"Ich bin da sehr penibel"

Der sehbehinderte Kevin Klaar beim Geschirrabräumen in einem Konferenzsaal des Essener Hotels Franz.

Foto: Insa Hagemann

Beim Abräumen arbeitet Kevin Klaar schnell und präsizise. Trotz seiner Sehbehinderung bemerkt er sofort, ob Geschirr dreckig oder sauber ist.

"Ich bin da sehr penibel"
Kevin Klaar, 26, Hotelmitarbeiter, Essen, hat eine Sehbehinderung
Kevin Klaar ist sehbehindert und arbeitet in einem Hotel. Immer wieder wurde er enttäuscht und gehänselt - heute lässt ihn das kalt, denn er hat für sich erkannt: Die behindertenfeindlichen Menschen sind eigentlich diejenigen, die eine Beeinträchtigung haben.

Man kommt einfach nicht hinterher. Kevin Klaar flitzt durch die Gänge, Küchen und Konferenzzimmer des Essener Hotels Franz, als würde er verfolgt. Schiebt dabei den Servierwagen mit dem dreckigen Geschirr vor sich her, als wolle er mit kostbarer Beute flüchten. Dabei will er doch nur eines: Ordnung schaffen. Der Konferenzraum muss schließlich wieder vorbildlich aussehen, bevor die nächste Abordnung von Geschäftsleuten darin tagt. Er sammelt benutzte Teller und Tassen ein, wischt über die Tische und deckt sie neu ein. Kevin Klaar arbeitet so schnell, dass man von seinem Handicap überhaupt nichts merkt.

Autor*in
Rebecca Erken
Rebecca Erken

Rebecca Erken arbeitet als freie Journalistin in Düsseldorf

Er ist auf dem linken Auge blind und hat auf dem rechten nur noch zehn Prozent Sehkraft. Wie durch ein Milchglas sieht er mit dem rechten Auge nur extrem verschwommene Konturen. Trotzdem merkt er sofort, ob Geschirr benutzt ist oder nicht. "Ich bin da sehr penibel", sagt Klar. "Wenn ich mir mal nicht sicher bin, dann stelle ich es zu den dreckigen Tellern und Tassen."

Ordnung ist für Kevin Klaar viel mehr als das halbe Leben. Der gelernte Hauswirtschafter kann seine Wohnung in Essen nicht verlassen, wenn er den Abwasch noch nicht gemacht hat. "Ich mag es einfach nicht, wenn noch etwas rumsteht", sagt er. Bügeln, Staubwischen, Fenster putzen – für ihn sind das Lieblingsbeschäftigungen. "Ich habe einen festen Tag in der Woche, an dem ich wasche, und einen, an dem ich Wäsche falte." Das einzige Chaos in seinem Leben richten sein Hund Bonnie und seine Katze Schnurri an, die ihn nach seiner Schicht an der Bar, im Restaurant oder in den Konferenzräumen des Hotels in seiner Wohnung erwarten.

Kevin Klaar liebt Ordung – auch seine Kleidung muss immer akurat sitzen.

Nach dem Hauptschulabschluss an einer Gesamtschule und einer Ausbildung als Hauswirtschafter an einem Bildungszentrum für sehbehinderte Menschen hat der 26-Jährige aus Castrop-Rauxel ein Praktikum im Essener Hotel Franz gemacht – und ist geblieben. "Die wollten mich alle behalten", sagt Klaar. "Das war ein tolles Gefühl." Seit fünf Jahren ist er im Hotel Franz nun als Servicekraft angestellt. 24 der 48 Hotelmitarbeiter haben eine Beeinträchtigung. Das Hotel ist eine Einrichtung des katholischen "Franz Sales Hauses" in Essen. Das barrierefreie Vier-Sterne-Plus-Hotel wird von einem sogenannten Inklusionsunternehmen betrieben: Die Arbeitsplätze für die Menschen mit Schwerbehinderung werden vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) und dem Land Nordrhein-Westfalen bezuschusst.

Besonders mit einer taubstummen Kollegin arbeitet Kevin Klaar gerne zusammen. "Wir ergänzen uns einfach sehr gut", sagt er. "Manchmal ziehen wir uns auch gegenseitig auf. Dann sagt sie zu mir: 'Mach doch mal die Augen auf'. Und ich sage zu ihr: 'Sperr' doch mal die Ohren auf'." Die meisten seiner Freunde haben ein Handicap. Von Menschen ohne Beeinträchtigung wurde er in seinem Leben schon oft enttäuscht. Zu oft.

Kevin Klaar mit Kollegem bei der täglichen Absprache.

Kevin Klaar hat durch einen Ärztefehler bei einer Herzoperation als Säugling, so haben es ihm seine Eltern erzählt, eine Sehbehinderung davongetragen, die seither immer schlimmer wird. "Irgendwann werde ich ganz blind sein. Niemand weiß wann." Er fürchtet, dass er auch seine Arbeit im Hotel Franz dann nicht mehr in vollem Umfang machen kann. "Das habe ich noch nicht ganz akzeptiert", sagt er.

Als Grundschüler geht er auf eine Förderschule, danach wechselt er auf eine Gesamtschule. Seine Mitschüler hänseln ihn, rufen ihm "Zyklop" hinterher oder "Einauge". "Ich werde auch heute noch häufig angepöbelt", sagt Klaar. "An der Bushaltestelle zum Beispiel, wenn ich mich zum Fahrplanlesen ganz nah an den Aushang stelle", so der  26-Jährige. "Als Kind waren die Beschimpfungen schlimm für mich. Heute lässt mich das kalt." Wirklich? "Ich lerne immer neuen Schmerz kennen. Die Psyche muss lernen, das wegzustecken." Es wirkt ein wenig so, als habe die Enttäuschung einen zu großen Platz in seinem Leben eingenommen. "Ich merke immer wieder, dass es Menschen gibt, die behindertenfeindlich sind." Für ihn sind sie allerdings diejenigen, die eine Beeinträchtigung haben: "Für mich haben die einfach kein Hirn."

Im Herbst 2013 wird er auf dem Heimweg von seiner Arbeitsstelle erneut enttäuscht: Ein betrunkener Autofahrer weicht einem Radfahrer aus, überfährt Klaar und begeht Fahrerflucht. "Ich lag da, eine Stunde lang, bewusstlos, es sind wohl einige Autos vorbeigefahren." Er trägt mehrere Wirbelbrüche davon, der Verdacht auf Schädelbasisbruch bestätigt sich nicht. Zehn Wochen ist er krankgeschrieben, bevor er zurück in den Job geht. Die körperlichen Wunden sind verheilt, aber die psychischen nicht. Vor vorbeifahrenden Autos fürchtet er sich seither, kurz nach dem Wiedereinstieg brauchte er für Fußwege von zehn Gehminuten zwei Stunden. Immer wieder blieb er stehen, schaute sich ängstlich um. Nachts hatte er häufig Albträume. Viel schlimmer als der eigentliche Unfall ist für ihn die unterlassene Hilfeleistung. "Dass ich so lange da lag und niemand geholfen hat, das ist für mich unglaublich."

Immer wieder treffen Kevin Klaar Rückschläge. Die Kraft, sich immer wieder aufzurappen, zieht er auch aus der Anerkennung, die er für seine Arbeit im Hotel Franz in Essen bekommt.

Inzwischen, sagt er, gehe es ihm aber immer besser. Seine Arbeit im Hotel gibt ihm Kraft. Vielleicht lässt sie die Enttäuschungen in seinem Leben auch ein wenig verblassen. Die Hoteldirektorin Karin Poppinga sagt, der 26-Jährige werde von den Gästen ständig für seine Arbeit gelobt, obwohl diese nicht wissen, dass er eine Beeinträchtigung hat. "Wie viel Lob würde er erst bekommen", so Poppinga, "wenn sie von seiner Sehbehinderung wüssten?"

Infos zur Serie
Bei der Jobsuche ist eine Behinderung oft ein Ausschlusskriterium. Trotz passender Qualifikation finden Schwerbehinderte häufig keine Stelle. Dabei muss eine Beeinträchtigung nicht zwingend ein Handicap sein, wie die Portraits von vier Beschäftigten zeigen.

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