit, Religion zu verstehen oder religiöse Praxis nachvollziehen zu können, hat in den letzten Jahren enorm abgenommen. Es geht darum, religiös bedingte Konflikte nachzuvollziehen und sich selbst zwischen religiösen Traditionen verorten zu können. Es geht darum, sich selbst einer Tradition zugehörig zu fühlen oder zumindest zu wissen, welche Traditionen es überhaupt gibt.

Wir tun immer noch so, als ob wir den Schülerinnen und Schülern nur erklären müssten, was sie sowieso in der Praxis erleben. Aber die meisten haben gar keine Praxis. Und hier müssen wir an die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler anknüpfen.

"Gelebte Formen von Religion unterscheiden können"

Was sollen die Schülerinnen und Schüler in einem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht lernen?

Rösener: Religion ist als Thema in der Gesellschaft sehr präsent. Hier sind wir oft mit Vorurteilen oder vermeintlichem Halbwissen konfrontiert. Die Schülerinnen und Schüler müssen in die Lage versetzt werden, sich dazu zu positionieren.

Sie sollen vor allem gelebte Formen von Religion unterscheiden können und lernen, dass es in jeder Tradition Formen von Religion gibt, die den Menschen klein macht und Konflikte schürt, sowie Formen, die zum Zusammenleben beitragen. Die Schülerinnen und Schüler sollen darüber nachdenken, in welchem Verhältnis sie zu diesen Traditionen stehen.

Mit unserem Lehrbuch "Religion im Dialog" wollen wir auch die Dialogfähigkeit fördern. Deshalb gibt es viele Aufgabenstellungen, die die Schülerinnen und Schüler zum Dialog untereinander und mit anderen auffordern. Dadurch sollen sie einüben, am Dialog außerhalb des Klassenzimmers teilzunehmen.

Welche Aufgabe übernimmt die Lehrkraft dabei?

Rösener: Die Lehrkraft ist natürlich konfessionell gebunden und steht damit in einer Tradition, in der sie sich besser auskennt als bei anderen. Im Idealfall weiß sie möglichst viel über andere Konfessionen und Religionen. Sie soll das angebotene Material mit dem verknüpfen, was von den Schülerinnen und Schülern angeboten wird – egal ob sie evangelisch oder katholisch, jüdisch, muslimisch, buddhistisch oder überhaupt nicht konfessionell gebunden sind.

"Differenzen müssen nicht zu Konflikten führen"

Interreligiöser oder interkonfessioneller Dialog ist aber ja nichts Neues. Hinkt da der Religionsunterricht der religiösen Praxis hinterher?

Rösener: Was fehlt, ist eine Didaktik, die nicht nur betont, wie wichtig es ist, mit anderen ins Gespräch zu kommen, sondern die auch zeigt, wie man über die Themen des Religionsunterrichts direkt ins Gespräch kommen kann. In dieser Hinsicht hinkt der Religionsunterricht hinterher, ja. Aber auch der Dialog zwischen evangelischer und katholischer Kirche unterliegt Wellenbewegungen: Mal klappt es ganz gut, dann ist wieder Abgrenzung angesagt.

Im Religionsunterricht soll es darum gehen, die Schülerinnen und Schüler untereinander ins Gespräch zu bringen. Es geht um die gemeinsamen Herausforderungen, aber eben auch darum, Differenzen aufzuzeigen. Uns ist es schon wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, dass es sehr verschiedene Traditionen gibt. Aber religiöse Differenzen müssen ja nicht zu Konflikten führen.

Das Lehrwerk "Religion im Dialog" für die Klassen 5 und 6, herausgegeben von Susanne Bürig-Heinze, Rainer Goltz, Christiane Rösener und Beate Wenzel, ist 2018 im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen.

Wir wollen nicht bei den Konfliktherden anfangen, sondern deutlich machen, dass es immer sehr unterschiedlich ist, wo Religion gelebt wird. Zum Beispiel das Kapitel "Was ist uns heilig?" in unserem Lehrwerk: Dort zeigen wir verschiedene heilige Orte, heilige Bücher und als heilig bezeichnete Personen und lassen Menschen unterschiedlicher Traditionen zu Wort kommen. Das ist einfach ein Thema, das alle Religionen ins Gespräch bringt.

Wo soll es Ihrer Meinung nach hingehen mit dem Religionsunterricht in Deutschland?

Rösener: Ich halte es für sehr wichtig, dass vorne eine Person steht, die für eine spezielle Tradition steht. Mit der Lehrkraft sollten die Schülerinnen und Schüler zumindest eine Person erleben, die sich einer religiösen Tradition zugehörig fühlt und an der sie sich abarbeiten können. Ein religionswissenschaftlicher Blick, der nur von oben auf Religionen schaut und vergleicht, wird Religionen meiner Meinung nach nicht gerecht. Das macht sie zu abstrakt, obwohl Religionen das Leben von Menschen durchaus sehr bestimmen können.

Ich würde es schön finden, wenn es in einem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht die Möglichkeit eines Lehrertausches gäbe. Dann könnten die Schülerinnen und Schüler mit Menschen aus verschiedenen Traditionen direkt ins Gespräch kommen. Und wo dieser direkte Kontakt nicht möglich ist, da sollten andere religiöse Traditionen zumindest medial ins Klassenzimmer geholt werden.