Wenn die Kirche zu klein wird: Kleinmachnow zieht um

Neuer Kirchbau von der Evangelischen Auferstehungs-Kirchengemeinde in Kleinmachnow. Nebenan läuten die Glocken im Turm der alten Dorfkirche.

Foto: Anett Kirchner

Wenn die Gemeinde im neuen Kirchsaal in Kleinmachnow einen Gottesdienst feiert, läuten die Glocken im Turm der Dorfkirche nebenan.

Vor zwei Jahren waren wir schon einmal in Kleinmachnow bei der Auferstehungsgemeinde. Wo einst die freigelegten Fundamente archäologischer Grabungen zu sehen waren, steht heute die neue Kirche. Zwar überwiegt die Freude, doch der Abschied vom Gewohnten fällt manchen schwer.

Wer den neuen Kirchsaal am Zehlendorfer Damm in Kleinmachnow in Brandenburg betritt, schaut automatisch zuerst nach oben in den Himmel. Hoch oben, wo die Dachflächen zusammentreffen, bilden zwei Fensterreihen den Dachfirst. "Sofern ich mich darauf einlasse, kann ich hier eine individuelle Beziehung zu meinem Gott aufbauen", schildert es Anke Mühlig von der Evangelischen Auferstehungs-Kirchengemeinde Kleinmachnow. Seit Ostersonntag findet in dem Neubau das Gemeindeleben statt. Die Freude ist bei allen Beteiligten zu spüren. Vor allem, weil das Bauprojekt nach langjähriger, mühsamer Planungsphase zu guter Letzt im Zeit- und Kostenrahmen abgeschlossen werden konnte.

Der neue Kirchsaal: 500 Quadratmeter groß und elf Meter hoch mit einem sichtbaren Tragwerk aus hellem Holz.

Ein Teil des Bauzaunes steht noch, umsäumt den frisch gepflasterten Parkplatz neben dem neuen Gemeindehaus mit dem Kirchsaal. Die äußere Form des lang gestreckten Gebäudes ist einem historischen Stall nachempfunden, der früher an dieser Stelle stand. Denn von hier aus entwickelte sich der Ort. Im mittelalterlichen Dorfkern stand einst ein Gutshof, von dem drei Gebäudeteile erhalten sind: eine Mühle, das Eingangstor und die alte Dorfkirche von 1597. In dieses Gebäude-Ensemble fügt sich nun der Neubau ein.

Ein neuer Kirchsaal in Anlehnung an einen Stall, der sich neben die alte Dorfkirche stellt; der Mutterkirche sozusagen. Für Anke Mühlig, die seit 16 Jahren Mitglied der Gemeinde ist, hat das eine besondere Symbolkraft - alt und neu bilden eine Einheit. Wenn im neuen Kirchsaal Gottesdienst gefeiert wird, läuten nebenan die Glocken im Turm der Dorfkirche. Wenn andererseits Hochzeiten, Taufen oder Gottesdienste in der Dorfkirche stattfinden, können die Besucher nachher ins Gemeindehaus nach nebenan gehen und noch ein wenig zusammensitzen und Kaffee trinken.

"So wird die alte Dorfkirche aufgewertet", sagt Cornelia Behm, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. Zudem habe man bei der Planung des Neubaus darauf geachtet, dass sich das neue Gebäude dem alten anpasse, etwa die "Traufhöhe" nicht über jener der Dorfkirche stehe. Dass der Neubau eine Reminiszenz an ein Stallgebäude ist, gefällt Pfarrer Jürgen Duschka, da auch Christus "in einem Stall geboren wurde".

Der Entwurf für das Gemeindehaus stammt von den Architekten Löffler und Kühn aus Berlin. Sie hatten sich für die Bauausführung mit dem Büro des Architekten Thomas Klatt aus Kleinmachnow zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Der Grundstein für den Neubau wurde im November 2016 gelegt. Eine "Kirche" völlig neu zu bauen, war für alle eine Premiere.

"Wir wussten, dass wir alles geben müssen, was uns zur Verfügung steht", erzählt Thomas Klatt, der selbst Christ ist. So entstand ein 500 Quadratmeter großer und elf Meter hoher Kirchsaal mit einem sichtbaren Tragwerk aus hellem Holz. Speziell dieses sei zum Beispiel für die Akustik des Raumes entscheidend. "Das Tragwerk zerstreut den Schall", erklärt Thomas Klatt. Die akustischen Anforderungen an den Saal seien hoch gewesen, da die Gemeinde sehr musikalisch sei. Es gibt mehr als 400 Sängerinnen und Sänger in verschiedenen Chören.

Die akustischen Anforderungen an den Saal waren hoch, denn die Gemeinde ist eine sehr musikalische Gemeinde. Der Platz für die Orgel auf der Empore ist noch frei.

Auch für die künftige Orgel wurde eine Empore über dem Altarraum eingerichtet. Ihr Platz ist bislang noch frei. "Das ist unser nächstes Projekt, das wir jetzt vorbereiten", sagt Elke Rosenthal. Sie und Jürgen Duschka sind die Pfarrer der Kleinmachnower Auferstehungsgemeinde. Die Orgel soll mit Hilfe von Fundraising finanziert werden. Ähnlich wird das im Moment mit den fehlenden Stühlen im Kirchsaal gemacht. Unter dem Titel "Nehmen Sie Platz" hat die Gemeinde eine Spendenaktion gestartet. 180 Stühle sind bereits finanziert. 400 Sitzgelegenheiten fasst der Saal insgesamt. Das Ziel: bis Weihnachten sollen alle Stühle stehen.

Insgesamt hat der Neubau 3,5 Millionen Euro gekostet. Ein wichtiger Finanzierungsbaustein war hierbei der Verkauf der bisherigen Auferstehungskirche am Jägerstieg an die Gemeinde des Ortes Kleinmachnow. Der DDR-Bau aus den 1950er Jahren hatte einen Saal mit kleinem Kirchturm und Gemeindehaus. Diese Räume waren jedoch längst zu klein geworden. Im Gegensatz zu vielen Kirchengemeinden in Deutschland mit sinkenden Mitgliederzahlen wächst die Gemeinde in Kleinmachnow - seit 1990 von 1.400 auf jetzt etwa 5.500 Mitglieder. Der Ort grenzt direkt an Berlin und viele evangelische Familien zieht es hierher.

Obwohl die bisherige Kirche schon lange nicht mehr den Bedürfnissen der Gemeinde entsprach, hingen viele an dem Gebäude. "Bei dem Entwidmungsgottesdienst am Karfreitag sind Tränen geflossen", erzählt Elke Rosenthal. Es sei ein emotionaler Abschied gewesen. Jedem besonderen Platz im Kirchenraum habe man einen Moment der Stille und des Gebetes gewidmet. Nachher wurden liturgische Gegenstände in einer Prozession, an der sich circa 200 Menschen beteiligten, zur alten Dorfkirche getragen.

Von links: die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Cornelia Behm, Pfarrer Jürgen Duschka, Pfarrerin Elke Rosenthal, Textilkünstlerin Anke Mühlig und Architekt Thomas Klatt.

Nicht jedem fiel das leicht. Um es für jene, die an ihren Erinnerungen besonders hingen, ein wenig leichter zu machen, initiierte Anke Mühlig, die Textilkünstlerin ist, ein Stoff-Projekt. Die Gemeindemitglieder sammelten Stoffe, die eine persönliche Geschichte über ihre Kirche erzählen - etwa Braut- oder Taufkleider, Arbeitshosen, Einkaufsnetze.

Insgesamt sammelten die Frauen 92 "Stoffgeschichten" und verschriftlichten sie. Eine Gruppe von neun Frauen trennte, zerlegte und sortierte in ehrenamtlicher Arbeit die Textilstücke und nähte sie in drei Stoffbannern von jeweils 0, 74 mal 7 Meter zusammen. Die so entstandenen "Himmelsleitern" schmücken heute die Dachkonstruktion im Inneren des neuen Kirchsaales. Auf diese Weise konnten die Geschichten der Menschen hierher mitgenommen werden.  

Außen einfach, innen prachtvoll

Und weil die Gemeinde den Namen "Auferstehung" trägt, war es kein Zufall, dass der neue Kirchsaal an Ostersonntag gewidmet wurde - im Beisein des Bischofs der Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge.

Etwa 700 Gäste kamen zum Eröffnungsgottesdienst. Weil das neue multifunktionale Gemeindehaus so konzipiert ist, dass die Räume um den Saal zu einem noch größeren Raum geöffnet werden können, reichte der Platz. Aber es war eine Herausforderung für die Gemeinde gleich zu Beginn. Da in dem neuen Kirchsaal viel Technik eingebaut ist, wie Jalousien, Lüftung, Tonanlage, Beamer, Oberlichter.

"Wir üben noch…", lacht Elke Rosenthal. Etwa ein Jahr Probezeit gebe sie der neuen Kirche. "Mal sehen, was sich durchsetzt und was nicht." Damit meint sie zum Beispiel den Altar, der im Moment ein Provisorium ist. Er wurde aus demselben Holz wie die Dachbalken gefertigt – einem Brettschichtholz aus Fichte und Kiefer, gestrichen mit weiß pigmentierter Holzlasur. Er ist schlicht, etwas höher als ein Tisch mit seitlichen Platten anstelle von Tischbeinen. Darauf liegt die Bibel und stehen die Prinzipalien, zum Beispiel das Altarkreuz und ein Kerzenleuchter. Der Altar ist schiebbar.

"Weil unterschiedliche Veranstaltungsformate möglich sein sollen", erklärt die Pfarrerin. Bei der Konfirmation habe man beispielsweise den Altar in die Mitte des Saales geschoben. "Diese Flexibilität genießen wir sehr." Und dabei helfe die besondere Architektur des Saales. Viel Raum, der sich nach oben hin öffnet, mit großen, kreisrunden Leuchtern, die in der Gemeinde schon "Heiligenscheine" genannt werden. Ein Bau also, der überrascht – von außen eher Understatement, von innen prachtvoll, ohne protzig zu sein.