Entwicklungsexperte regt Fair-Trade-Siegel für Produkte aus Europa an

Die Fair-Handels-Bewegung sollte sich nach Überzeugung des Berliner Entwicklungsexperten Jürgen Maier nicht mehr so stark auf die Handelsbeziehungen zu Entwicklungsländern konzentrieren.

Landwirte aus Deutschland hätten mittlerweile ebenso unter dem immensen Preisdruck des Weltmarkts zu leiden, sagte der Geschäftsführer des Forums Umwelt und Entwicklung dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Mainz. In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt trafen sich Fachleute und Aktivisten am Donnerstag und Freitag zu einem zweitägigen Kongress des Forums Fairer Handel.

"Fairer Handel betrifft einen Bauern in Brandenburg oder Polen genauso wie den Kaffeebauern in Afrika oder den Teepflücker in Sri Lanka", sagte Maier. Ein Fair-Trade-Siegel könne daher auch regionalen Produzenten zu einem angemessenen Einkommen verhelfen. "Als das Label Fairer Handel erfunden wurde, hat man es für selbstverständlich gehalten, dass Produzenten in Europa sowieso fair bezahlt werden. Das ist aber nicht mehr selbstverständlich." Mit dem Siegel für fair produzierte Milch gebe es in Deutschland auch bereits ein Beispiel für diese Entwicklung. Auch die Betreiber von Eine-Welt-Läden könnten prüfen, ob sie nicht regionale Produkte zusätzlich in ihr Sortiment aufnehmen wollen, regte er an.

Gesetzliche Nachbesserungen gefordert

Viele Verbraucher in Deutschland seien längst bereit, ihr Verhalten zu ändern. Allein mit freiwilligen Maßnahmen seien aber keine fairen Lebensbedingungen für die in der Lebensmittelproduktion tätigen Menschen zu erreichen, kritisierte Maier. Er forderte gesetzliche Nachbesserungen. So müsse sichergestellt werden, dass auch alle Spargelstecher oder die osteuropäischen Werkvertragsnehmer in Schlachthäusern den gesetzlichen Mindestlohn erhalten. Der Gesetzgeber könnte die Verwendung fair gehandelter Lebensmittel auch zur Bedingung bei öffentlichen Ausschreibungen für Krankenhaus-Verpflegung oder Behörden-Kantinen machen.

Dass fairer Handel keine Theorie bleiben müsse, sondern in der Praxis funktionieren könne, sei in den vergangenen Jahrzehnten trotz der nach wie vor eher geringen Umsatzzahlen hinreichend bewiesen worden. Den wichtigsten Erfolg der Fair-Handels-Bewegung sieht Maier in einem veränderten Bewusstsein in weiten Teilen der Bevölkerung: "Eine Globalisierung, die nur dazu führt, dass ein paar multinationale Konzerne ihre Marktanteile ausweiten können, will doch eigentlich niemand mehr."

Das Forum Umwelt und Entwicklung ist ein Zusammenschluss deutscher Nichtregierungsorganisationen, die sich mit Entwicklungspolitik und Umweltthemen beschäftigen. Mitglieder der 1992 gegründeten Organisation sind unter anderem Umweltverbände wie Nabu und BUND sowie die kirchlichen Hilfswerke "Brot für die Welt" und "Misereor".