"Das Ritual ist unsere nonverbale Stärke"

Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, sieht das Ritual als unsere nonverbale Stärke.

"Der nonverbale Aspekt kommt insgesamt zu kurz." Das kritisierte der Kirchenmusiker Lutz Felbick im Interview mit evangelisch.de im Hinblick auf Gottesdienste und kirchliche Praxis. Thies Gundlach sagt, dass das Wort immer Vorrang habe, die nonverbale Praxis darin jedoch eingebunden bleiben müsse. Ein Gespräch über Theologie, Musik und Verkündigung.

Die evangelische Kirche, sagt Gerhard Wegner, Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, sei nicht mehr wie zuvor "die Kirche der Gesellschaft, sondern eine Kirche in der Gesellschaft". Sehen Sie die evangelische Kirche in der Defensive?

Thies Gundlach: In der Tat erlebt unsere Kirche neben den Folgen des demografischen Wandels einen anhaltenden Trend beispielsweise beim Rückgang der Zahl der Kirchenbesucher und der Taufen. Als Antwort darauf verstärken wir unsere missionarischen und einladenden Anstrengungen. Aber aus dem Geist des Besorgtseins heraus gewinnt man niemanden.

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Thies Gundlach

Thies Gundlach (geboren 1956) ist einer der drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD. Er leitet die Hauptabteilung "Kirchliche Handlungsfelder und Bildung" und darin das Referat "Theologische Grundsatzfragen".

Diese Einsicht zielt wohl auf nichts weniger als das Selbstverständnis der Kirche?

Gundlach: Die Kirche als Institution kann sich nicht mehr darauf berufen, schon immer existiert zu haben und selbstverständlich zu sein. Für die Zukunft ist entscheidend, dass sie sich als zivilgesellschaftlicher Player und als dynamische Bewegung versteht und verhält. Dafür braucht es ein klares Gottes- und Selbstbewusstsein.

Ein Teil Ihrer beruflichen Aufgaben ist auf die Bereiche Gottesdienst und Kirchenmusik ausgerichtet. Was sind dabei Ihre Schwerpunkte?

Gundlach: In der Verkündigung gehört beides zusammen, macht doch beides in gleicher Weise das Gesamtkunstwerk des Gottesdiensts aus. 2010 ist in Wittenberg ein Kompetenzzentrum für Qualität im Gottesdienst eingerichtet und jetzt nach dem Reformationsjubiläum verlängert und erweitert worden. Daran zeigt sich das elementare Interesse der Kirche an dieser Fragestellung für die Zukunft der Kirche.

Sie haben sich die Stärkung der Theologie und die Suche nach neuer Sprache für das Reden von Gott auf die Fahnen geschrieben. Tangiert dies auch die Praxis der liturgischen Verkündigung, also die Predigt im Gottesdienst?

Gundlach: Oh ja, dies ist eine der zentralen Fragen, die ganz stark mit der Sprachkraft und der Sprachvirtuosität zu tun hat. Es muss gelingen, die biblische Sprache in die Alltagskommunikation zu übertragen, was insgesamt eine zentrale Herausforderung der öffentlichen Theologie bedeutet. Wir sollten die Schätze der Tradition nicht ignorieren, sondern interpretieren; eine Rückkehr zu einer klug interpretierten Dogmatik wäre mein Wunsch. Denn - um mit Karl Barth zu sprechen - die dogmatischen Erkenntnisüberlieferungen sind Antworten, zu denen wir die richtigen Fragen entdecken müssen.

"Der oft zu hörende Satz, böse Menschen hätten keine Lieder, stimmt ja leider nicht"

Rangiert im Gottesdienst die Predigt vor der Musik? Sollte das Verbale die erste Quelle göttlicher Offenbarung sein? "Sola scriptura" – nur die Schrift, mit anderen Worten?

Gundlach: Wir kommen aus einer Tradition, in der sola scriptura, die biblische Grundierung im Zentrum steht. Dieses Alleinstellungsmerkmal aufzugeben, wäre ein fundamentaler Wechsel der Identität. Und es wäre auch nicht klug, weil ja schon alles Mögliche als göttliche Offenbarung deklariert wurde. Darum muss die Schrift als Prüfkriterium bleiben. Übrigens gilt dies auch für die Musik. Der oft zu hörende Satz, böse Menschen hätten keine Lieder, stimmt ja leider nicht. Darum braucht es auch für die Musik kritische Interpretation.

Die Diskussion um Form und Inhalt von Liturgie gehört zu den Standards jeder Auseinandersetzung um die angemessene Verkündigung. Verstehen Sie innerkirchliche Stimmen, die ein Missverhältnis zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation beklagen?

Gundlach: Was ich gut verstehen kann ist der Fakt, dass es neben der verbalen auch eine mystisch-meditative Dimension im Gottesdienst geben muss, die wir in Stille, Gebet und Ritual stärker machen sollten. Denn gerade das Ritual ist unsere nonverbale Stärke. Aber auch sie muss eingebunden bleiben in das Prä des Wortes.

Verbale und nonverbale Kommunikation also nicht als Gegensatz, eher als Ergänzung denken?

Gundlach: Nonverbales wie Musik oder Ritual ist auf Partizipation angelegt, die Predigt dagegen zielt auf Identifikation, sie ist auf Zustimmung beziehungsweise Widerspruch angelegt.

In den Beziehungen zwischen Pfarrern und Kirchenmusikern lassen sich offen oder latent strukturelle Konflikte beobachten. Gehört die Frage der Rangordnung von verbalen und nonverbalen Kommunikationsformen zu den Ursachen?

Gundlach: Dieser ewige Konflikt ist einer in der Sache, nicht von Personen, und er ist letztlich unergiebig. Ein guter Gottesdienst lebt vom guten Zusammenspiel beider Seiten. Jeder, der beruflich in die Kirchenmusik geht, weiß um die besondere Rolle von Pfarrern/Pfarrerinnen in der Gemeinde. Da bringt es nichts, an formalen Rangordnungsfragen rumzudeuteln.

"Wir sind ja kein Interessenverein, der nur die eigenen Mitglieder betreut"

Sind die Verantwortlichen in der Spitze und den Gremien der evangelischen Kirche ausreichend über die Situation der hauptberuflichen Kirchenmusiker informiert?

Gundlach: Es gibt einen intensiven Informationsfluss auf gesamtkirchlicher Ebene zwischen den Landeskirchen, den Interessensverbänden und der EKD. Einige Landeskirchen haben das Thema Kirchenmusik durch eigene empirische Untersuchungen fundiert, wobei die Ergebnisse immer auch ein Stück repräsentativ sind.

Wer ist die Zielgruppe einer "neuen Sprache für das Reden von Gott"? Gerhard Wegner vom Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) der EKD, rät auf der Basis von Daten der fünften Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD, die kirchlichen Kommunikationsstrategien auf "die drei Millionen mit engen Bindungen und die weiteren zehn Millionen Menschen mit Interesse an der Kirche" auszurichten. Eben nicht auf kirchlich Distanzierte oder Konfessionslose. Teilen Sie diese Einschätzung?

Gundlach: Wegner vertritt die These vom Ende des liberalen Paradigmas. Die teile ich nicht. Entscheidend ist unser Auftrag, der ja gerade ein missionarischer Auftrag 'an alles Volk' ist. Wir sind ja kein Interessenverein, der nur die eigenen Mitglieder betreut. Im Übrigen glaube ich, dass wir von denen 'da draußen' geistlich viel lernen können, wenn wir ihre Fragen und Zweifel kennen.

In Ihrer Gemeindezeit haben Sie sich mit Literatur- und Film-Gottesdiensten auf die Suche nach Neuem gemacht. Braucht es solche oder ähnliche experimentelle Ansätze auch heute?

Gundlach: Eine grundsätzliche Offenheit für aktuelle Kultur als Transportmittel von Verkündigung kann sich nur positiv auswirken. Das gilt für die Arbeit mit Film, Theater, Comic und vielem mehr. Auch die vielen Angebote im Netz sind wichtig. Ob diese allerdings gut sind, müssen Jüngere beurteilen. Nur teile ich die Klage nicht, dass wir in der bildungsbürgerlichen Blase verfangen seien. Denn wenn wir die bildungsbürgerlichen Schichten nicht mehr erreichen und überzeugen, kriegen wir tatsächlich ein echtes Problem, weil jede Milieuerweiterung ja von diesen getragen sein soll.

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