TV-Tipp: "Schrotten!" (ARD)

12.6., ARD, 22.45 Uhr
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Der Titel ist erst mal nichtssagend, und auch die Information, dass "Schrotten!" die Geschichte von zwei Brüdern und ihrem Schrottplatz erzählt, erhöht das Interesse nur geringfügig; die Assoziation zur Familie Ludolf, die seit 2006 durch die Programme der Privatsender vagabundiert, ist wenig verheißungsvoll. Diese Vorverurteilung hat der Film jedoch nicht verdient.

Max Zähle erzählt in seinem maßgeblich vom NDR finanzierten Langfilmdebüt von einem ungleichen Brüderpaar, das seine Feindschaft begraben muss, um den vom Vater geerbten Schrottplatz zu retten. Das klingt zunächst schlicht, und natürlich ist das Erbe nicht zuletzt Mittel zum Zweck, um den Helden seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen, aber das Drehbuch (Zähle sowie Johanna Pfaff und Oliver Keidel) sorgt immer wieder für Überraschungen und bedient sich zudem gleich mehrerer Westernmotive.

"Schrotten!" spielt irgendwo im Norddeutschland. Die Gegend ist wenig einladend, und das liegt nicht nur an den herbstlichen kühlen Nebelbildern. Kein Wunder, dass Mirko Talhammer (Lucas Gregorowicz) Region und Elternhaus einst fluchtartig verlassen hat, selbst wenn es mehr als fraglich ist, ob sein Dasein als windiger Versicherungsvertreter wirklich das Ziel seiner Träume war; aueßrdem schuldet er dem Konzern 100.000 Euro, weil er sich auf krumme Geschäfte mit seinen Kunden eingelassen hat. Eines Tages tauchen zwei zwielichtige Gestalten im Hamburger Büro auf, und weil er nicht freiwillig mitkommt, entführen sie ihn kurzerhand: Mirkos Vater ist gestorben. Für seinen Bruder Letscho (Frederick Lau), Lebensmotto "Lieber tot als Sklave" und außerdem "Vollblutschrotti", steht es außer Frage, die Familientradition fortzusetzen, doch Mirko, der 15 Jahre nicht mehr zuhause war und gut damit leben kann, dass ihn die Sippe als Außenseiter betrachtet, macht lieber gemeinsame Sache mit dem übermächtigen Konkurrenten Kercher (Jan-Gregor Kremp), der bereits alle anderen Schrottplätze der Gegend aufgekauft hat. Aber dann erfährt er, dass Letscho ein ganz großes Ding im Sinn hat: Er will Kercher vierzig Tonnen Kupfer klauen; vom Zug. Der an Größenwahn grenzende Plan sieht vor, dass der Waggon mit der wertvollen Ware abgekoppelt und von Lastern über eigens verlegte Schienen in ein Waldstück gezogen wird. Mit Mirkos Hilfe, der im Gegensatz zu Letscho einen Blick für die Schwachstellen hat, gelingt der Coup sogar, aber Kercher ist auch nicht blöd und sorgt dafür, dass der alte Bruderzwist wieder aufflammt. Schließlich kommt es zum Showdown auf dem Marktplatz, bei dem die Brüder nur scheinbar den Kürzeren ziehen.

Zähle, der für seinen Kurzfilm "Raju" (2010) für den "Oscar" nominiert war und anschließend für den NDR einige Folgen "Großstadtrevier" drehen durfte, hat zwar darauf verzichtet, "Schrotten!" auch wie einen Western zu inszenieren, aber die Anklänge sind unübersehbar: vom bösen Großgrundbesitzer, der den Ort fest im Griff hat, über das Motiv "Diese Stadt ist zu klein für uns beide" bis hin zum Streit zwischen den Brüdern, der sich erst durch eine handfeste Prügelei aus der Welt schaffen lässt. Nebenbei ist die Komödie noch eine Hommage an Zugräuber-Klassiker wie "Der erste große Eisenbahnraub" oder "Die Gentlemen bitten zur Kasse". Letschos Kumpane erinnern dagegen an die unberechenbaren Hinterwäldler aus amerikanischen Filmen: verwegene Gestalten, denen grundsätzliche jede Schandtat zuzutrauen ist, die aber bei Zähle selbstredend allesamt gute Kerle sind; wenn ein Mann schon "Träumchen" heißt, kann er kein schlechter Mensch sein. Mit Schauspielern wie Lars Rudolph und Heiko Pinkowski sind diese Figuren zudem interessant besetzt.

Die Riege der Darsteller ist für ein Debüt ohnehin bemerkenswert, auch wenn die Rollen nicht besonders groß sind (Rainer Bock als Mirkos Chef bei der Versicherung, Michael Lott als Lokführer, Alexander Scheer in einem seinen typisch schrägen Figurenentwürfe als Freund der Talhammers). Natürlich braucht die Geschichte auch eine Frau. Luzi (Anna Bederke) ist ein echtes Flintenweib, kaschiert ihre Attraktivität mit burschikosem Auftreten und bricht einem Typen auch schon mal die Nase, wenn er ihr blöd kommt. Trotzdem ist sie ein ganz wesentlicher Grund dafür, warum es Mirko nicht schafft, den Schrottplatz, die Sippe und damit auch seine Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Hinzu kommt eine Mischung aus Solidarität und Abenteuerlust, oder, wie es Kercher formuliert: "Du kriegst den Jungen zwar vom Schrottplatz, aber den Schrottplatz nicht aus dem Jungen."

Auch sonst stimmt alles an diesem Debüt: Die Bildgestaltung (Carol Burandt von Kameke) ist vorzüglich und die Musik mit ihren gelegentlichen Western-Zitaten sowie den eigens für den Film entstandenen Songs (Daniel Hoffknecht, Gary Marlowe) hörenswert. Bei seiner Kinoauswertung hatte der mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" und beim Max Ophüls Preis mit dem Publikumspreis ausgezeichnete Film trotzdem nicht mal 40.000 Zuschauer.

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