"Wir gehen gemeinsam in den Tod"

Jochen Klepper,

Foto: epd-bild/akg-images

Porträt des evangelischen Schriftstellers und Journalisten Jochen Klepper, im Jahre 1937 vermutlich in seinem Garten in Berlin-Steglitz.

"Wir gehen gemeinsam in den Tod"
Er war einer der sprachgewaltigsten Dichter des 20 Jahrhunderts: Vor 75 Jahren nahm sich Jochen Klepper gemeinsam mit seiner jüdischen Frau und deren jüngster Tochter das Leben. Seine Lieder werden immer noch gesungen.

Im Evangelischen Gesangbuch stehen 13 seiner Lieder, im katholischen sechs: Jochen Klepper (1903-1942) hat sich mit kraftvollen Versen in die Herzen der christlichen Gemeinde geschrieben. Sein schweres Leben endete vor 75 Jahren, am 11. Dezember 1942, gemeinsam mit seiner Frau Hanni und deren Tochter Renate im Suizid.

Schon zu Lebzeiten macht sich Klepper als Liederdichter und Schriftsteller einen Namen. Sein 1937 in einem Stuttgarter Verlag veröffentlichtes Buch "Der Vater. Roman eines Königs" über den "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1688-1740) wird als Gegenentwurf zum Nazi-Führerkult gesehen. Klepper beschreibt den Monarchen als einen gläubigen und demütigen König, der sein Amt in Verantwortung vor Gott führt. Das 1.000-Seiten-Buch überzeugt sogar das Reichskriegsministerium, das allen Soldaten die Lektüre empfiehlt. Klepper ist laut Tagebucheintrag von staatlicher Zustimmung nicht begeistert: "Lieber Himmel, des 'Vaters' Regierung ist Kritik, nicht Verherrlichung des Heutigen."

Konzentration auf christliche Dichtung

Nachhaltiger wirkt der 1903 in der niederschlesischen Kleinstadt Beuthen geborene Pfarrerssohn durch seine geistlichen Gedichte. Dabei wählt Klepper nach dem Studium der evangelischen Theologie in Erlangen und Breslau zunächst den Weg des Journalismus. Er arbeitet beim Evangelischen Presseverband für Schlesien, im Berliner Ullstein-Haus und beim Hörfunk.

Der etwa 7-jährige Jochen Klepper (vermutl. links) mit Eltern und Geschwistern beim Spaziergang im Schnee, Fotopostkarte um 1910.

Seine SPD-Mitgliedschaft beendet er nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, weil ihm ein weiteres Arbeiten als Schriftsteller mit rotem Parteibuch nicht möglich gewesen wäre.

In den schweren Jahren der Nazi-Herrschaft konzentriert sich Klepper immer stärker auf christliche Dichtung. Ihm gelingen "bibel-durchtränkte, theologie-gesättigte Zeilen", schreibt der württembergische Kirchenmusiker und Theologe Martin Rößler in seiner neuen Klepper-Biografie.

Seine Verse orientieren sich am Tageslauf, am Kirchenjahr, an Festtagen. Viel gesungen sind heute noch die Lieder "Er weckt mich alle Morgen", "Die Nacht ist vorgedrungen" und "Der du die Zeit in Händen hast". Schnell geht seine originelle Lyrik in verschiedene Gesangbücher und Liedsammlungen ein.

Grab von Jochen Klepper, seiner Frau Johanna und der Stieftochter Renate Stein auf dem Friedhof Nikolassee im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf.

Mit der Brautwahl ihres Sohns haben sich Kleppers Eltern nie abfinden können. Johanna Stein ist eine Witwe mit zwei Töchtern, 13 Jahre älter als der Bräutigam - und sie ist Jüdin, die sich aber später taufen lässt. Klepper wird im Zweiten Weltkrieg wegen dieser Ehe als "wehrunwürdig" aus der Armee entlassen.

Die Nationalsozialisten drohen dem Schriftsteller schließlich mit Zwangsscheidung und Deportation von Frau und jüngerer Stieftochter. Die Familie weiß keinen Ausweg mehr. In seinem letzten Tagebuch-Eintrag schreibt Klepper: "Wir sterben nun - ach, auch das steht bei Gott - Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt." Die Familie dreht in der Küche den Gashahn auf und legt sich auf den Boden - eine Hausgehilfin findet die drei Leichen am nächsten Morgen.

Die Kirche hat in ihrer Geschichte den Suizid die längste Zeit geächtet. Klepper schrieb aber schon 1933: "Ich glaube, dass der Selbstmord unter die Vergebung fällt wie all andere Sünde." In diesem Vertrauen hat sich der Dichter vor 75 Jahren dem Nazi-Terror entzogen.

Die Nacht ist vorgedrungen ist ein von Jochen Klepper geschriebenes Gedicht, das von Johannes Petzold vertont als Adventslied Eingang in viele Gesangbücher gefunden hat.