Skandal auf dem Kirchentag!

Hand mit Fahne auf der "Fuck" steht.

Foto: sir_hiss/photocase.de

Na, hat es geklappt? Haben Sie weitergelesen aufgrund dieser Überschrift? Dann bleiben Sie ruhig dabei – und erfahren Sie, wieso ein Gottesdienst ein Skandal ist, beziehungsweise sein sollte…

Was ist denn überhaupt ein Skandal? Laut Duden steht das Wort für ein Geschehen, das Aufsehen und Ärger erregt (so gesehen könnte diese Überschrift auch schon selbst ein Skandal sein). Es stammt vom kirchenlateinischen "scandalum", das wiederum auf das griechische "scandalon" – Anstoß, Ärgernis – zurückgeht.

Der Medienwissenschaftler Steffen Burkhardt bezeichnet den Skandal sogar als "christliches Konzept". Der Skandal sei "ein Kernbegriff des Alten Testaments", so Burkhardt: "Das Skandalon bezeichnet darin alles Böse, das von Gott wegführt."

Ein ganz anderes christliches Konzept hingegen – nämlich ein positiv einsetzbares – sieht der Theologe Johannes M. Modeß darin. Er beschreibt in seiner Dissertation über den Gottesdienst als Skandal, wie dieser das Ausgeblendete sichtbar macht – ganz auf der Linie des Kirchentagsmottos "Du siehst mich". Er sieht sich damit in der Nachfolge des Apostels Paulus, der vom Skandal des Kreuzes spricht. Modeß' These: "Skandale sind Bilder, die nicht ins Bild passen."

Dabei funktionieren sie in einem Dreischritt: Zuerst kommt die Normüberschreitung, dann folgt die Enthüllung und schließlich die Entrüstung. Skandale leben also von der Unterwanderung eines zuvor konstruierten Bildes. Modeß nun fordert mit Paulus, dass Verkündigung ein Skandal sein muss. So nämlich ließen sich die theologische und die politische Dimension des Gottesdienstes miteinander verbinden. Im Klartext: Andere Bilder und eine andere Sprache müssen her! Denn wenn es stimmt, was unter anderem die zurzeit viel beachtete Theoretikerin Elisabeth Wehling in ihrem Buch "Politisches Framing" darlegt, formen die Begriffe, die benutzt werden, das politische Bewusstsein. Ein Wort wie "Flüchtlingswelle" lässt gar keinen positiven Umgang mit dem Sachverhalt der Migration mehr zu, ist es erst einmal im kollektiven Bewusstsein. So konstruieren letztendlich Begrifflichkeiten die gesellschaftliche Realität.

Es geht nicht um den Gottesdienst als Krawall

Wenn das aber so ist, so die Schlussfolgerung von Modeß, dann können andere Bilder und andere Sprache auch etwas im positiven Sinne verändern. Zum Beispiel, indem sie Marginalisierte in den Mittelpunkt stellen, Ausgegrenztes sichtbar machen.

Der Theologe und Psychologe Peter Bukowski springt Modeß da bei: Der Skandal sei eine theologische Kategorie, so Bukowski. Es gehe dabei um das "Ungeheuerliche". Nicht aber um den Gottesdienst als Krawall. Da sind sich alle Teilnehmenden auf dem Podium dieser Kirchentagsveranstaltung einig: Der Skandal ist kein Selbstzweck, kein Wert an sich - dann wäre er reine Provokation. Es muss ein Ziel haben, einen Grund – und nachhaltig sein.

Bei den Beispielen, die die Teilnehmenden nun präsentieren, wird schnell klar, dass ein Skandal auch nur in seiner jeweils speziellen kulturellen Umgebung funktioniert. So kann es nur bei einem musikalisch hochgebildeten Publikum irritieren, wenn man bei der Predigt im Kantatengottesdienst im Advent den Wert von Liedern wie "Leise rieselt der Schnee" herausstellt und den Zuhörenden so vor Augen führt, wieviele Menschen tatsächlich durch diesen vermeintlichen "Kitsch" mit der Weihnachtsbotschaft erreicht werden. Nach der Bachkantate dies dann vielleicht naserümpfend singen zu müssen, kann schon einiges Nachdenken bewirken, wie Peter Bukowski erklärt.

Und in einer bürgerlichen württembergischen Gemeinde wiederum irritiert es anfangs gewaltig, das Thema "Ankunft" im Adventsgottesdienst anhand der Schicksale der Russlanddeutschen aus der eigenen Gemeinde zu thematisieren, erzählt die Theologin und Künstlerin Birgit Mattausch. Die waren dort bisher nämlich nahezu unsichtbar, obgleich zahlreich vertreten: Das Ausgeblendete sichtbar machen.

Dass es dabei nicht um eine paternalistische Bevormundung der vermeintlich Schwächeren geht, verdeutlicht Mattausch, indem sie unterstreicht, dass man diesen Menschen nicht bloß eine Stimme geben müsse, sondern auch Raum zum Entfalten: "An Resopaltischen zu sitzen, Apfelschorle zu trinken und endlose Gespräche zu führen, findet die Mutter von Cheyenne nicht so geil!"

Bukowski formuliert diese "Anwaltschaft" sogar als "essentiellen christlichen Auftrag". "Wenn diejenigen, denen man seine Stimme leiht, sich dankbar dafür zeigen, dann hat man alles richtig gemacht", so seine Analyse. Und Mattausch ergänzt: "Wenn ich meine Brüche im Leben nicht verheimliche, meine Wunden zeige – dann zeigen mir andere auch ihre."

"Mach' die Vergwaltiger impotent!"

Im Gottesdienst muss das Skandalisieren nicht auf die Predigt beschränkt bleiben. Es kann in Bildern passieren, in Performances, in begleitenden Handlungen – das zeigen viele Beispiele. Und natürlich auch beim Beten. So darf man bei einem Fürbittengebet für vergewaltigte Frauen und Mädchen mit dem Psalmbeter auch rufen "Mach die Vergewaltiger impotent! Fall ihnen in den Arm!" Schließlich handelt es sich hier um einen Notschrei, nicht um ein "Gesinnungsgebet", wie Bukowski es nennt, oder einen moralischen Appell. Es ginge ja schließlich nicht um die Anrufung der Gemeinde unter Zuhilfenahme Gottes, sondern umgekehrt!

Man ist sich schließlich einig: Das Konzept "Gottesdienst als Skandal" braucht die Leidenschaft für die Sache – und damit auch den Mut, einen Fehltritt zu riskieren, statt alles allen recht zu machen. Und gleichzeitig ist auch klar: Skandal kann nicht alles sein im Gottesdienst. Es geht auch um Trost und die Feier des Lebens. Oder, wie es Bukowski formuliert: "Es gibt Predigten, die sich nur um Defizite drehen – da versagt einem wirklich das Deo!"