"Ich habe getötet" - zwei Soldaten berichten

Ein Bundeswehrsoldat beim Einsatz im Kundus.

Foto: Joel van Houdt/Hollandse Hoogte/laif

Ein Bundeswehrsoldat beim Einsatz im Kundus. Soldaten können nach Einsätzen nicht nur unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden, sondern auch an inneren Konflikten.

"Ich habe getötet" - zwei Soldaten berichten
Deutsche Soldaten müssen in Einsätzen auch scharf schießen. Geredet wird darüber kaum. Hier erzählen zwei Soldaten ihre Geschichte.

Neulich hat Olaf Kramer herausgefunden, warum er schreiende Kinder kaum ertragen kann. Sein Therapeut hat ihn dafür in eine leichte Hypnose versetzt. Nun erinnert sich Kramer wieder an etwas, das er jahrelang verdrängt hatte: die Schreie von Menschen, die vor ihm in einem brennenden Haus sterben. In einem Traum, den er in letzter Zeit immer wieder hat, sind die sterbenden Menschen Kinder. Und er ist es, dem befohlen wurde, sie anzuzünden. 

Olaf Kramer, der eigentlich anders heißt, war Soldat der Bundeswehr. Damals erlebte Kramer, wie Kameraden starben. Er wurde beschossen und sah Dutzende tote Zivilisten. Vergessen wird er das nicht. Am meisten beschäftigt ihn aber etwas anderes: das Wissen, selbst Menschen getötet zu haben.

Bei den Einsätzen der Bundeswehr ist das nicht die Regel. Aber es gibt Situationen, in denen deutsche Soldaten schießen und töten. So wie im Fall von Daniel Seibert, am 4. Juni 2009 in Afghanistan, einige Kilometer nordwestlich von Kundus: Ein Spähtrupp der Bundeswehr ist mit drei gepanzerten Fennek in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Seibert, ein erfahrener Hauptfeldwebel, ist mit seinem Zug in der Nähe unterwegs. Über Funk hört er von dem Angriff und fährt dem Spähtrupp entgegen.

Am Rand der Ortschaft Basoz trifft Seiberts Zug auf die Kameraden. Panzerfaust- und Gewehrschützen feuern auf die deutschen Fahrzeuge. Es ist staubig und heiß, leerste­hende Lehmhäuser und tiefe Gräben säumen die Straße. "Ich hatte so eine Situation noch nie erlebt und habe mich erst überfordert gefühlt", erinnert sich der damals 30-Jährige im Gespräch mit JS. "Dann hat sich ein Hebel umgelegt und alles lief von alleine." Seibert lässt die Soldaten aus den Dingos und den Fuchs-Transportpanzern aussteigen. Er brüllt Befehle, verständigt sich mit dem Spähtruppführer. Der schreit: "Sie sind überall."

"Ich hatte keine Schuldgefühle"

Die deutschen Maschinengewehrschützen drängen die Angreifer zurück. Für kurze Zeit ist Ruhe. Dann registriert Seibert im Augenwinkel, wie drei Kämpfer über die Straße rennen. Einer der Taliban bleibt stehen, hebt seine Kalaschnikow und gibt einen Feuerstoß ab. Die Kugeln verfehlen Seibert knapp, einem Kameraden neben ihm schießen sie die Trageriemen von der Waffe, die er eng am Körper trägt. Seibert hat nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Er setzt sein G36 an. Schießt. Zweimal. Brusttreffer. Der Mann sackt zusammen.

Für die Leitung der Operation bekommt Daniel Seibert später das Bundeswehr-Ehrenkreuz für Tapferkeit verliehen. Er ist ein Vorbild. Unter seiner Führung haben die Deutschen den Angriff der Taliban abgewehrt, ohne einen einzigen Verletzten zu beklagen. Seibert spricht öffentlich über das, was er im Gefecht erlebt hat. Auch über das Wissen, jemanden getötet zu haben. Zwei Wochen lang habe er die Szene immer wieder vor sich gesehen. Dann verschwanden die Bilder. Seibert sagt: "Ich hatte keine Schuldgefühle. Ich wurde dafür ausgebildet. Er hat uns nach dem Leben getrachtet. Ich habe ihn erschossen."

Zahl der Getöteten ist geheim

Seibert ist nicht der einzige deutsche Soldat, der an diesem Juni-Tag Talibankämpfer getötet hat. Und auch in anderen Gefechten und bei anderen Auslandseinsätzen der Bundeswehr sind Gegner erschossen worden. Wie viele es sind, ist nicht bekannt. Informationen darüber unterliegen der Geheimhaltung. Dafür gibt es Gründe. Ob ein Schuss letal, also tödlich, gewirkt oder den Gegner verletzt hat, lässt sich häufig nicht feststellen. Auch weil die Taliban ihre toten Kämpfer bergen und möglichst alle Kampfspuren beseitigen. Vor allem aber will die deutsche Politik den Erfolg oder Misserfolg der Einsätze wohl nicht anhand der Zahl der getöteten Gegner messen lassen – und in Afghanistan mit möglichen Meldungen über tote Zivilisten den Taliban in die Hände spielen.

Dadurch entsteht ein Bild von Einsätzen der Bundeswehr, das ohne tote Gegner auskommt. Und es lenkt von einem Thema ab, das in Deutschland kaum Beachtung findet: Wie ergeht es Soldaten, die im Einsatz scharf schießen und töten mussten? Macht es ihnen zu schaffen? Wie leben sie damit?

Psychologen wie der amerikanische Ex-Offizier Dave Grossman gehen davon aus, dass Menschen nicht einfach andere töten können. Die Natur habe uns eine Tötungshemmung eingepflanzt, sagt er. In der Ausbildung müssen Soldaten lernen, diese Hemmung zu überwinden. Sie entwickeln Automatismen. Wiederholen die immer gleichen Handgriffe. Schießen im Training auf menschliche Silhouetten statt nur auf Pappkreise.

Gegen die eigenen Regeln verstoßen

Und trotzdem: Soldaten können nach Einsätzen nicht nur unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden, weil sie dort Gewalt und Stress erlebt haben. Manche leiden auch darunter, im Krieg gegen ihre eigenen Vorstellungen von Anstand und Moral verstoßen zu haben, mit denen sie aufgewachsen sind. Das zeigen Befragungen von US-Soldaten, die in Vietnam oder im Irak gekämpft und getötet haben. Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von "moral injury", einer moralischen Verletzung, oder inneren Konflikten.

Der Berufssoldat Daniel Seibert konnte sein Erlebnis einordnen und verarbeiten. Er hat das für ihn einzig Mögliche getan. Er geht offen damit um und beschreibt die Situation. Und all die anderen, die getötet haben? Ein Soldat sagt: "Ich will darüber nicht mehr reden. Das Thema liegt in einer Ecke, und da soll es bleiben." Ein anderer meint: "Ich könnte etwas sagen, aber es geht die Öffentlichkeit nichts an." Ein Dritter lässt ausrichten: "Ja, ich habe im Einsatz getötet. Aber ich mache das mit mir selbst aus."

Anfang 2018, in einer deutschen Großstadt: Olaf Kramer will reden. Details über seinen Einsatz verrät er nicht. Die Nacht nach dem ersten Toten sei die schlimmste gewesen, sagt Kramer: "Erst waren da nur Anspannung und Adrenalin." Die Gedanken kamen später, als er sein Gewehr gereinigt, es den Kameraden in der Waffenkammer übergeben hatte und allein auf seiner Dreimannstube saß. "Ich dachte: 'Es hätte auch mich erwischen können.' Dachte: 'Hatte er eine Frau? Kinder? Was tun die jetzt?'" Kramer bekam Angst, er schwitzte, dann kam die Übelkeit. Der junge Soldat übergab sich die ganze Nacht.

Kramer wollte nicht noch einmal in eine ähnliche Situation kommen. Dann war er wieder mit seinem Zug auf Patrouille: "Ich hatte einen Kloß im Hals. Ich habe gehofft, dass der Gegner nicht angreift, dass er in Deckung bleibt. Dass er gar nicht da ist. Einfach, weil ich nicht schießen wollte." Vergeblich. Alles wiederholte sich. Erst das Adrenalin, dann die Schuldgefühle, die Angst und die Schweißausbrüche.

Den emotionalen Schutzanzug legt man nicht ab wie eine Uniform

Untersuchungen in den USA zeigen: Wie stark Soldaten moralisch darunter leiden, im Krieg getötet zu haben, hängt auch von den Umständen ab. Einen bewaffneten Angreifer zu erschießen, ist eher zu verarbeiten, als wenn ein Soldat aus Versehen Zivilisten tötet. Oder wenn der Angreifer ein Kindersoldat ist.

"Ich hatte gute Gründe zu töten", sagt Kramer. "Ich habe dadurch das Leben von Kameraden und Zivilisten gerettet. Aber trotzdem hatte ich diese extremen Schuldgefühle." Es hat lange gedauert, bis der ehemalige Soldat darüber sprechen konnte. Jetzt lehnt er sich in seinem Stuhl zurück. Macht eine lange Pause, sagt: "In manchen Situationen gibt es keine saubere Lösung."

Vier Monate hat er sich damals durchgebissen. Er sah tote Zivilisten, sah, wie Sprengsätze Kinder zerrissen. Seine Wut wuchs, und damit seine Überzeugung, das Richtige zu tun. Irgendwann, nach dem dritten oder vierten Schuss, sei er abgestumpft, meint Kramer. Sein emotionaler Schutzanzug half ihm, den Einsatz durchzustehen. Aber wie er aus dem Schutzanzug wieder rauskommen sollte, das wusste er nicht. Auch dann nicht, als er die Uniform längst abgelegt hatte.

Nach dem Einsatz verließ Kramer die Bundeswehr und machte eine Lehre. Der Ex-Soldat saß in grauen Schulräumen und klimatisierten Büros, ging mit alten Kumpels und neuen Kollegen zum Mittagsessen oder abends in die Clubs. Aber er lebte nicht mehr in ihrer zivilen Welt: "Da war kein Blut, kein Staub, kein Lärm. Ich kam damit nicht klar." Und in seine Welt konnte er keinen mitnehmen. Als er es versuchte und Kumpels gegenüber Andeutungen machte, nannten sie ihn einen Mörder.

Ein Freund erwischt ihn beim Koksen

Im Einsatz hat Kramer getan, wozu er ausgebildet war und was ihm befohlen wurde. Zu Hause hat ihn das zu einem Außenseiter gemacht. Viele gefechtserfahrene Soldaten leiden unter diesem Widerspruch und wissen nicht mehr, was "richtig", was "falsch" ist und wo sie dazugehören. Manche sehen nur einen Ausweg: In den USA wird die hohe Selbstmordrate unter Veteranen auch mit moralischen Verletzungen in Verbindung gebracht.

Kramer zog sich zurück. Er trank und nahm Drogen. Tat alles, um nicht nachdenken zu müssen. In den zwei Jahren während der Ausbildung gab es nur drei, vier Tage, an die er sich erinnern könne, sagt Kramer. An einem dieser Tage erwischte ihn sein bester Freund beim Koksen, gab ihm eine Ohrfeige und brachte ihn dazu, sich Hilfe zu suchen.

Über seinen Hausarzt kam Kramer zu einer Therapeutin. "Sie hat mir zugehört und mir über den ersten Schmerz geholfen."

Und sie tat etwas Ungewöhnliches: Sie brachte den jungen, aufgewühlten Mann auf einen zivilen Schießplatz und drückte ihm ein Gewehr in die Hand. Er nahm es, legte die Patrone ein, löste die Sicherung, legte den Finger an den Abzug, prüfte Wind und Entfernung, kontrollierte seine Atmung. Vierzig Minuten lag er da. Atmete. Dann drückte er ab. Seit Monaten hatte er sich nicht so entspannt gefühlt. Er vermisste den Krieg und hasste ihn zugleich.

Die Zeit am Schießstand wurde für Olaf Kramer zur Meditation. Aber die Ruhe währte immer nur ein paar Stunden. Als Freiberufler flüchtete er in seine Arbeit und ins Ausland. Alle paar Monate kam die Vergangenheit wieder hoch. Kramer litt unter Angstattacken, fühlte sich unwohl, unsicher und nackt. Und immer noch schuldig: für das, was er getan hatte. Und das, was er nicht getan hatte: "Ich habe Zweifel bekommen, ob ich im Einsatz nicht noch mehr hätte tun müssen."

Er lebt sein Leben, aber die Toten bleiben tot

Kramer fand über ein Bundeswehrkrankenhaus einen Therapeuten, der bei ihm eine PTBS feststellte. "Er hat mir geholfen, mich selbst zu verstehen. Dass es normal ist, Schuldgefühle zu haben." Er begann zu akzeptieren, dass er nie vergessen wird, was passiert ist. Aber lernen muss, damit zu leben.

Psychologen haben in den vergangenen Jahren Methoden entwickelt, mit moralischen Verletzungen und Schuld­gefühlen umzugehen. Was bei jedem Einzelnen am besten wirkt, vermag die Forschung nicht zu sagen. Manche sehnen sich nach Vergebung. Andere versuchen, mit sozialem Engagement ihre verloren geglaubte gesellschaftliche Anerkennung wiederzugewinnen. Vielen würde es schon helfen, wenn sie offen und ohne Scham über ihre Erfahrungen sprechen könnten.

Kramer hat heute einen festen Job mit gutem Einkommen. Er hat eine Frau, zwei Kinder und ein Haus im Grünen. Er lebt sein Leben. Aber die Toten bleiben tot. Manchmal überlegt sich Kramer, was aus den Männer geworden wäre, die er im Einsatz erschossen hat: tolle Väter, liebevolle Ehemänner? Haben ihre Eltern je erfahren, was mit ihnen passiert ist? Antworten findet er darauf keine. Aber die Gedanken sind seine Art, damit umzugehen. Für ihn sind sie ein Beleg dafür, dass er sich seine Menschlichkeit bewahrt hat.

Dieser Text erschien erstmals im Magazin "JS - Die Evangelische Zeitschrift für junge Soldaten" März 2018.