"Ein Kreuz zu tragen ist unsere Aufgabe"

Karfreitagsprozession im Osten Jakartas.

Foto: imago/Xinhua

Indonesische Katholiken während einer Karfreitagsprozession im Osten Jakartas im April 2014.

"Ein Kreuz zu tragen ist unsere Aufgabe"
Indonesische Christen fürchten Anschläge zu Ostern
Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in Indonesien ist spannungsreich. Indonesische Islamisten diffamieren und bedrohen Christen im Land. Doch die Christen lassen sich nicht entmutigen und gemäßigte Muslime stehen an ihrer Seite.

Kurz vor Ostern hat der indonesische Regierungsbezirk Bogor einer Kirche der Methodisten sowie einer Kirche der Batak-Protestanten in Parung Panjang das Feiern von Gottesdiensten verboten. Eine katholische Sonntagsschule musste ihre Pforten schließen. Mit diesen Anordnungen knickte Nurhayanti, Regierungspräsident von Bogor, vor der radikalen Muslimorganisation "Group 11" ein, die mit Demonstrationen die Schließung der drei Gotteshäuser gefordert hatte.

Vor indonesischen Medien gestand der Regierungspräsident Nurhayanti, der wie viele Indonesier nur einen Namen hat, seine Machtlosigkeit. Er sei nicht in der Lage gewesen, so Nurhayanti kleinlaut, die Sicherheit der Kirchen zu gewährleisten. Bogor gehört zu Westjava. Die Nachbarprovinz von Jakarta gilt als Hochburg der radikalen Muslime. Laut dem Setara Institute für Demokratie und Frieden in Jakarta wurden 2016 die meisten Fälle religiöser Intoleranz aus Westjava berichtet. Zusammen mit anderen Millionenstädten wie Bekasi bildet Bogor die Metropolenregion Jakarta mit rund 30 Millionen Einwohnern.

Allerdings ist Jakarta selbst mit seinen rund elf Millionen Einwohnern eine eigene Provinz. Obwohl die indonesische Hauptstadt eher moderat und weltoffen ist, haben die Islamisten die Metropole zur Bühne für ihre direkte Herausforderung der in der Verfassung garantierten säkularen Grundlage des indonesischen Staates gewählt.

Anlass sind die Gouverneurswahlen. Der Salafist Rizieq Shihab und seine mächtige Islamische Verteidigungsfront (FPI) wollen mit aller Gewalt die Wiederwahl des Amtsinhabers Basuki Tjahaja "Ahok" Purnama verhindern. Ihr einziger Grund: Ahok, wie der 50 Jahre alte Gouverneur gemeinhin genannt wird, ist Christ.

In seiner Kampagne gegen Ahok berief sich Rizieq so lange auf den Koranvers Koranvers Al Maidah 51 bis es Ahok zu bunt wurde. Der Christ kritisierte die politische Instrumentalisierung des Koran und lieferte damit der FPI eine Steilvorlage. Rizieq brachte Ahok wegen Blasphemie vor Gericht. In dem Koranvers Al Maidah 51 heißt es, Muslime sollten "keine Juden oder Christen als Bundesgenossen nehmen". Obwohl prominente Islamgelehrte zu Gunsten von Ahok aussagten, ist eine Verurteilung wahrscheinlich. Noch nie wurde in Indonesien jemand vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen.

Muslimische Jugend schützt an Ostern Kirchen

In dieser Situation liegen in der Karwoche und an den Ostertagen die Nerven der indonesischen Christen in Jakarta, in Bogor und Bekasi blank. Reverend Jerry Sumampouw sagte im Namen des Dachverbands der protestantischen Kirchen PGI, Christen müssten in diesem Jahr während der Heiligen Woche besonders wachsam sein. "Nach außen hin sind wir guter Dinge, aber wir sind auf der Hut."

Die Sicherheitsmaßnahmen für die Kirchen in der Heiligen Woche sind in diesem Jahr wegen der angespannten Stimmung in Jakarta besonders hoch. Zudem geht die Angst vor Terroranschlägen aus Rache für die am Palmsonntag von der Polizei in Ostjava erschossenen sechs mutmaßlichen Terroristen um. Die Männer sollen der Jemaah Anshorut Daulah angehört haben, einer Art Dachverband indonesischer Gefolgsleute der Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

An Karfreitag und zu Ostern werden zehntausende Polizisten und Soldaten zum Schutz der Gottesdienste aufgeboten und Kirchen mit Sprengstoffhunden auf versteckte Bomben untersucht. Die Gläubigen sind gehalten, keine Taschen zu den Gottesdiensten mitzubringen. Zudem unterstützt die Jugendorganisation der mit rund 40 Millionen Mitgliedern größten islamischen Massenorganisation Nahdlatul Ulama (NU) die Sicherheitskräfte beim Schutz der Kirchen.

Alltägliche Schikanen und Attacken

Die Terrorgefahr ist das eine. Dramatischer, weil alltäglicher, sind jedoch die alltäglichen Schikanen und Attacken gegen Christen wie die in Bogor, die laut des Jahresberichts des Setara Institute for Democracy and Peace zunehmen. Im vergangenen Jahr seien 204 Fälle von Verletzungen der Religionsfreiheit in Indonesien aktenkundig geworden. 2015 seien es 196 und 2014 nur 134 gewesen.

Besorgniserregend ist auch das Ziel der radikalen Muslime, mit ihrer Kampagne gegen den Christen Ahok unter den mehrheitlich moderaten indonesischen Muslimen Anhänger für einen islamistischen Umsturz in Indonesien zu rekrutieren.

Die indonesische Regierung ist sich der Gefahr bewusst, wie die Verhaftung des Anführer des Muslim People's Forum (FUI), Ende März zeigt. Al Khaththath, einer der Führungspersönlichkeiten der islamistisch-populistischen Bewegung gegen Ahok, wird Verrat und Verschwörung vorgeworfen.

Wahlniederlage für Islamisten

Immer häufiger zeigen moderate Muslime ihren radikalen Glaubensgenossen die rote Karte. So geschehen zum Beispiel kurz vor Weihnachten in Bandung. Islamisten stürmten die Adventsfeier einer protestantischen Gemeinde. Sie hatte die Rechnung ohne Ridwan Kamil, Bürgermeister von Bandung, gemacht. Der Bürgermeister entschuldigte sich auf seiner offiziellen Instagram-Seite für sein Versäumnis, nicht für die Sicherheit der Weihnachtsfeier gesorgt zu haben

In Bekasi stellte sich kurz vor Ostern Bürgermeister Rachmat Effendi vor die katholische Kirchengemeinde St. Clara. Islamisten forderten bei Demonstrationen den sofortigen Stopp des Baus der Kirche. Nichts da, sagte Rachmat Effendi. Die Gemeinde St. Clara habe alle erforderlichen Genehmigungen, der Bau könne weitergehen.

Beeindruckend sind auch die (mehrheitlich muslimischen) Wähler von Jakarta. Trotz der massiven islamistischen Kampagne, trotz zweier islamistischer Massendemonstrationen mit mehreren Hunderttausend Teilnehmern, trotz der Propaganda der Islamisten in den Moscheen Jakartas gegen Ahok und trotz der Drohung gegenüber Muslimen, sie seien Ungläubige, wenn sie Ahok wählen, ging der amtierende Gouverneur bei der ersten Wahlrunde am 15. Februar 2017 mit 43 Prozent der Stimmen als erster durchs Ziel.

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Hinzu kam eine weitere Schmach für die FPI. Mit nur 17 Prozent landete Agus Yudhoyono weit abgeschlagen auf dem dritten Platz. In Jakarta pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass der Vater des Kandidaten, Ex-Präsident Susilo Bambang Yudhoyono, und seine Partei "Demokraten" zu den Finanziers der islamistischen Ahok-Gegner gehörten. Die Stichwahl am 19. April 2017 tragen der Christ Ahok und der moderate Muslim Anies Basdewan aus. Acht Tage vor der Wahl liefern sich beide ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Die religiösen Spannungen aber bleiben, egal wie die Wahl ausgeht. Die Islamisten sind gut organisiert, gut finanziert und gut vernetzt. Sollte Ahok vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen werden oder mit einer – aus Sicht der Islamisten – zu milden Strafe davonkommen, sind massive islamistische, antichristliche Proteste in Jakartas Straßen vorprogrammiert.

Indonesiens Christen sind entschlossen, dem Druck der islamischen Hardliner zu widerstehen. "Egal was passiert, wir feiern die Heilige Woche in dem Ladenlokal, in dem auch unsere Sonntagsgottesdienste stattfinden", sagt Rasnius Pasaribu, Sprecher de katholischen St.-Clara-Gemeinde in Bekasi. Die Methodisten in Parung Panjang wollen ebenfalls den Islamisten trotzen und Ostern in ihrer Kirche feiern. "Wir haben keinen anderen Platz", sagt Reverend Abdi Saragih und fügt hinzu: "Es ist nicht immer einfach, ein Christ zu sein. Ein Kreuz zu tragen ist unsere Aufgabe."