Luthers Freiheitsschrift: Das steht drin

Freiheit eines Christenmenschen

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Bis die "Freiheit eines Christenmenschen" 500 wird, dauert es noch drei Jahre, aber im Zuge des Reformationsjubiläums ist bereits in diesem Jahr viel davon die Rede. Auch bei evangelisch.de kamen darum mehrere Anfragen an, was genau Luther in seiner kleinen aber berühmten Schrift "Von der Freyheyt eyniß Christen Menschen" genau meint.

So fragte zum Beispiel Susanne bei fragen.evangelisch.de: "Ist Christen eine Freiheit beschert, die nicht allen Menschen zuteil wird? Können Sie einem theologischen Laien, wie ich es bin, erklären, was Martin Luther mit seiner Schrift zum Ausdruck bringen will?" Auch im Schulunterricht wird sich mit dem Thema Freiheit und Gehorsam auseinandergesetzt, und man nimmt Bezug auf Luthers Schrift. Wir haben darum die Professorin Gesche Linde aus Rostock gebeten, für uns "Von der Freiheit eines Christenmenschen" möglichst kurz und verständlich zusammenzufassen:

Mit der "Freiheit eines Christenmenschen" ist eine Freiheit gemeint, die sich denjenigen eröffnet, die glauben, dass sie durch Christus vor Gott gerechtfertigt sind. Wer das glaubt, sieht sich als von Gott gerechtfertigt oder anerkannt, ohne sich diese Rechtfertigung oder Anerkennung erst durch "gute Werke" erarbeiten zu müssen. Unter "guten Werken" versteht Luther religiöse Leistungen, die sowohl Frömmigkeitsübungen sein können als auch – und zwar vor allem – das Verhalten gegenüber anderen Menschen. Luther fasst die christliche Freiheit also als ein von Gott selbst eröffnetes Freisein von religiösen Forderungen, von religiösem Leistungsdruck auf. Das Bewusstsein dieser Freiheit, so Luthers Überzeugung, verändert die Einstellung des Christenmenschen nicht nur zu Gott, dem fortan mit Liebe anstatt mit Angst begegnet werden kann, sondern auch zu sich selbst und zu anderen. Zu sich selbst, weil bei allem unausweichlichen Scheitern an den berechtigten Ansprüchen anderer (die ja ebenfalls durch Gott legitimiert sind) der Christenmensch sich dennoch nicht mehr als auf sein Scheitern festgelegt und abgeurteilt sehen wird: In diesem Sinne spricht Luther im Freiheitstraktat und anderswo vom Glauben als Zuversicht. Die Einstellung zu anderen wird verändert, weil der Christenmensch diese anderen nicht mehr zu Exekutionsobjekten der eigenen Frömmigkeitsbemühungen degradieren muss, beispielsweise zu willkommenen Empfänger*innen von Almosen, an denen man seine Mildtätigkeit demonstrieren kann.

Der Glaube verändert das Wollen und das Handeln

Erst Glaubende sollen also in der Lage sein, andere Menschen nicht mehr zum Zweck der eigenen Seligkeit (oder der eigenen Selbstgefälligkeit) zu instrumentalisieren, sondern ihnen so zu begegnen, dass sie als Personen eigenen Rechtes, mit eigenen Bedürfnissen und Interessen, in den Blick kommen. Luther geht sogar noch einen Schritt weiter: Glaubende können dies nicht nur, sondern sie wollen es auch, und sie tun es nach Kräften. Tun sie es nicht, müssen sie sich fragen, ob sie tatsächlich glauben. Denn das Bewusstsein der christlichen Freiheit soll sich so auf die Einstellung des Christenmenschen auswirken, dass der Christenmensch nicht mehr das eigene Wohlergehen zum Ziel seines Handelns macht. Er weiß ja, dass er dies, dank des Handelns Gottes, nicht mehr nötig hat. Ziel ist nun vielmehr das Wohlergehen anderer, übrigens einschließlich der "Feinde". Darum folgt bei Luther die Liebe (verstanden als Nächsten- und als Feindesliebe) aus dem Glauben an das eigene Gerechtfertigtsein: Der Glaube verändert das Wollen und damit auch das Handeln. Er macht, schlicht gesprochen, gut.

Zur christlichen Freiheit gehört entscheidend, dass der Christenmensch sich nicht mehr an moralischen Leistungskatalogen zu orientieren hat, sondern dass das in einer gegebenen Situation Richtige (das Liebevolle) stets in sein eigenes Urteil gestellt ist. Die christliche Freiheit ist darum auf Selbstständigkeit gerichtet: Sie manifestiert sich als Gewissensfreiheit. Das heißt, dass in ein und derselben Situation zwei Christenmenschen unterschiedlich handeln können, ohne dass einem von beiden (oder beiden) das Selbstverständnis des Christseins abgesprochen werden darf, solange nicht ein Verstoß gegen das Liebesgebot vorliegt. Ob wiederum ein Verstoß gegen das Liebesgebot vorliegt oder nicht, lässt sich außer in eklatanten Fällen nur vom Handelnden selbst beurteilen, weil, wie Luther sagt, niemand dem anderen ins Herz sehen kann. Das bedeutet dreierlei.

  • Erstens: Es lässt sich meistens einer Handlung von außen nicht ansehen, ob sie aus Liebe vollzogen wird oder nicht. Die diesbezügliche Deutungshoheit liegt zunächst beim Handelnden.
  • Zweitens: Weil Menschen nicht leben können, ohne zu handeln, ist keine Situation, und sei sie noch so unbedeutend, ohne ethische Bedeutung. Sogar etwas vermeintlich so Unbedeutendes wie das Aufheben eines Strohhalmes kann, so Luthers berühmtes Beispiel, ein gutes Werk sein, nämlich dann, wenn es aus Liebe getan wird beziehungsweise aus dem Glauben heraus, dass man das Aufheben des Strohhalmes nicht nötig habe, um gerechtfertigt zu sein.
  • Drittens: Das Gute – im Sinne der Liebe – lässt sich nicht quantifizieren; es steht nicht in einem gegenseitigen Überbietungswettbewerb.

Politische Konsequenzen

Kritisiert worden ist Luther in diesem Zusammenhang dafür, dass er die christliche Freiheit exklusiv dem "inneren Menschen" zugeschrieben, sie also als eine Freiheit des Gewissens deklariert hat, und nicht dem "äußeren Menschen", der physisch in der Welt unterwegs ist. Dieser Vorwurf (prominent vorgetragen zum Beispiel von Karl Marx) ist bedenkenswert, zumal angesichts der Anschmiegsamkeit an die gesellschaftlichen Machteliten, die das Luthertum, geschichtlich betrachtet, immer wieder an den Tag gelegt hat. Tatsächlich hat Luther bekanntermaßen den Fürsten empfohlen, die revoltierenden Bauern niederzuschlagen: mit der Begründung, dass die Bauer dabei seien, mit Hilfe von Gewalt die öffentliche "Sicherheit" zum Schaden aller – und damit entgegen der Liebe – zu untergraben. Weniger bekannt ist, dass Luther, im Blick auf seine These ganz folgerichtig, den sich christlich verstehenden Fürsten nahelegen konnte, die Interessen ihrer Untertanen wahrzunehmen, eigentlich also als Diener ihrer Untertanen zu agieren. Denkt man dies weiter, so müssten die Grenzen zwischen Fürsten und Untertanen letztendlich bis zur Unkenntlichkeit verwischen; und tatsächlich konnte Luther gelegentlich vorsichtige Zweifel an der prinzipiellen Vereinbarkeit einer Existenz als Fürst und als Christ andeuten. In der Binnenlogik des Lutherischen Modells liegt es demnach zwar, sich (anders als die Bauern) nicht etwas zu nehmen, was einem nicht eingeräumt wird; es liegt aber auch darin, dafür zu sorgen, dass andere das haben, was ihnen guttut. Derselbe Luther also, der den Christenmenschen empfehlen konnte, der Obrigkeit Folge zu leisten, weil die Obrigkeit in einer Welt, in der nicht nur Christenmenschen leben, den Frieden sichere, derselbe Luther ließe sich auch im Sinne einer radikalen Sozialutopie von wechselseitiger Sorge lesen, sofern Christenmenschen sich ihrem eigenen Anspruch nach so in den Dienst anderer Menschen stellen sollten, dass in der Folge auch für deren äußere Belange gesorgt wäre. In letzter Konsequenz hieße das, gerechte Wirtschafts- und Sozialverhältnisse herzustellen, so dass gar keine Notwendigkeit mehr bestünde, sich die Freiheit der "äußeren" Lebensverhältnisse erst noch konfrontativ erobern zu müssen. Aus dieser Perspektive nimmt Luthers Ethik sich unter demokratischen Verhältnissen deutlich freundlicher aus als unter feudalistischen.