Woher die Perikopen kommen

Perikopenordnung
Foto: Sarika Feriduni/evangelisch.de
Perikopenordnung
Woher die Perikopen kommen
Jeden Sonntag lesen wir im Gottesdienst eine Epistel und ein Evangelium. Seit wann eigentlich? Und warum?

Als der römische Kaiser Decius im Jahr 249 die Regierung übernimmt, ist die römische Gesellschaft so zersplittert wie nie zuvor. Die Menschen haben das Vertrauen in Staat und Politik verloren. Dafür findet Kaiser Decius schnell einen Sündenbock: die Christen. Er hat beobachtet, dass die christliche Kirche angewachsen ist. Gleich zu Amtsbeginn fängt er an die Christen zu verfolgen. Er will sie innerlich zersetzen. Die Christen bringen den römischen Staatsgöttern keine Opfer; auch beten sie nicht zu ihnen. Nur zu ihrem einen Hebräer-Gott. Damit will Kaiser Decius sie fangen. Er erlässt ein Gesetz, dass jeder Bürger einmal im Jahr den römischen Göttern Opfer und ein Gebet darbieten muss. Dagegen würden sich die Christen weigern und so könnte er sie entlarven.

Viele Bischöfe werden daraufhin gefangen genommen. Christen sterben als Märtyrer. In dieser Zeit der Verfolgung festigen die Christen ihren Gottesdienst. Sie wählen Bibelstellen aus und lesen sie im Gottesdienst laut vor: die Perikopen. Sie stärken den Glauben und geben ihnen Halt in Zeiten der Verfolgung. Bis heute lesen die Christen jeden Sonntag zwei Perikopen, eine Epistel und ein Evangelium.

Perikope ist griechisch und heißt rings umhauenes Stück. Das Wort taucht zuerst in einer Streitschrift des Apologeten Justin (ca. 100-165) auf, als Belegstelle für eine dogmatische Lehre. Erst im 16. Jahrhundert erhält das Wort seine heutige Bedeutung, liturgische Schriftlesung. Schon im Jahr 250 gebrauchen die jüdischen Gelehrten in Babylonien und Palästina Perikopen. Im Jahr 700 steht die Perikopen-Ordnung in ihrer Grundstruktur fest. Die Christen lesen Stellen aus der Hebräischen Bibel und Worte Jesu. Ihr Auswahl-Kriterium ist, dass die Stellen zeigen sollen wie Altes und Neues Testament zusammengehören. Jesus kommt von König David her. Und die Christen stehen in der Bundesfolge der Juden. Sie lösen den alten Bund zwischen Jahwe und Abraham nicht etwa auf, sondern sie erneuern ihn. Denn Jesus ist nicht gekommen das Gesetz des Mose aufzulösen, sondern es zu erfüllen.

Das Perikopenbuch Heinrichs II., Szene: Der Hl. Petrus empfängt die Schlüssel

Zu Anfang ist das Christentum eine jüdische Sekte. Ab dem ersten Jahrhundert kommen dann aus dem Heidentum neue Christen hinzu. Da wird es wichtig daran zu erinnern, dass das Christentum eigentlich aus dem Judentum herkommt. Das bekräftigen die Christen mit einer Lesung aus dem Evangelium. Bei Matthäus, Markus, Lukas und Johannes bezieht sich Jesus immer wieder auf die Hebräische Bibel. Dass die Christen aber auch unter den Heiden neue Mitglieder werben, bekräftigen sie im Gottesdienst mit einer Lesung aus der Epistel. Epistel heißt Brief; es geht hierbei um die kanonischen Briefe des Neuen Testaments. Die ausgewählten Briefe sollen erzählen, wie sich christliche Existenz gestaltet. So kommen zwei Perikopen-Reihen in Gebrauch: eine Evangelien-Reihe und eine Epistel-Reihe.

Von Anfang an sind Evangelien-Reihe und Epistel-Reihe inhaltlich nicht aufeinander bezogen. Die erste stammt aus der stadtrömischen Liturgie, die zweite aus der gallikanischen Ordnung. Ob man beide Reihen verbinden soll, darüber entzweien sich in der Zeit der apostolischen Väter die Geister. Der Theologe Origenes (185-253) empfiehlt seinen römischen Christen, sie sollten sonntags schon vor dem Gottesdienst die Predigt-Stelle lesen und sich so auf die Predigt vorbereiten. Jeder Mensch habe Zugang zur Bibel, man müsse sie ihm nur vernünftig erklären. Origenes schreibt für jede Bibelstelle einen festen Sinn auf, einen Wortsinn und einen moralischen Sinn. Er begründet eine Wissenschaft der Bibel-Interpretation, die im Mittelalter zur Blüte in der Scholastik gelangt und auf die Perikopen wirkt. Papst Pius V. (1504-1572) beseitigt die inhaltliche Kluft zwischen Evangelien-Reihe und Epistel-Reihe 1545/46 auf dem Konzil von Trient. Diese Ordnung hält knapp 400 Jahre, bis das zweite Vatikanische Konzil, im Jahr 1965, drei sogenannte "Lesejahre" festlegt, mit jeweils für jedes "Lesejahr" spezifischen Perikopen-Reihen.

Unterdessen geht Martin Luther ganz anders an die Bibel heran. Er liebt die alte Ordnung, die der Papst beseitigt hat. Denn sie enthält noch Lese-Ordnungen aus der Volksfrömmigkeit, die so genannten Plenarien, die der häuslichen Erbauung dienen; und man liest sie in der Volkssprache, was genau nach Luthers Geschmack ist. Luther kann mit der vereinheitlichten Perikopen-Ordnung des Papstes nichts anfangen. Denn Luther erlebt die Bibel ursprünglicher, durch das Evangelium erfährt der Mensch Christus. Im Evangelium wird Gott in Jesus Mensch und Jesus schließt mit dem Menschen einen geschichtlichen Frieden. Darum ist Luther die Perikopen-Ordnung des Papstes zu künstlich und übergestülpt. Luther entscheidet sich für die Perikopen-Reihen der alten Kirche und übersetzt die Bibel zudem ins Deutsche. Das wird historisch: Jetzt lesen die Lutheraner die Perikopen im Gottesdienst auf Deutsch, und die Perikopen nehmen wieder Einzug in die Volksfrömmigkeit.

Bis ins 19. Jahrhundert ist eine einzige Perikopen-Reihe in Gebrauch. 1896 führt die Kirchen-Konferenz von Eisenach eine zweite Reihe ein. Die Theologen wählen die Texte nach pädagogischen, psychologischen und homiletischen Kriterien aus. 1958 kommen die Reihen drei bis sechs hinzu. Zum ersten Advent 1978 revidiert man die Perikopen-Ordnung dann noch einmal.

Seit 1945 liest man wieder verstärkt Perikopen aus der Hebräischen Bibel. Und die Theologen ersetzen zum Beispiel die antijudaistische Perikope der Tempelreinigung (Lukas 19, 41-48) durch Markus 12, 28-34. Jesus spricht dort das Doppelgebot der Liebe aus: "Liebe Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen Deinen Kräften. Und: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen. Auch dieser Gedanke kommt aus der Hebräischen Bibel. Wenn Jesus das Doppelgebot der Liebe ausspricht, erneuert er also den Bund zwischen Gott und Israel. Was die ersten Christen mit den Perikopen wollten, das tun wir noch heute: die in der hebräischen Bibel bezeugte bleibende Beziehung zum Gott Israels betonen, den Bund mit ihm erneuern und den eigenen Glauben stärken.

Heute sind in der EKD sechs Perikopen-Reihen in Gebrauch. Ihr Zyklus wiederholt sich alle sechs Jahre. Er richtet sich nach dem Kirchenjahr, beginnt mit dem ersten Advent und endet mit dem Totensonntag.