TV-Tipp: "Tatort: Sonnenwende" (ARD)

13.5., ARD, 20.15 Uhr: "Tatort: Sonnenwende"
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Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Wie schon "Goldbach" im Herbst 2017, so verzichtet auch der zweite Schwarzwald-"Tatort" des SWR auf einen Knalleffekt zu Beginn. Ungewöhnlich sind die ersten Bilder trotzdem: Eine junge Frau spricht direkt in die Kamera. In der nächsten Szene rezitiert sie voller Hingabe ein Liebesgedicht vor ihrer Schulkasse, dann bricht sie zusammen, kurz drauf ist sie tot, Diagnose: unbehandelte Diabetes; kein Fall für die Kriminalpolizei.

Franziska Tobler (Eva Löbau) kommt der Fall trotzdem seltsam vor, genauso wie das Verhalten der Rechtsmedizinerin (Christina Große), denn die versucht, sie abzuwimmeln. Dabei gibt es Parallelen zum kürzlichen Todesfall eines Neonazis und V-Mannes, der an der gleichen Ursache gestorben ist. Auch Toblers Kollege Berg (Hans-Jochen Wagner) reagiert reserviert: Das tote Mädchen, Sonnhild (Gro Swantje Kohlhof), war die Tochter eines alten Freundes. Berg und Böttger (Nicki von Tempelhoff) haben sich eine Weile nicht gesehen, kommen sich durch Sonnhilds Tod aber wieder näher, zumal beide die Bauernhöfe ihrer Eltern geerbt haben und bedauern, dass immer mehr Bauern ihre Höfe aufgeben. Böttger macht ein paar Bemerkungen über Land und Leute, die Berg aber nicht weiter zu Denken geben. Das ändert sich bei der Trauerfeier, als ihm klar wird, dass der alte Freund ein nationalistisches Netzwerk knüpfen will und seine Mitstreiter zum "Krieg gegen die Umvolkung" aufruft. Jetzt erscheint auch Sonnhilds Tod in ganz anderem Licht: Das Mädchen war schwanger, und das keineswegs von ihrem in der Familie Böttger längst als Schwiegersohn akzeptierten Freund Torsten (David Zimmerschied).

"Sonnenwende" gönnt sich einen langen Anlauf (Drehbuch: Patrick Brunken). Dann jedoch entwickelt sich der "Tatort" zu einem vor allem atmosphärisch fesselnden Krimi mit dem Potenzial eines Verschwörungs-Thrillers, in dem sich das Ermittlerduo schließlich über die Interessen des Staatsschutzes hinwegsetzt. Trotzdem bleibt Regisseur Umut Dağ, vom dem auch das kürzlich ausgestrahlte und ähnlich sehenswerte Drama "Das deutsche Kind" war, seiner Linie treu. Schon der ausführliche und durchaus sperrige Einstieg ist alles andere als gefällig, und auch im weiteren Verlauf hat der in Wien geborene Sohn kurdischer Einwanderer den Film weitgehend unauffällig inszeniert. Darüber hinaus ist "Sonnenwende" aber auch ziemlich schwere Kost. Ähnlich wie in "Goldbach" wirkt der düstere Schwarzwald mit seinen Nebelschwaden eher unwirtlich als einladend; dazu passt, dass Bildgestaltung und Ausstattung konsequent alle fröhlichen Farben aussparen. Der Krimi lebt ohnehin vor allem von der sich immer komplexer entwickelnden Geschichte sowie von den ausnahmslos vorzüglichen Schauspielern. Mit der ungemein talentierten Gro Swantje Kohlhof, die dank der Videos auf Sonnhilds Smartphone immer wieder in Rückblenden zu sehen ist, hat Dağ bereits "Rebecca" (2016) gedreht, einen der besten Bodensee-Krimis des SWR. Löbau und Wagner spielen das Kripo-Duo erneut als ganz normale Menschen ohne Macken. Tobler und Berg bekommen diesmal zwar ein bisschen Privatleben, aber das steht gerade bei Berg im Dienst der Geschichte, weil Böttger und die Seinen ihm bei der Ernte helfen. Bei der Familie erlaubt sich Dag allerdings dann doch ein paar Extreme: Die zum Teil recht vierschrötigen Mitglieder der Sippe wirken von Anfang an sektiererisch, und das nicht nur, weil sie moderne Kommunikationstechnik für verpönt halten. Eine besondere Rolle spielt dabei Sonnhilds jüngere Schwester; Janina Fautz hat spätestens in mehreren der letzten "Wilsberg"-Episoden gezeigt, dass sie ein ebenso großes Talent ist wie Kohlhof. Auch wenn der Film ohne viele der handelsüblichen "Tatort"-Versatzstücke auskommt und es eine ganze Weile dauert, bis er endlich zu seiner Geschichte findet: Es lohnt sich, ihm diese Zeit zu geben.

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