Aufnahmestopp für junge Männer an Marler Tafel

Die Leiterin und Vereinsvorsitzende der Marler Tafel, Renate Kampe.

Foto: Marcel Kusch/dpa

Die Leiterin und Vereinsvorsitzende der Marler Tafel, Renate Kampe.

Nicht nur die Essener Tafel kann nicht mehr alle Bedürftigen versorgen: In Marl werden bereits seit einem halben Jahr keine alleinstehenden jungen Männer mehr aufgenommen - unabhängig von ihrer Nationalität.

Nach der Debatte um den Aufnahmestopp für Ausländer an der Essener Tafel ist nun eine Einschränkung an einer weiteren Tafel bekanntgeworden: In Marl werden bereits seit einem halben Jahr keine alleinstehenden jungen Männer mehr aufgenommen, wie die Tafel-Vorsitzende Renate Kampe am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) bestätigte. Die Regelung gelte für Deutsche und Ausländer. Familien oder Alleinerziehende mit Kindern und Rentner könnten weiterhin unabhängig von ihrer Nationalität kommen. Derweil verteidigte der Essener Sozialdezernent Peter Renzel den vorübergehenden Aufnahmestopp für Ausländer in Essen.

Grund für die Sperre in Marl sei, dass wegen des Zuzugs von Flüchtlingen die Waren nicht mehr für alle Bedürftigen ausreichten, sagte Kampe. Deswegen dürften die Kunden bereits seit längerem nur noch alle zwei Wochen in der Tafel einkaufen. Ausnahmen gebe es für Familien mit vielen Kindern.

Respektlosigkeit von jungen Männern kein Grund

Medienberichte, wonach Respektlosigkeit von jungen Männern Frauen gegenüber der Grund für den Aufnahmestopp sei, wies Kampe zurück. "Wir werden mit dem Verhalten der jungen Männer gut fertig. Sie erkennen uns Frauen an", betonte die Vereinsvorsitzende. Auch der Aufnahmestopp sei von den Kunden akzeptiert worden. Sobald wieder Kapazitäten frei würden, werde über eine neue Regelung nachgedacht.

Der Essener Sozialdezernent Renzel verteidigte am Donnerstag im WDR-Radio die Entscheidung der Essener Tafel, zunächst an ihrem Aufnahmestopp für Ausländer als Neukunden festzuhalten. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter seien mit dem Ansturm von Migranten nicht mehr zurechtgekommen, sagte Renzel im WDR5-"Morgenecho". "Es gab viele junge Männer, die andere verdrängt haben." Dem Vorstand der Tafel gehe es darum, eine Balance wiederzufinden und die Bedürftigen zu versorgen, die man unbedingt erreichen wolle: "nämlich Seniorinnen und Senioren, Alleinerziehende und Eltern mit minderjährigen Kindern".

Rassismusvorwürfe wies Renzel entschieden zurück: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter versorgten in Essen rund 6.000 Menschen, von denen Hunderte Migranten seien, sagte der Sozialdezernent. "Diesen Ehrenamtlichen vorzuwerfen, dass sie ausländerfeindlich sind, dass sie kategorisieren, das ist überhaupt nicht angemessen und sehr ungerechtfertigt."

Der Essener Vereinsvorstand hatte den vorübergehenden Aufnahmestopp damit begründet, dass der Anteil der Migranten unter den Kunden der Tafel auf 75 Prozent gestiegen sei. Ältere Menschen und Alleinerziehende würden auf diese Weise schleichend verdrängt. Die Entscheidung löste massive Kritik aus, stieß aber auch auf Verständnis. Auf einer Krisensitzung am Dienstag beschlossen die Essener Tafel, der Bundes- und Landesverband der Tafeln und die Stadt Essen, dass ein Runder Tisch nach Lösungen für die Probleme bei der Lebensmittelausgabe suchen soll.